/ISSENSCHAFTLICHE CHENSCHRIFT JE FOLGE 2.BAND _ 1902/3 ERAUSGEGEBEN VON Or H-POTONIE UND D-T-KOERBER r JENA- VERLAG GUSTAV FISCHER *«*^^A^Ä9yiW^^Vrt«*MW0i«6eWS^^ -. Kw;!i>?o['»fivimws?i»i:'rAgHmnw>-^xi&!^ - ^wLLA^ Naturwissenschaftliche Wochenschrift. REDIGIERT Prof. Dr. H. POTONIE, VON UND Dr. f. KOERBER, KGL. LANDESQEOLOGEN KCL. OBERLEHRER IN GROSSLICHTERFELDE BEI BERLIN. NEUE FOLGE II. BAND (DER GANZEN REIHE XVIII. BAND). (OKTOBER 1902 — SEPTEMBER 1903.) JENA. VERLAG VON GUSTAV FISCHER. 1903. Alle Rechte vorbehalten. Register. Allgemeines und Verschiedenes. Aschcrson, Definitionen für Art, Unterart etc. l8o. Böse, Elelitrischc Reaktion gereizter lebender Materie (mit Abb.) 154. Dennert, Lebenskraft (Orig.) 160. Detto, Deduktive Berechtigung und Ableitung des Mechanismus in der Biologie. (Ol .g.) 37- Ebert, Eine merkwürdige Zahl. (Orig. m. Abb.) 277. France, Hat der Vitalismus wiss. Berechtigung f (Orig. m. Abb.) 605. Graebner, F., Zur Wissenschaflslehre. (Orig.) 517,- vonderHeyden, Einfaches Kunststück. (Orig. m. Orig.-Abb.) 309. Jaekel, Erwiderung auf Plate's Kritik. (Orig.) 234- Klein, Methode der Philosophie. 520. Meisenheimer, Methode der Variationsstatistik. (S. R. mit graph. Darst.) 229. Plate, Ueber Jaekcl's Schrift „Die verschiedenen Wege phylogenetischer Entwicklung". (Orig.) loi. Plate, Weismann's Vorträge über Deszendenz- Theorie. (Orig. m. Abb.) 253. Potonie, Ueber die Lebenskraft. 228. Ruppin, Geschichte des biogenetisclicn Grund- gesetzes. (Orig.) 133. Schmidt, Max C. P., Herkunft und Grund- bedeutung des Wortes Summe. (Orig.) 193. Siebert, David Hume. (Orig.) 436. Thomae, Lebenskraft. (Orig.) 77, 236. Tigersted t, Zur Physiologie der naturwissen- schaftlichen Forschung. 583. Wächter, Problem der Urzeugung. (Orig.) 493. V. Wettstein, Ueber direkte Anpassung. 151. Wittmack, Das Wort ,, Gemüse". 115. Das metrische Masssystem in Amerika. 371. Postmortale Prozesse. 475. Preise der französischen Akademie. 237. V. Reinach-Preis. 311. Wundersame Geschöpfe in der Phantasie unserer Altvordern. 328. Anthropologie und Verwandtes. Baelz, Wirkung der Sonne auf die Rassen. 54. Ebert und Pflüger, Farbenempiindlichkeit des Auges. 130. Heinroth , Ueber Linkshändigkeit. (Orig.) 192. H diesen, Altertumsreste im Stavunger Amt. 79. Kali de, Ueber die Tierzeichnungen in den neuentdeckten Höhlen in Fiaiikreich. (Orig.) 42. Kandt, Kannibalismus im Herzen Afrikas. 6ij. Kopsch, Gehörapparat des Mer sehen. ]o6. Kramberger, Der paläolithische Mensch von Krapina. 68. Krämer, Wie auf Sanioa gefischt wird. 523. Pflüger s. Ebert. Schlodtmann, Optische Lokalisation bei Blindgeborenen. 414. Tonn ig es, Ursprung u. Alter des Menschen- gesclilcchts. (Orig.) 613. Verneau, Neue Menschenrasse. 177. Wien, EmpfindliclLkeitskurve des Ohres. 117. Wilser, Zuchtwahl beim Menschen. 28. Wilser, Die Juden. (Orig.) 144. Wilser, Entstehung und Entwickelung des Menschengeschlechtes. (Orig.). 505. Wilser, Ueber den Neanderthal- Schädel. 576. Die Bevölkerung Chinas. 5c. Wiederkäuer in menschlicher Gestalt. 475. Zoologie. Adams, Neues vom Maulwurf. 378. Baenitz, Mauersegler. (Orig.) 307. Brüning, Rana agilis. 476. V. Buttel-Reepen, Geschlechtsbestimmende Ursachen. (Orig.) 377. V. Buttel-Reepen, Phylogenetische Ent- stehung des Bienenstaates (mit Abb.). 510. Calkins, Lebensenergie und -dauer der In- fusorien. 307. Carl, Rinderfinne in Süddeutschland. (Orig.) 330. Darwin, Ueber Beziehung der Katzen zum roten Klee. 192. Delage, Künstliche Parthenogenese. 596. Eckstein, Der märkische Kiefernwald und ■seine Bewohner. 320. Fauth, Bewegung der Sechsfüsser. (Orig.) 20. Fischer, Seit wann ist in Deutschland der Be- griff ,, Zugvogel" bekannt? (Orig.) 577. Forel und Dufour, Empfindlichkeit der Ameisen für Ultraviolett und Röntgen- strahlen. 329. Forest, Leben des Strausses. 597. Gothan, Musikalische Begabung der Papageien. (Orig. mit Orig.-Abb.) 472. Granger, Zwergtrappe. 617. Hachct-Souplet, Wie orientiert sich die Brieftaube auf ihrem Fluge? 547. Heath, Ueber die biologischen Verhältnisse der Termiten Kaliforniens. 57:. Jacobi, Verbreit, und Lehre des Ziesels. 618. Junker, Jugendkleid des Okapi. 486. Keilhack, L. (nicht K.), Drepanothrix dentata Euren, bei Berlin gefangen. (Orig.) 477. Kipping, Der gegenwärtige Stand meiner Ent- wicklungs-Theorie der Honigbiene. (Orig.) 313- Kolbe, Auerochs und Wisent. (Orig.) 8. K o 1 b e , Ueber das Fehlen von Beinen bei der Feldgrille u. s. w. (Orig.) 22. Kolbe, Larve von Meloe. (Orig.) 612. Kolbe, Cecidomya. (Orig.) 612. Koltze, Fauna Hamburg-^nsis. 69. Koorders, Symbiose einer grünen Alge mit einem Süsswasserschwamm. 476. Kreidl u. a., Das Gehör der Fische. 533. Lang, Hören die Wassertiere? 342. von Linden, Zeichnung der Tiere. (Orig. mit Orig.-Abb.) 205. L i n d n e r , Regelmässiger Befund spez. Monaden in den Miasta'schen Schläuchen. (Orig.) 315. Löske, Einfl. elektr. Ströme auf Metazoen. 61S. Lucks, Die Floscularien. (Orig. mit Orig.-Abb.) 589. Matschie, Giebt es mehrere Arten von Wild- pterden? (Orig. mit Orig.-Abb.) 581. Micha eisen, Oligochaeten-Fauna des Tclezki- schen Sees. 562. Möbius, Ueber die portugiesische Auster. (Orig.) 168, Moreau, Beni-Israel od. Dig-Dig (Antilope). 178. Moreau, Gazellen des Somallandes. 427. Ostwald, Zur Lehre vom Plankton. (Orig. mit Orig.-Abb.) 481. Paehler, Begattung des Ohrwurmes. ((->rig. mit Orig.-Abb.) 344. Pearl, Einflüss elektrischer Ströme auf niedere Tiere (mit Abb.). 585. Prowazek, Fibrilläre Zellsirukturen. (Orig. mit Orig.-Abb.) 91. Raspail, Mauersegler. 177. Richters, Parasit (Lernaeonema encrasicoli) der Sprotte. 370. Rothe, Das Leben der Hummeln. (Orig.) 457. Sajö, Nützlichkeit der Ameisen. 392. Schmaltz, Gehen und Stehen der Pferde. 429. Schmankewitsch, Artemia salina (Krebs- art). 185. Spelt er, Zoologisches aus dem 12., 13. und 18. Jahrhundert. (Orig.) 474. Stauffacher, Gehörorgan der Reblaus. 415. Thiele, Die Blutlaus. 316. Ti ch omirof f , Künstliche Befruchtung tierischer Eier. 161. Trouessart, Przewalski's Pferd. 186. Vanh offen siehe Wcrth unter Botanik. Verworn, Rhumbler etc., Zur Biologie der Difflugia (mit Abb.). 160. Vosseier, Blutspritzen, Selbstverstümmelungen und Sichtotstellen bei Tieren. 462. Vosseler, Biologie der Orthopteren. 498. Wallengren, Einfluss galvanischer Ströme auf Protozoen (mit Abb.). 294. Wassmann, Symphilie bei .Ameisen und Ter- miten-Gärten. 607. Weber, Entstehung des indo- australischen Archipels und seiner Tierwelt. 274. Werner, Biologie der Reptilien u. Batrachier. 405. Wittmack, Ameisenlöwe. 612. Wol terst orff , Expcrim. Nachweis der Bastard- natur des Triton Blasii. (Orig) 619. Zang, Die Stimme der deutschen Lacerten. 561. Blutlaus. 316, 552. Insektenleben unter dem Eise. 451. Pancreas. 96. Przewalski-Pferd. 276. Vogelbcrg auf Helgoland. 204. Zellerkrankungen. 31. Botanik. Amberg, Korkbildung im Blütenstiel von Nuphar. 178. Aschkinson und Caspari, Wirkung der Becquerel-Strahlen auf Bakterien. 186. 38828 IV Register. Baenitz, Betula nana in Schlesien. (Orig.) 319. Bauers te d t, LeuchtendePflanzcn. (Orig.) 487. Bokorny, Pliysiologische Vorgänge bei der Keimung der Samen. (S. R. mit Abb.) 169. Bonnier, Kulturexperimente an Pflanzen. 295. Brenner, Beobachtungen über die nordiinnische Flora. 128. Burri, Bakterien auf leb. Pflanzen. 619. C h a p i n , Einfluss der Kohlensäure auf das Wachstum der Pflanzen. 379. Ostwald s. Zoologie. P e n z i g , Fortschritte der Flora des Krakatau. 495. Pisc hinger, Assirailationsapparat von Strcpto- carpus und Monophyllaea. 526. Potonie, Ein Blick in die Geschichte der botanischen Morphologie mit besonderer Rücksicht auf die Pericaulom-Theurie (Orig. mit Orig.-Abb.) 3. Potonie, Zur systematischen Stellung der Algen und Pilze. (Orig.) 360. Daniel, Kopulation von Scopolia auf Solanum. Preuss, Seltenere Bestandteile des ostpreuss, 164. Ebert, Beispiel zum Kampfe ums Dasein in d. Pflanzenwelt. (Orig.) 597. E 1 b r o d t , Bakterien als Erreger von Pflanzen- krankheiten. 272. Gabritschews ky, Bedeutung der Calcium- salze für Bakterien. 417. Centn er, Fremdlinge in der deutschen Flora. 'Orig.) 75- Gerassimow, Einfluss des Kernes auf das Wachstum der Zelle (mit Abb.). 406. Glück, Stipulargebilde bei Monocotyledonen. 162. G o ebel etc., Regeneration der Algen (mit Abb.). 199. Graebner, P., Ueber natürliche systematische Gruppen im Pflanzenreich. (Orig.) 64. Graebner, Vegetationsbedingungen jüngerer und älterer Gehölzpflanzen in der Heide. (Orig. mit Orig.-Abb.) 325. Graebner, Vergrünung von Primula. 540. Graebner, Fremdlinge in unsrer deutschen Flora. (Orig.) 477. Haberlandt, Die Statolithentheorie bei den Pflanzen (mit Abb.) 524. Haberlandt, Kulturversuche mit isolierten Pflanzenzellen. 533. H c i n e c k , Beobachtungen über Pavia lutea. (Orig. mit Orig.-Abb.) 416. Heinricher, Licht und Samenkeimung. 283. Hermann, Vermehrung eines Pflanzenbastardes im Freien. (Orig.) 199. Hiltner, Keimung der Leguminosen-Samen. 32. Hoogenraad, Variabilität der Petalenzahl von Ficaria. (Orig.) 258. Hoogenraad, Die graphische Darstellung der Variation. (Orig. mit Orig.-Abb.) 548. J o d i n , Wirkung des Sonnenlichts auf Pflanzen- samen. 80. Johannsen, Ueber Rausch und Betäubung der Pflanzen. (Orig. mit Orig.-Abb.) 97. Klecmann, Befruchtung von Obstbäumen und Blumen in Treibhäusern. 452. K n y , Einfluss des Lichtes auf das Wachstum der Bodenwurzeln. 308. K o e h n e , Carpinus betulus mit „Eichenblättern". (Orig.) 528. Ko Orders s. Zoologie. Krause, Ernst H. L., Gattungsgrenzen im Pflanzenreich. (Orig.) 330. Krzemienicwski, Einfluss von Mineralnähr- salzcn auf den Verlauf der Atmung von keimenden Samen. 499. Küster, Ueber abnormale Gewebewucherungen an Pflanzen. (Orig. mit Orig.-Abb.) 565. Lindau, Neuere Forschungen über Hefepilzc. (S. R. mit Abb.) 42. Lindau s. Technik. Lindemuth, Pfropfung von Lack auf Kohl (mit Orig.-Abb.). 165, 355. Molisch, Goldglanz bei einer Flagellate (mit 464. Ueber Heliotropismus im Bakterien- 562. Leuchtendes Fleisch. 403. Schwebevorrichtungen gewisser Blau- 452- Kulturversuche des Hausschwammcs. Abb.). M o 1 i s c h , licht. Molisch, Molisch, algen. Möller, 428. Möller, Tropisches Pilzleben. 383. Möller, Wachstum junger Kiefern. 572. Nestler, Sekret der Drüsenhaare der Gattung Primula. 428. Nilson, Soredienbildung bei den Flechten. 514. Oels, Bedeutung der Transpiration für die Pflanzen. (Orig.) 115. Vegetationsbildes. (Orig.) 158 Rosenbach, Thermotropische und heliotro- pische Erscheinungen bei Sauromatum. (Orig.) 126. Schau dinn, Bacillus Bütschlii. 311. Schaudinn, Bacillus sporonema. 608. S c h 1 i c k u m , Vermehrung eines Pflanzenbastardes im Freien. (Orig.) 282. Schneider, Camillo, Bedeutung der Merk- male im blattlosen Zustande für die Unter- scheidung der Gehölze. (Orig. m. Abb.' 553. Schroeder, Gallertbildungen der .Mgen. 587. Schulz, Ein Pfeilgift aus Deutsch- Westafrika. (Orig. m. Orig.-Abb.) 469. Schwendencr, Ueber den gegenwärtigen Stand der Descendenzlehre in der Botanik. (Orig. mit Orig.-Abb.) 121. Seckt, Wirkung der Röntgenstrahlen auf die Pflanzen. (Orig.) 49. Seckt, Ernährungsprozesse der Tiere und Pflanzen. (Orig.) 252. Seckt, Bewegung der Desmidiaceen. (Orig.) 480. Stange, Transpiration und Osmose bei Pflanzen. (Orig.) 271. Svedelius, Algenflora der Ostsee. 128. T i 1 1 m a n n s. Das Fadenziehendwerden des Brotes und das Fadenziehend- und Schleimigwerden der Milch. 573. Trzebiüski, Einfluss verschiedener Reize auf das Wachstum von Phycomyces nitens. 513. V. Tubeuf, Borkenkäfer ode'r Blitzschaden? (mit Abb.) 526. Vogler, Wie weil können Samen durch Luft- strömungen getragen werden? (Orig. mit Orig.-Abb.) 137. Vogler, Variationskurven von Primula farmosa. 380. Volkens, Laubwcchsel tropischer Bäume, c. d e V r i e s , Entstehung neuer Formen im Pflanzen- reich. 380. Warburg, Stand der Kulturen in unseren Kolonien. 382. Werth und Vanhöffen, Fauna und Flora von Possession-Island. 307. Winkler, Nachträgliche Umwandlung von Blütenblättern u. -Narben in Laubblätter (mit Abb.). 344. W o t s c h a 1 1 , Aufnahme des Kaliums aus Ortho- klas und Muscovit in Pflanzen. 114. Zang, Fragaria Hauchecornei. (Orig.) 154. Farbstoffe in Blütenblättern. Hydrophyllum auf dem Gröditzbergc. 540. Pumpwerk in Schmetterlingsblüten. 12. Seeknödel. 228. Tabashir (Bambuszucker). 372. Vereinigung der Vertreter der angewanulcn Bo- tanik. 56. Palaeontologie. Pfaff, Entstehung von Chondriten-Bildungen (mit Abb.). 440. Potonie, Anweisung zum Sammeln von Fossilien des Carbon. 16S. Potonie, Palaeophytologische Notizen. Xlll. Fächer- und Maschenaderung der Spreiten. (Orig. mit Orig.-Abb.) 433. Stromer, Die alttertiären Säugetiere des Fajum. (Orig.) 145- Versteinerte Wälder. 216. Beyschlag, W^ ahnschaffe, Keilhack und L e p p 1 a , Zur Wünschelrutenfrage. (Orig.) 321. Deckert, Die westindischen Vulkan-.'Vusbrüchc. (Orig.) 212. Dittrich, Absorptions-Erscheinungen bei zer- setzten Gesteinen. 179. Etzold, Erdbebenbeobachtungen in Leipzig. 91. Fourteau und Pachundaki, Bildung des Nildeltas. 200. ' Frech, Erwiderung gegen Gaebler. (Orig.) 432. Gaebler, Erwiderung auf Frech's Kritik. (Orig.l 238. Gagel, Ueber die Wünschelrute. (Orig.) 224. Gagel, Grundwasser. (Orig.) 356. Hochreutiner, Ortsfeste Düne. 441. Jentzsch, Dünen. (Orig.) 213. Kalecsinszki, Warme Kochsalzseen in Ungarn. 272. K atz er, Bildung von Ortstein. (Orig.) 418. Keilhack s. Beyschlag. Lacroix, Die jüngsten .-Vusbrüche des Mont Pelee. 259. Lacroix, Gegenwärtiger Zustand des Mont Pelee. 245. Lacroix, Die Hauptergebnisse der Französischen geologischen Mission nach Martinique. 536. Lacroix, Mineral -Neubildungen beim Brande von St. Pierrre. 247. Lacroix, Erscheinungen von Endomorphismus in den Ruinen von St. Pierre. 453. Lacroix, Fumarolengase des Mont Pelee. 331. Lacroix, Gegenwärtiger Zustand der Soufriere. 48S. Lacroix, Weitere Beobachtungsergebnisse des Mont Pelee. 500. Lacroix, Vulkaneruption auf Saint-Vincent. 527. Lartet, Fourteau etc., Alter des nubischen Sandsteins. 211. Leppla s. Beyschlag. Lugeon, Entst. der Alpen (mit Orig.-Abb.) 534- Neuweiler, Schweizerische Torfmoore. 178. Pommer, Explosion auf einer Bergehalde. 252. R a m s a y , Finnlands geologische Entwicklung. 103. Rothpletz, Ursprung der Thermalquellen von St. Moritz (mit Abb.). 319. Schmidt, C, Alter der BUndner Schiefer. 236. Solger, Woher stammen die Coccolithen des Tiefseeschlammes? (Orig. mit z. T. Orig.- Abb.) 529. Suess, Ueber heisse Quellen. 261. Ussing, Kreideablagerungen Dänemarks. 187. Verneuil, Herstellung von Rubinen. 284. Voigt, Pyro- u. Piezomagnetismus der Krystalle. U7. Wahnschaffe s. Beyschlag. Walther, Der Slaubfall v. 1901 u. das Löss- problem. (Orig. m. Orig.-.^bb.) 603. Weber, C. A., Torf, Humus und Moor. 309. Wolff, W., Zur Kritik der Interglacial-Hypo- these. (Orig.) 301. Bodenfeuchtigkeit. 192. Organische Reste in Mineralien. 34. Schwefelkies in foss. Kohlen. 52S. Geologie und Mineralogie. A n d e r s s o h n , Erdbeben von Schcmacha. Bayle, Torfmoor bei Schulau. 33. Geographie und Geophysik. Bauer s. Meteorologie. Brühl, Im nördlichen Eismeer. 285. Covey, .■\pparat zum Messen der Schwerkraft (mit Abb.) 156. Grosvenor s. Günther. Günther und Grosvenor, Die unerforschten Gebiete der Erde. 44. Lampe, Fortschritte in der Landeskunde von Deutschland. (S. R.) 147- La m pe, Sven V. Hedin. (Orig. mit Kärtchen.) 289. Rceves, Die Ablenkung des Lotes in Indien (mit Kärtchen). 20. Rossmässler, Halbinsel Apscheron. (Orig. mit Orig.-Abb.) 195. Seidel, Zur Kenntnis der Mariannen. 393. 370. Weber, Entstehungsgeschichte des indoaustra- lischen Archipels. 514. Register. Physik. Augen hcister, Elastizität der Metalle. 394. Banti's Pliänomen 598. Bermbach, Direkte Gewinnung von Elektrizität aus Kohle. 165. Bernd t, Gasspectra im Magnetfelde. T2. Blondlot, Fortpflanzungsgeschwindigkeit der X-Strahlen (mit Abb.). 248. Blondlot, Eine neue Art Licht. 370. B 1 o n d 1 o t , Blondlot-Strahlen im Auerlicht. 500. Böse, Elektrizitäts-Leitung in elektrolytischen Glühkörpern. 139. Brookes s. Rulherford. Cowper-Coles, Parabolische Reflektoren. .'04. Eversheim, Leitfähigkeit und die Elektrizitäts- l;onstanten von Lösungsmitteln und Lö- sungen, g. F o r c h s. Geigel. Geigel, Forch etc., Absorbieren radioaktive Substanzen Gravitationsenergie? 454. Giltay, Apparat zur Demonstration der Licht- empfindlichkeit des Selens (mit Abb.). 371. Graden witz, Der Entropie-Begriff. (Orig.) 412. Graetz, Strahlungserscheinung. 297. Haga und Wind, Beugung der Röntgen- strahlen. 130. Härden, Luminescens des Urannitrats. 454. Hausrath, Gefrierpunktsdepressionen. 201. H e m p e 1 , Schmelzpunktbestimmungen bei hohen Temperaturen. 538. H es eh US, Oberflächendichte und Berührungs- elektrizität. 129. Hcussi. ßewegungsphänomen der galvanischen Elektrizität. 56, 132. Ilirschson, Lichtempfindliche galvanische Ele- mente. 117. Hornemann, Oxyd-Kohärer (mit Örig.-Abb.) 489. Köpsel, Rolle d. Erde b. d. Telegraphie ohne Draht. 609. Kossonogoff, Optische Resonanz. 297. Lee her, Künstliche Elektrisierung der Erd- kugel. 466. Lcduc und Sacerdote, Bildung flüssiger Tropfen und das Tale'sche Gesetz. 9. Lemströra, Elektrische Luftströme. 620. M a r e y , Sichtbarmachung von Stromlinien in Luft (mit Abb.). 502. Nodon, Neue Art Strahlen. Sl 132. Ferro tin, Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Lichtes. 226. Pflüger u. Brecht, Ein zweifarbiger Körper. 619. Rossi und Sella, Das elektrische Verhalten von Flammen. 129. Ruhm er, Beob. ein. Mondfinsternis mit Selen- zelle 609. Rutherford und Brookes, Radioaktive Strahlungen. 22. Rutherford u. Soddy, Ursache und Natur der Radioaktivität. 501. Sacerdote s. Leduc. Schmauss, Aufnahme negativer Elektrizität durch Wassertropfen. 130. Schmidt, G. C, Phosphor-Emanation. 393. Schulze, F. A., Unsichtbare Bewegungen kleinster Teilchen zur Erklärung physika- lischer Erscheinungen. 385. Sella s. Rossi. Siedentopf und Zsigmondy, Sichtbar- machung und Grössenbestimmung ultra- mikroskopischer Teilchen. 515. S o 1 g e r , Zur Messung von Veränderungen der Schwerkraft. (Orig.) 204. Stark, Elektr. Funkenentladung. 443. Stoney, Interferenz von Strahlen unabhängiger Lichtquellen. 237. Streintz, Elektrische Leitfähigkeit von ge- pressten Pulvern. 284. Warburg, Ozonbildung bei der Spitzenent- ladung. 297. Weiler, Viscosität. (Orig. mit Orig.- Abb.) 273. Werigin etc., Ausflussgeschwindigkeit einiger Metalle. 393. W h i t e h e a d , Magnetische Wirkung von elek- trischen Verschiebungen. 284. Wind s. Haga. Wood, Strahlcnfilter für ultraviolettes Licht. 47S. Wulf, Photoelektrische Erscheinungen. 284. Zsigmondy s. Siedentopf Mathematik. .Schmidt, Ma.\ C. P., Entstehung des Wortes Peripherie. (Orig.) 397. Astronomie. Adams und V ogel etc., Neuentdecktc spektro- skopische Doppelsterne. 358. Barnard. Neuer Stern im Perseus. 139. Boreliy, Ein heller Komet. 52S. B r u h n s , Planet Mars im letzten Jahrzehnt. (Orig. mit Abb.) iSt. Burns, Eigenbewegungen von Fixsternen. 454. Eberhardt s. Hartmann. Emden, Tneorie der Sonnenflecken. 116. Fauth, Vom Planeten Jupiter. (Orig. mit Orig.-Abb.) 445. Haie s. Hartmann. Hartmann, Eberhardt, Huggins.Hale und Kent, Spektralanalytische Forschungen (mit Abb.). 465. H u g g i n s s. Hartmann. Kent s. Hartmann. Körb er, Meteor vom 16. Nov. 1902. (Orig.) 283. Langley, Unruhe der Bilder im Fernrohr. 538. L o c k y c r , Sonnenprotuberanzen und Wetter. 80. Müller und Kempf, Veränderter Stern mit 4 stündiger Periode. 309. Ramsay, Künstliches Nordlicht. 237. S e e 1 i g e r , Nebelgebilde bei der Nova Persei. 236. Turner, Neuer Stern in den Zwillingen. 345. Vogel s. Adams. Wolf, M., Die ausgedehnten Nebelschleier. 47S. Wolf, M., Forschungen über die kleinen Nebel- flecke. 562. Wonaszek, Veränderungen der Jupiterober- (läche. 46. Himmelserscheinungen 46, 105, 155. 201, 237, 31 1, 371. 419. 516, 576, 621". Meteor vom 8. Sept. 10. Meteor vom 16. Nov. 156. Neuer Komet Perrine. 22. Schiefe der Ekliptik. 48. Meteorologie. Bauer, United States magnetic declination tables and isogonic charts for 1902. 478. Hell mann, Staubfall vom Februar. 345. L e s s , Wetter-Monats-Uebersichten. (Orig. mit Orig.-Graph.-Darst.) 33, 94, 141, 201, 249, 298, 347, 395i 455. 502. 563. 610. Nils Ekholm, Gesamtmasse der Atmosphäre. 9. Nordmann, Zusammenhang zwischen Sonnen- fleckenhäufigkeit und Temperatur der Erde. 49t. P ernter, Wetterschiessen. 296. Ferro tin, Dämmerungserscheinungen. 154. Schott, Die grosse diesjährige Eisdrift. 454. Schwalbe, Unwetter vom 19. April. 442. V. Szalay, Blitzschläge. 45. Ueberzählige Regenbogen-Farben. 12. Chemie. Ab egg und Bodländer, Systematisierung anorganischer Verbindungen. 394. Bertrand, Arsenik im Hühnerei. 572. Bodländer s. Abegg. Buchner und M e i s e n h e im er , Enzyme bei Spaltpilzgärungen. 439. Chlopin, Reagens auf Ozon. 188. D e w a r s. Moissan. Grüter s. Küster. Gruszkiewitz, Synthesen der Cyanwasser- stoffsäure. 346. Hagenbach, Lithiura-Spectrum. 297. Heydweiller, Gewichtsveränderungen radio- aktiver Substanzen. 140. H o 1 1 i g e r , Mehlteig-Gärungen. 283. Knietsch, Flüssiges Chlor. 53g. Knietsch, Herstellungsweise von Gasen. 550. Küster und Grüter, Physikalische Zerlegung von Soda. 47g. Marckwald, Radioaktives Wismut. 139. Mecklenburg, Die verdünnten Lösungen. (S. R.) 15. Meisenheim er s. Buchner. Moissan, Entflammungstemperatur und Ver- brennung der 3 Kohlearten in Sauerstoff. 334. Moissan und D e w a r , Das feste Fluor und seine Affinitäten. 417. Moissan und De war, Extreme Temperaturen. 491. Orloff, Blaue und grüne Modifikationen des Schwefels. 129. O s t w a 1 d , Fabrikation von Salpetersäure. 93. Kaut er, Wassergas und verwandte Gasarten. (Orig.) 61. Rossmässler, Ueber chemische Analyse. (Orig. mit Abb.) 217. Schmidt, C., Chemische Wirkungen der Kanal- strahlen. 188. Täuber und Bonnema, Verwendung des Eisens und seiner Verbindungen als Stick- stoffüberträger. 310. Traube, Zur Theorie von van der Waals. 140. Wöhler, Die Oxydierbarkeit des Platins. 563. Darstellung von Natrium-Oxyd. 394. Gärung der Cellulosc. 141. Ionen, Begriffsbestimmung. 264. Magnesium, Aluminium und Magalium. 6-0. Rohrzucker, Milchzucker, Traubenzucker. 81. Technik und Industrie. Arldt, F'unkentelegraphie. 106. Artemieff, Schutzkleidung gegen die Gcfalircn hoher Spannungen. 466. B e h n , D.as photomechanischen Reproduktions- verfahren. (Orig.) 541. Bell ach s. Schaum. Bleekrode, Telephon- Empfänger für draht- lose Telegraphie. 69. Brodhun s. Lummer. Heyburn, Vorrichtung zur Abschwächung der Folgen bei Eisenbahnzusammenstössen (mit Abb.) 105. Jacobi, Aus der Kiudheitszeit der Luft- schiffahrt. (Orig.) 92. Klugmann, Erfindung der Dynamomaschine. 21 1. Krämer und Sarnow, Schmelzpunkt-Be- stimmung von Pech etc. 334. Lindau, Mikroorganismen der Brauerei- und Brennereibetriebe. (Orig.) 488. Lummer und Brodhun, Photometer (mit Abb.) 70. Melm, Kolbendichtung (mit Abb.) 10. Mylius, Fortschritte i. d. Glasfabrikation. 1549. Osmond, Herstellung der Broncewaflen. 32g. Price- Edwards, Schalls;. male auf See. 45. Puluj, Schutz der Telephonstationen gegen Starkströme. 130. Pupin, Neuerungen der Fernsprechtechnik (mit Abb.). 226. Rauter, Ausnutzung der Abdampfwärme bei Dampfmaschinen. (Orig.) 337. Rhousopulos, Reinigung und Aufbewahrung alter Metall-Gegenstände. 319. Sarnow s. Krämer. Schaum und B e 1 1 a c h , Mikroskopische Messungen an photographischen Platten. 12g. Schmidt, August, Trifilar-Gravimeter. 10, 60. Brennbarkeit von feuchtem Cokes. 264. Die Dampfturbine (mit Abb.). 35S. Glas-Fabrikation mit Hilfe der Elektrizität. 83. Glühlampen-Schaltung. 34. Klebstoff für Formalin-Präparate. 240. Litteratur über Tabaksgärung etc. 516. Technik zur Beobachtung der Gesteinsstruktur. 144- Tragfähigkeit von massiven Cylindern und Röhren. 348, 360. Untermeerische Bergwerke. lo. Vanadium-Stahl. 262. VI Register. Unterricht. Dahl, Wie ist der Lehramts-Kandida! auf der Universität für seinen Beruf in Zoologie vor- zubereiten ? (Orig. mit Orig.-Abb.) 85. V. Hanstein, Die Zoologie als Lehrfach der höheren Schulen. (Orig.) 409. Rottenburg, Freiheit der Wissenschaft. 131. Gesellschaft für volkstümliche Naturkunde. I05, 212, 285, 320, 382, 429. Naturalicnhandlungen. 12. Philosophische Doktorj^roinotion. 1 12. Prüfungsreglement für Mittelschullehrer. 46S. Medizin und Hygiene. Belli, Tiefe Temperaturen und pathogene Keime. 68. von Bunge, Die Milchnahrung des Säuglings in physiologischer und sozialer Beziehung. 560. Dun bar, Zur Ursache und spezifischen Heilung des Heufiebers. 571. Fink, Heufieber. 114. Fehlinger, Zunahme der Krebserkrankungen. 546. Foulcrton s. Ruusorae. Fuld, Nachweis von Blut bei gerichtlichen Untersuchungen. 210. Fuld, Zunahme der Krebserkrankungen. 404. Grassi s. Koch. Grober, Deutsche Krebssamraelforschung. (S. R.) 280. Grober, Deutsche Malaria. 601. Kirsten, Abnahme des Säuregrades d. Milch. 306. Koch und Grassi, Bekämpfung der Malaria. S. Lindner, Hefewirkung im Magen des Menschen. (Orig.) 300. O m e i s , Kupfergehalt von Most und Wein. 407. Preisich und Schütz, Infektiosität des Nagel- schmutzes. 60. Ransome und Foulerton, Ozon und patho- gene Bakterien. 79. Ruppin, Nachweis von Pferdefleisch. 293. Schaudinger, Verhalten der Kuhmilch gegen Methylenblau. 428. Schulz, Fr. N., Üb. ein Pfeilgift aus D.-West- Afrika. (Orig. mit Orig.-Abb.) 469. Schütz s. Preisich. Strauch, Die neue biologische Blutserum- reaktion, insbesondere bei anthropoiden Alien und bei Menschen. 594. Utz, Erläuterungen zu seinem Artikel über Butter etc. in Bd. 1 (1901 — 2). (Orig.) 36. Telephon im Dienste der Chirurgie. 41. Nationalökonomie. Hahn, Vaterland der Kartoffelkultur. (Orig.) I. Lindau, Beschädigung der Vegetation durch Rauch. (Orig. mit Abb.) 421. Sparrc -Sehn eider, Aussichten der Wieder- Bewaldung der Küsten im Stifte Tromso. 8. Späth, Verwendung v.Ribcsnigrum. (Orig.) 144. Walter, E., Fischcrei-.^ngelegenheit. 240. W e i g e 1 1 , Selbstreinigung der Gewässer. 53S. Kupferproduktion der Welt. 104. Zucht der Cochenille-Laus. 504. Biographisches und Historisches. Dannemann, Otto von Guericke. (Orig. mit Abb.) 73. Glaisher f. 262. Lampe, Ferdinand v. Richthofen. (Orig.) 361. Mecklenburg, Zu Liebigs loojährigem Ge- burtstage. (Orig. mit Abb.) 373. Moewes, Comraerson. (Orig.) 340. Lüpke t- 371- Potonie s. unter Botanik. Weiler, Zur Erfindung der Dynamomaschine. (Orig.) 46. Litteratur. A d e m e i t , Siedelungsgeogr. d. unt. Moselgebietes. 492. Angot, Instruction meteorologique. 396. Aishey, Abstammung des Menschen. 166. Arctowski, Phenomenes optiqucs de l'atmo- sphere. 621. .Arctowski, Aurores australcs. 621. Arctowski, Oceanographie. 621. Ascherson u. Graebner, Synopsis. 214. Attems, Myriapodes. 621. Auerbach, Die Weltherrin und ihre Schatten. 263. Auerbach, Zeisswerk und Zeissstiftung. 539. Baade, Menschl. Körper. 610. Backhouse, Publication of West Hendon house observatory. 251. Barrett-Hamilton, Seals. 621. Baumgartner, Island und die Faröer. 144. Beck, Vegetat. d. illyr. Länder. 299. Beck von Mannagetta, Pflanzenreich. 622. Bey, Wichtigste geogr. Litteratur. 108. Bilharz, Die Lehre vom Leben. 202. Bloch mann, Licht und Wärme. 252. Boltzmann, Mechanik. 432. Borchardt, Entst. d. Sonnensystems. 588. Borchers, Elektrometallurgie. 468. 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Grub er, Deutsches Wirtschaftsleben. 179. Günther, Astronom. Geographie. 118. Haak, Geograph. Kalender. 551. Hab er er, Schädel u. Skelettteile aus Peking. >43- Haeckel, Vorträge und .Abhandlungen. 250. Havelock-Ellis, Geschlechtsgefühl. 550. Held er s. Korscheit. Hesse, Abstammungslehre u. Darwinismus. 1 18. Hildebrand, .Ähnlichkeiten im Pflanzenreich. 263. Hildebrandt, Eiszeiten der Erde. 214. Hinrichsen, Gegenw. Stand d. Valenzlchre. 468. Hoff mann, Lorenz, Vereisungen der Erde. 623. Hundhausen, Atombewegung. 444. Ja ekel. Die verschied. Wege phylogen. Entw. loi. Joubin, Brachiopodes. 621. Julius, Der Aether. 215. Kaiserling, Mikrophotographie. 599. Karsten u. Seh enc k, Vegetationsbilder. 335. Kayser, Geologie. 203. Keller, K., Schwangungen der atmosph. Gleich- gewichtszone. 396. Kitt mann, Leipzigs Flora. 61 1. Klein Schmidt, Forsthaus F"alkenhorst. Klimpert, Entstehung u. Entladung der Ge- witter. 156. Koehler, Echinides et Ophiures. 621. Königsberger, Helmholtz. 179. 408. Kohl, Pflanzenphysiologie. 622. Koken, Paläontologie u. Deszendenzlehre. 1 19. Kolthoff, Till Spetsbergen. 95. Korscheit u. Heider, Entwicklungsgesch. d. wirbell. Tiere. 383. Krämer, Weltall u. Menschheit. 143. Kraepeiin, E.xkursionsflora. 611. Krancher, Entom. Jahrb. 143. Krass u. Landois, Zoologie. 610. Krass u. Landois, Mensch u. Tierreich. 610. Krass u. Landois, Botanik. 622. Krisch, Astron. Lexikon. 35. Küster, Pathologische Pflanzenanatomie. 323. Kummer, Lebermoose und Gefässkryptogamen. 611. Lackowitz, Flora von Berlin. 456. Lapparent, Geologie. 456. Leblanc, Die Darstellung des Chr-ms. 444. Leeointe, Etüde des chronomctres. 62;. Lenhossek, Problem der geschlechtsbestim- menden Ursachen. 322. Liesegang, Projektionskunst. 599. Lindau, Hilfsb. f. d. Sammeln d. .Ascomyceten. 564- Loeske, Moosflora des Harzes. 299. Lorentz, Sichtbare u. unsichtbare Bewegung. 48. Lorenz, Dynamik d. Kurbelgetriebe. II. Lorscheid, .Anorg. Chemie. 24. Lüpke, Electrochemie. 288. Machat(:ek, Gletscherkunde. 214. V. Marenzeller, Madreporaria und I lydro- corallia. 621. Martin, Wandtafel f. Anthropol. etc. 188. Matzdorff, Tierkunde. 455. Mayer, Agrikulturchemie. 298. M e n n i c k e , Verwertung des Zinns v. Weiss- bleehabfällen. 468. Mercator, .Anl. zum Kolor. phot. Bilder. 492. Messing, Steuer- u. Finanzwesen Chinas. 132. Meyer, M. Wilb., Der Untergang der Erde. 48. Meyer, Naturkräfte. 564. Meyer 's Lexikon. 311. 516. Migula, Morph., Anat. u. Physiol. d. Pfl. 118. Migula, Bakterien. 623. Migula, Pflanzenwelt der Gewässer. 551. Miethe, Photographie. 599. Mob ins, Botan.-mikroskop. Praktikum. 348. Molk s. Tannery. M o o s e r , Entstehung der Ringgebirge des Mondes. 395- Mo ui liefert, Sylviculture. 40S. Mühlberg, ünterr. i. d. Naturgeschichte. 552. Register. VII 34- des 348. 299. Müller, A., Johann Kepler. 408. Müller, C. H.u. Presler, Projektionslehre. 551 Müller, Karl, Anthaeus. 24. Nalepa, Tierreich. 610. Naville, Nouv. Classification des Sciences. Nedderich, Wirtschaftsgeogr. Verhältn ostfäl. Hügel- und Tieflandes. 189. Neumann, Schwarzwald. 120. Nucsch, Schweizerbild. 286. Pagel, Chemie u. landwirt. Nebengewerbe Paracclsus' Leben. 624. Paracelsus, Panagranime. 624. Pauly, Darwin's Lehre. 119. Penard, F'aune rhizophodique de Leman. Pelz, Geol. d. Heimat (Chemnitz). 599. P ernter, Meteorolog. Optik. 84. 4.14. Peters, Salomon u. Meyer, Chem. E.xperi- mente. 588. Pfitzer, Natürl. System der Pflanzen. 360. Piepers, Mimicry. 407. Plate, Bedeutung des Darwin'schen Selcktiuns- prinzips. 491. Plüss, Gebirgsblumen. 611. Pokorny's Naturgesch. des Pflanzenreichs. 622. Racovitza, Cetaces. 621. Rählmann, Farbensehen u. Malerei. 1 iS. Raoult, Crysokopie. 11. Ratze 1, Die Erde und das Leben. 420. Reichenow, Kennzeichen der Vögel Deutsch- lands. 262. R e i m a n n , Vergrösserung der Sonne am Horizont. 239- Rellstab, Fernsprechwesen. 444. Richarz, Elektrizität. 84. V. Richthofe n, Veröffentl. des Instituts für Meereskunde. 70. Righi u. Dessau, Telegrapliieohne Draht. 431. Robin, Geologie pitloresque. 516. Röder, Schädlichkeit u. .'\b\vehr. 155. Roll, Essb. Pilze. 611. Rohrbach, Logarithmentafeln. 239. Ro h r b ach,Wirtschaftl. Bedeutg. Westasiens. 18S. R osa , Progressive Reduktion der Variabilität. 119. R o t h p I e t z , Rhätische Ueberschiebungen. Rudolph, Luftelcktr. u. Sonnenstrahlung. Rüge, Columbus. 95. Ruhmer, Selen. 168. Sachs, Wesen u. Wert d. Mineralogie. 623. Salscher, Wasserspiegelbilder. 599. Schaudinn, Bacillus Bütschlii. 311. Scheffer, Das Mikroskop. 191. Scheibe, Geol. Spaziergänge im Thüringer Wald. II. Schenck s. Karsten. Schirmeisen, Schles. Mineralien. 599. Schlee, Schülerübungen d. Astronomie. 552. Schmid, F., Zodiakallicht. 395. Schmidt, H., Haeckel's bieg. Grundgesetz. II 8. Schmidt, J., Einfluss der Kernsubst. auf die Reaktionsfähigkeit arom. Verbind. 468. Schnauss, Photogr. Zeitvertreib. 599. Schneider, Camillo, Histologie d. Tiere. 46. Schoenchen, Aus der Lebensgeschichte der Blüten. 622. Schröder u. Krusch, Lief. 94 d. Geol. d. Karte v. Preussen. 503. Schuck. Magnetische Beobachtungen SchUlke, Aufgabensammlung. II. Schultz, Logarithmen. 239. Schwalbe, Mineralogie u. Geologie. Sohr-Ber gh aus, Handatlas. 35. Sorel, Industrie chimique. 263. Spilger, Flora d. Vogelsbergs. 611. S t e n z e 1 , Entst. d. Materie u. d. Nebularsysteme, 588. Stephain, Hepatiques. 621. Sternberg 's Flora d. Vorwelt. 24. Stiel er 's Handatlas. 35. Suess, Antlitz der Erde (mit i Karte). 56. Tannery et Molk, Fonctions elliptiques. 396, Topsent, Spongiares. 621. Trabert, Meteorologie. 118. Tropfk e , Gesch. d. Elementar-Mathematik. 167 V a 1 e n t i n e r , Handwörterbuch d. Astronomie. 24 132. 58S. 72. 371- Van't Hoff, Physikal. Chemie. 35. Verworn, Biogr. Hypothese. 516. Vetter, Moderne Weltanschauung und der Mensch. 214. Vogler, Präparator u. Konservator. 611. Voller, Elektr. Wellentelegraphie. 431. Wagner, Schmarotzer. 214. Wagner, Vitalismus. 202. Walt her, Geol. Heimatskunde von Thüringen. II. 467. Wainio. Lichens. 621. Weber, M., Der Indo-australische Archipel, 274. Weiler, Physik. 372. Weiss, Grundriss der Botanik. 622. Weressäjew, Bekenntnis eines Arztes. 598. V. Wettstein, Leitfaden der Botanik. 622. Wiesner, Biologie d. Pflanzen. 263. Wiesner, Rohstoffe des Pflanzenreiches. 335. Winkelmann, Physik. 456. Willems, Collemboles. 621. Wislicenus, .-Astronom. Jahresbericht. 492. Wolff, Mechanismus und Vitalismus. 202. Wolterstor ff, Corsica. 167. Zimmermann, E., Litt. üb. Versteinerungen des Muschelkalks (Orig.) 216. Zimmermann, E., Litteratur zur Bestimmung von Solnhofencr Petrifakten. (Orig.) 204. Annuaire d. bur. des longitudes 227. .Annuaire Soc. beige .Astronomie. 336. Astron. Kalender 1903. 275. Astronom. Zeitschriften. 108. Ber. d. Ver. zum Schutz der Alpenpflanzen. 299. E.xpedition antarctique Beige. 621. Geologische Spezialkarte von Preussen ; Keller- wald etc. 336. Goschen's Sammlung. 214. Intern. Catalogue of scientif. Litter. 83. Litt, für Entwicklungsgesch. d. Wirbellosen. 12. Litteratur über Diatomeen. 624. Litteratur üb. das Haarkleid der Säugetiere 22S. Litteratur über Lepidopheren u. Coleopheren. 588. Litteratur über den Mond. 192. Litt. üb. Thermoelemente 48. Litt. üb. Vogehvelt Ostasiens. 12. Litteratur zur Atmung der Wirbellosen. 540. Litteratur zum Bestimmen von Mineralien. 276. Litteratur zur Naturphilosophie. 360. Litteratur zu Russula. 612. Natur und Schule. 299. Periodische Blätter für Realienunterr. 36. Abbildungen. Abendpfauenauge. 254. Abnorme Gewebewucherungen bei Pflanzen. 566 bis 569. Acocanthera Schimperi. (Orig.) 47 1. Adiantum-Blättchen, operiert. (Orig.) 435. Aetherisierte und nichtätherisierte Zweige. (Orig.) III, 112. Aldrovandia-Fangapparat. 257. Apparat zum Messen der Schwerkraft. 156. Apparat zur Dcmonstr. der Lichtempfindl. des Selens. 371. Apparat zur Messung der inneren Reibung des Wassers. (Orig.) 483. Bäume durch Rauch geschädigt. 424 — 425. Bienenbein mit Putzscharte. 267. Bohnenkeimling. 171. Borken verschiedener Bäume. 556. Cecropia-Zweig. 257. Cerianthus, geotropisch beeinflusst. 52^. Chondritoide Bildungen. 440. Chrysanthemum frutcscens-Blüte , abnorm. 345. Coccolithen. (z. T. Orig.) 529 — 532. Coenophlebia Archidona. 254. Dampfturbine. 359. Daphnia- Variationen. 486. Difflugia. 161. Drosera-Blatt. 255. Einsiedler-Krebs mit Podocoryne. 257. Eizelle, Teilungen. 266. Epheublatt mit Blutregen. (Orig.) 604. Epimccduale Blattgewebe. (Orig.) 122, 125. Euplotes harpa. (Orig.) 91. Fichte vom Blitz getötet. 526. Floscularien. (Orig.) 591, 593. Funkenspektrum des Eisens in komp. Gasen. 466. Gehölze im blattlosen Zustande. 554 — 555. (jespinnst vom kleinen Nachtpfauenauge. 257. Ginkgo biloba-Blatt, operiert. (Orig.) 434. (jraphische Darstellungen über Temperaturen u. Niederschläge. (Cirig.) 33, 94, 142, 301, 249, 298, 347, 395, 455, 502, 563, 610. Guericke's Luftpumpe. 74. Guericke's Wasserbarometer, 75. Holzquerschnitte einer rauchgetöteten gesunden Kiefer. 425. Hyalodaphnia. 4S6. lupiter-Zeichnungen. (Orig.) 448 — 449. Justus V. Liebig. 375. Karte der Verbreitung des Staubfalles 190I. 604. Karte des Mars nach LowcU. 184. Karte von Centralasien nach Suess. 57. Karte zur Erklärung der Lotschwächungen in Indien. 21. Kärtchen von Apscheron. 197. Kärtchen zu Sven v. Hedin. 291. Keimung von Algensporen. 200. Kochsalz als Hagel gefallen. (Orig.) 139. Krakatau. 496. Littorina littorea. Schale. (Orig.) 241. Lupinus-Keimpflanzen. 606. Mars nach Keeler. 185. Maulwurfsgrylle, Grabbein. 268. Musikalische Motive eines Papageien. (Orig.) 473. Nepenthes-Kanne. 255. Nester und Waben verschiedener Bienen- und Hummel-.\rten. 510 513. Ohrwürmer in Begattung. (Orig.) 344. Opalina ranarum. 295. Orchestria-Bein-Schere. 267. Ortstein-Eiche. (Orig.) 327 Ortstein- Kiefern. (Orig.) 326. Oxydkohärer. (Orig.) 490. Pavia lutea-Blüte. (Orig.) 416. Pfeilspitzen aus Deutsch-Westafrika. (Orig.) 469. Pfropfung von Lack auf Kohl. (Orig.) 164, 165. Photometer v. Bunsen u. Lummer-Brodhun. 70. Phyllodes ornata. 255. Phylogenetische Entwicklung der höheren Pflanze. (Orig.) 27. Pinguicula. 255. Pluteuslarve. 605, 606. Polygonum cuspidatum-Blatt, operiert. (Orig.) 435. Profil zu den Thermalquellen von St. Moritz. 319. Pupin-Spule. 227. Reaktionskurven gereizter Fasern. 155. Saccharomyces-Formen. 43. Schädeldeckenprofile. 615. Schaltungsschema für die O.xydkohärer. (Orig.) 490. Schema des Aufbaues der höheren Pflanzen nach C. Fr. Wolff, Goethe, Gaudichaud , Hof- meister und Potonie. 6, 7, 13, 27. Schemata zur Faltenbildung etc. (Orig.) 535 bis 536. Schemata von Tierzeichnungen. (Orig.) 207, 209. Schmetterlingsschuppen. (Orig.) 88. Schneckenzunge. (Orig.) 88. Spirogyra-Zellen in Teilung. 407. Spritze mit neuer Kolbendichtung. 10. Stärkesichel aus .^rum. 525. Stromlinien in Luft. 502. Stubenfliegenarten. (Orig.) 87. Tiere unter dem Einfluss elektr. Ströme. 586 — 587. Tropidoderus Childrcni. 254. Variationskurven. (Orig.) 548. Variations-Polygone. 230, 231, 242. Vegetationsbilder von Krakatau. 496, 497. Vorderflügel von Thyreus. 233. Vorrichtung zur Verhütung von Eisenbahn- unfällen. 105. Vorticella microstoma. (Orig.) 91. Weinschwärmer-Raupe. 254. Wildpferde. (Orig.) 582. Winterknospen v. Gehölzen. 557 u. 559. Zelle von Chromophyton. 465. Zweig zum Aetherisieren vorbereitet. (C)rig.) 99. Einschliesslich der Zeitschrift ,,DiG NatUr" (Halle a. S.) Seit i. April 1902. Organ der Deutsehen Gesellschaft für volkstümliche Naturkunde in Berl Redaktion : r Professor Dr. H. Potonie und Oberlehrer Dr. F. Koerber in Gross-Lichterfelde-West bei Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Neue Folge II. Band; der ganzen Reihe XVIII. Band. Sonntag, den 5. Oktober 1902. Nr. I. Abonnement: Man abonniert bei allen Buchhandlungen und Postanstalten, wie bei der Expedition. Der Vierteljahrspreis ist M. 1.50. Bringegcld bei der Post 15 Pfg. extra. Postzeitungs- liste Nr. 5263. Inserate : Die viergespaltcne Petitzeile 40 Pfg. Bei grösseren Aufträgen entsprechender Rabatt. Beilagen nach Uebereinkunft. Inscraten- annahme durch Max Gelsdorf, Leipzig-Gohlis, Böhracstrasse 9, Buchhändlerinseratc durch die Verlagshandlung erbeten. Jibdruek ist nur mit vollständiger Quellenangabe nach eingeholter Genehmigung gestattet. Das Vaterland der Kartoffelkultur. Von Ed. Hahn -Berlin. Fast 200 Jahre sind es her, dass eine ursprünglich amerikanische Knollenpflanze in unserem europäischen Ackerbau eine zuerst bescheidene Stellung gewann, um dann im Laufe des vergangenen Jahrhunderts init ge- waltigen Sprüngen in die Reihe der allerwichtigsten und allerbedeutungsvollsten Faktoren unserer europäischen Landwirtschaft vorzudringen. Die Kartoffel verbreitete sich in Mitteleuropa zuerst als ein ersehntes Aushilfsmittel wider die damals noch sehr grosse Not bei Missernten des Getreides. Das spricht sich in den Jahreszahlen der Verbreitung der Kartoffel ganz vorzüglich aus. Im letzten, dem 19. Jahrhundert aber verschob sich die Rolle der Kartoftel gänzlich. Gewiss war sie als Speisegemüse für den menschlichen Konsum. in Mitteleuropa immer noch sehr wichtig, aber die technische Bedeutung der Kartoffel für Spiritus- und Stärkefabrikation im landwirtschaftlichen Grossbetrieb ge- wann eine viel grössere, eine für diesen Betrieb ent- scheidende Stellung. Wie mit der Kultur der Zuckerrübe, so suchte sich auch mit der Kartoffelkultur der landwirt- schaftliche Grossbetrieb Europas gegen die ihm durch den Weltverkehr plötzlich erwachsende rücksichtslose Kon- kurrenz der Aussengebiete zu schützen. Es wird nicht schaden, wenn man bei jeder gegebenen Gelegenheit immer und immer wiederholt, was zwar theoretisch längst feststeht, was aber manchen Leuten so unangenehm in die Ohren klingt, dass sie es immer wieder überhören wollen: unser mitteleuropäischer Grossgrundbetrieb stellt nicht die denkbar höchst entwickelte Form aller Land- wirtschaft und auch nicht die entwicklungsfähigste Form der Bodenkultur dar. Es ist keine Frage, dass die Art und Weise, wie durch europäische Kolonisten oder Kapitalisten, jedenfalls aber und zunächst unter dem Ein- fluss europäischen Kapitals in Nordamerika, in Südamerika und ja ganz besonders ruchlos in Indien Weizen und andere Mehlfrüchte ohne jede Rücksicht auf die künftige Entwicklung dieser Länder zum Besten der Spekulation aus dem Boden herausgewirtschaftet und auf den Welt- markt geworfen werden, zu einem guten Ende nicht führen kamt. Die Männer, die sich bemühen, mit einem weiten Blicke die Zukunft unseres Vaterlandes zu leiten, werden sich immer vorhalten müssen, dass es allerdings strafbare Fahrlässigkeit wäre, unsere Landwirtschaft dieser rück- sichtslosen Konkurrenz der Aussenländer, die naturgemäss, wenn nicht über kurz, so über lang ein Ende nehmen muss, zu opfern, aber sie müssen auch dabei im Auge behalten, dass unser Grossgrundbetrieb auch nur so lange erhalten werden kann, bis er durch eine für unser Vater- land bessere und haltbarere Form — intensiven Klein- betrieb und intensiven Kleinbesitz — ersetzt werden kann. Auf einmal können wir aber natürlich nicht alle ost- elbischen Güter in intensiv bewirtschaftete bäuerliche Güter verwandeln , wir müssen daher zunächst daran denken, unseren Grossgrundbetrieb bis zur Ueberwindung Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. II. Nr. I der augenblicklich besonders bedrohlichen Krisis lebens- fähig und sogar in möglichst gedeihlichen X'erhältnissen zu erhalten. Nun steht es aber mit der Kartoffelkultur heutigen Tags recht schlecht. Einer der hervorragendsten ost- elbischen Landwirte hat darüber neulich noch mit nicht misszuverstehender Deutlichkeit gesprochen. „Reiche Kartoftelernten kosten zuviel beim Herausnehmen, wir dürfen daher nicht immer bloss auf die grossen Erträge züchten." Vor einigen Jahren konnte man übrigens das Ergebnis noch kürzer zusammengefasst finden: In guten Jahren sind die Kartoffeln zu billig, als dass wir viel dafür bekämen und in schlechten Jahren würden wir unsere Kartoffeln gut bezahlt bekommen, wenn wir welche hätten. Dabei spielen natürlich für alle Verhältnisse der Kartoffelkultur die Zuchtrassen unserer heutigen im grossen für technisch. c Zwecke gebauten Kartoffeln eine grosse Rolle. Und hier haben die Landwirte über einen L^mstand sehr zu klagen. Unsere Zuchtvarietäten sind nicht aus- dauernd genug. Jeder neue Katalog einer landwirtschaft- lichen Samenhandlung bringt zu den hundert alten und bewährten Sorten vielleicht ein Dutzend oder zwanzig nagelneue, natürlich nicht billige, für deren Bewährung der Züchter alles Mögliche verspricht. Die Zuchtrassen halten sich eben nicht allzulange brauchbar, sie entarten allmählich. Es ist daher eine eigene landwirtschaftliche Thätigkeit geworden, bei der sich einige Leute recht gut stehen, neue Varietäten gewerbsmässig zu züchten. Ich habe nun schon vor einiger Zeit darauf hin- gewiesen, sogar mehr wie einmal, auch in Fachorganen, dass mir hier eine sehr bedeutende Unterlassungssünde der deutschen Wissenschaft, zu der doch auch die Land- wirtscliaft gehört, vorzuliegen scheint. Unsere Kartoffel ist aus den botanischen Gärten hervorgegangen, in die sie durch den berühmten Botaniker Clusius gekommen war. Nur für einen Teil der in Irland gebauten Kartoffeln ist vielleicht historisch ein anderer Zusammenhang nachzu- weisen, der aber praktisch wohl nichts zu sagen hat, sonst würden sich die irischen Kartoffelrassen von unseren zu ihren Gunsten unterscheiden, was nicht der Fall ist. Clusius bekam seine Kartoffeln über Spanien und Italien und vermittelte ihre LTebersiedelung nacli Flandern. Aber hier hat es fast ein Jahrhundert gedauert, bis die einzige Knollenfrucht, die in unserer europäischen Kultur eine Rolle spielt, wirklich in die Gemüsegarten kam, und die Uebersiedelung aufs Feld ist natürlich noch später erfolgt. Die potato, jetzt ja englisch die Kartoffel, die zu Shakespeare's Zeit einmal vorübergehend in England auf- taucht, ist, vielleicht ausnahmslos, die „Batate" Convolvu- lus batatas L. gewesen, leider wird die ganze Frage aber dadurch recht kompliziert, dass zu gleicher Zeit drei amerikanische Knollen nach England kamen, unsere Kartoffel, die südamerikanisch-tropische Batate und der nordamerikanische Topinambur, und sich am Beginn ihrer Einführung nun alle drei unter den verschiedensten Namen (potato ist ja = batatas) durcheinander wirren. Es ist nur naturgemäss, dass diese Ueberführung einer aus zweifellos rein botanischen Rücksichten in Amerika ausgewählten \'arietät über Spanien und Italien nach Flandern durch so und so viel botanische Gärten keine überaus glänzenden Resultate für die Eignung und An- passung der Kartoffel an die klimatischen und landwirt- schaftlichen Verhältnisse unseres deutschen Vaterlandes geben konnte. Ich berücksichtige diese hier in allererster Linie, und fast ausschliesslich, und kann das um so eher thun, weil ja bei uns die Kartoffel bekanntlich eine so ausschliessliche Rolle spielt wie sonst nirgend. Das spricht sich nun für die landwirtschaftliche Praxis in der allge- meinen, durchgehenden Klage aus, dass unsere Kartoffel- varietäten zu wenig stand halten. Freilich die alten, hoch- gezüchteten Liebhabersorten der Gärten, so die hollän- dischen Atlaskartoffeln der fünfziger Jahre, die sehr geringe Erträge, aber ein ungemein feines Produkt lieferten, die haben der einschneidenden Veränderung aller wirtschaft- lichen Verhältnisse der Neuzeit schon lange erliegen müssen. Aber auch die technisch und wirtschaftlich bevor- zugten Sorten, das beweisen schon die immer wieder auf- tauchenden Neuzüchtungen, haben stets nur eine kurze Periode, in der sie wirklich das leisten, was sie versprechen. Ich habe nun schon vor Jahren — auf Grund meiner wissenschaftlichen Studien über Haustiere" und^ Kultur- pflanzen — darauf hingewiesen, dass mir der Versuch durchaus aussichtsreich erscheint, in Peru , Bolivien und Nord-Chile nach Kartoffelvarietäten zu suchen, die altge- züchtete Rassen sind und doch für unsere landwirtschaft- lichen und klimatischen Verhältnisse passen. Ich habe damals noch keinen Erfolg erzielt — ein Baum fällt ja nicht auf einen Streich — ich bin aber im Begriff diesen \'ersuch auf Grund zugewachsenen Materials zu wieder- holen. Das mangelhafte Eingehen auf meinen \^orschlag beruht meines Erachtens auf zwei an sich sehr begreiflichen, aber doch durchaus nicht richtigen Vorstellungen. Ein- mal meint man, was kann von den Indianern Perus (iutes zu uns kommen, und andererseits meint man, die klimatischen Verhältnisse wären zu abweichend, als dass sich da drüben etwas Passendes finden könnte. Als Geheimrat Märker, damals die oberste Instanz in allen Kartoffelangelegenheiten, meinen Aufsatz für eine Zeit- schrift annahm, konnte er doch die Bemerkung nicht unter- drücken : er glaube nicht, dass die Indianer für uns brauch- bare Rassen gezogen haben könnten. Dabei führte ich doch in dem Aufsatz selber schon zwei jedenfalls sehr abweichende Kartoft'elvarietäten an, eine in allen Teilen der Pflanze dunkelblaue, zum Blaufärben benutzte Varietät und eine andere, die für den direkten Verbrauch nicht benutzt werden kann, weil sie sehr bitter ist. Diese Bitter- keit verschwindet erst, wenn die Knollen für das Dauer- präparat, welches die peruanischen Indianer seit langen Zeiten herstellen, benutzt werden. Die peruanischen In- dianer haben nämlich, auch das habe ich damals schon berührt, ein Verfahren, bei dem sie unter Benutzung von Wasser und Frost ein Dauerprodukt nicht nur aus Kartoft'eln, sondern auch noch aus einigen anderen ein- heimischen Knollenpflanzen herstellen. Nach der Ansicht unserer Kartoffelzüchter könnte unserer Kartoftelkultur ganz erheblich aufgeholfen werden, wenn wir zu irgend einem Verfahren kommen könnten , das für den Gross- betrieb verwendbar den Ueberschuss des einen Jahres mit seiner guten Ernte für das andere Pehljahr aufbewahren könnte. Auch auf dieses z. T. allerdings recht komplizierte, aber für die Stärkechemie unter allen Umständen recht interessante Verfahren ist, so weit wenigstens mir bekannt ist, wissenschaftlich noch nicht genügend geachtet. Ich habe natürlich auch darauf aufmerksam gemacht, dass die anderen peruanischen Kulturpflanzen, unter denen neben der Quinoa, einer Melde, die ungefähr unserem Buchweizen ähnelt, wenigstens drei ungenügend bekannte Knollen- pflanzen in Betracht kommen, auch noch nicht irgendwie aus- reichend untersucht sind. Sollte hierunter nicht am Ende ein Ersatz für unsere Kartoffel auf den leichten Böden zu finden sein ? Die peruanische Kultur ist unbedingt viele hundert Jahre alt gewesen, als die Spanier das Reich der Inka stürzten. Die eigentliche Kraft des Reichs lag auf den Hochebenen Perus, z. B. der am See Titicaca. Hier- her ist jetzt auch unser Ackerbau vorgedrungen. Um diesen hochgelegenen See, den noch höhere Alpengipfel umkränzen, finden wir jetzt Felder mit Hafer und Gerste, die beide durch die Europäer eingeführt sind, aber wir finden auch Kartoffelfelder. Von ihnen sagt ein guter Beobachter, der Botaniker Meyen, etwa 1833 : Noch heutigen N. F. II. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Tages bildet die Kartoftel die Hauptnah.rung auf der Hoch- ebene von Peru, und an den Ufern des Sees Titicaca werden diese Erdfrüchte noch gegenwärtig (ich sperre hier), ganz so wie zu Zeiten der Inkas mit der grössten SorgfaltgepflanztjWiediesesselbstin unserem Lande noch nicht der Fall ist. Sind da die Aus- sichten wirklich so schlecht, dass wir einen guten Gewinn machen können ? Nun könnte mir jemand, der auch Litteratur kennt, einwerfen : nach der grossen Kartoffelnot, die sich durch die Jahre seit 1847 infolge der Kartoftelkrankheit hinzieht, wären doch sicher die anderen Knollenpflanzen Perus aus- giebig untersucht worden und sie müssten sich nicht bewährt haben. So plausibel dieser Einwand scheint , so wenig trifft er zu. Ich werde an anderer Stelle Gelegenheit haben, das wahrlich nicht imposante Vorgehen der damaligen Fachleute zu besprechen. An diese drängende Aufgabe, irgendwie und irgendwo einen Ersatz für die Kartoftel, die plötzlich ganz auszufallen drohte, zu beschaffen, ging man mit einer Nervosität, die selbst die besten Beobachter un- fähig zu einem unparteiischen und begründeten Urteil gemacht zu haben scheint ! Ein Anbauversuch und eine Kostprobe entschied zu Ungunsten von Kulturpflanzen, die unter ungünstigeren Verhältnissen als die unsrigen seit Jahrhunderten in dem Tagesbedarf vieler Hunderttausende täglich eine Rolle spielen. Und auf der anderen Seite zieht ein Mann, der diese Zeit miterlebt und durchgelebt hat, das zusammen- fassende Ergebnis, man hätte unter Landwirten und Bota- nikern eine Zeit lang alles als Kartoffelsurrogat empfohlen, was den Speziesnamen tubcrosits, a, iiiii, führte. In der Angst, die damals die führenden Kreise ergriffen hatte, übersah man sogar ganz, dass es doch ein grosser Vorteil gewesen wäre, eine Pflanze zu gewinnen, die nun gerade nicht ganz genau das Surrogat der Kartoffel war, nach dem alles seufzte und suchte, sondern dass ein Gewächs für uns doch wahrscheinlich auch ganz wünschenswert ge- wesen wäre, eben weil es sich z. B. in den klimatischen Bedingungen, aber auch vielleicht in anderer Hinsicht \on der Kartoftel ziemlich unterschied. Ich werde an anderer Stelle auch noch auszuführen haben, dass wenigstens zwei Kulturpflanzen der Peruaner nicht aussichtslos für eine technische Verwendung zu sein scheinen, trotzdem ihnen wissenschaftliche l'ntersuchungen ebenso wie der perua- nischen Konservierungsmethode bis dahin ganz ungenügend zugekommen sind. Was aber den Einwurf wegen des Klimas bctriftt, so genügt wohl eine zutreffende Schilderung der klimatischen Bedingungen, die wir auf den Hochebnen Perus trotz der Nähe des Aequators vorfinden. Die Kartoffel wird z. B. am Titicacasee, aber auch sonst noch durch die ganze Hochfläche der Anden unter Umständen kultiviert, die gegen unsere deutschen Verhältnisse in vielen Fällen höchstens noch viel ungünstiger sind ! Ich habe sclion vorher bei der Anführung der Konservierungsmethoden er- wähnt, dass Frost dazu gehört. Frost haben viele der peruanischen Indianer, obgleich sie das Land bebauen und obgleich ihr Land zwischen den Wendekreisen liegt, leider viel zu viel, fast jeden Abend, zur Verfügung. Durch die ausserordentliche Höhe des Gebiets — der Titicaca liegt fast 4000 m hoch, ist die .Strahlung viel stärker als bei uns. Reif bildet sich bei einer Temperatur, wo wir ihn noch gar nicht kennen, und was unsere Landleute leicht übersehen werden, den Peruanern fehlen die langen .Sommertage, die unsere Vegetation so günstig beeinflussen, ganz. So dürfen wir uns durchaus nicht wundern, wenn z. B. in Bogota in Columbien die Wachstumsperiode der Kartoftel, was uns unglaublich lange dünkt, elf Monate be- trägt! Und dabei hat die Pflanze noch die Chance, dass sie so ziemlich in allen 11 Monaten durch Nachtfrost ihr Kraut verlieren kann ! Die Peruaner hatten eine Getreidepflanze: den Mais, sie hatten eine wichtige Hülsenfrucht : unsere (grüne) Bohne, daneben bestanden ihre wichtigen Kulturpflanzen fast ganz aus Knollenpflanzen. Sollte es noch keinem unserer prak- tischen Landwirte aufgefallen sein, mit welcher Leichtigkeit unsere Kartoffel Frostschäden, die ja nur die Spitzen des Krauts, nicht den unterirdischen Teil angreifen, überwindet ? Das hat sie glücklicherweise aus ihrem Vaterlande mit- gebracht und auf dem Umwege über Italien nicht \'erloren. .\ber Peru umfasst nicht bloss Hochflächen mit un- günstigerem Klima wie unser deutsches Vaterland. .-\m Steilabsturz der Anden zur Tiefebene des Amazonas, in der Heimat des Fieberrindenbaumes, verbinden sich mit der Romantik scharf eingeschnittener Thäler die schönsten tro- pischen Urwälder und die üppigsten tropischen Kulturen der Welt. Auf der regenlosen, westlichen Küstenseite wurde früher, z. B. bei Lima, mit künstlicher Bewässerung Zucker- rohr gebaut. Der Betrieb ist jetzt durch unsere Unter- bietung vernichtet. Der viel bessere Rohrzucker konnte sich gegen den Rübenzucker auch hier nicht halten, weil der zu billig war. Aber zwischen diesen Gebieten und der zuhöchst- gelegenen öden Paramo, in der es jede Nacht friert oder doch stark reift, sind natürlich noch eine Menge Höhen- stufen vorhanden, und so liegt auf einem der Absätze die grosse fruchtbare Ebene der alten .Stadt Arequipa mit einem Klima, das durch das Jahr hindurch etwa dem September von Neapel entspricht. Bekanntlich wachsen jetzt auch in Neapel Kartoffeln, aber nicht während des Sommers, sondern im Winter. In Arequipa ist nun jene von mir erwähnte bittere, nur zu technischen Zwecken verwendbare Kartoffel zu Hause, also werden wir dort und in der Umgegend vielleicht auch eine andere Kartoftelsorte bekommen können, die auch in einem wärmeren Klima fortkommen könnte, als Süditalien hat. Wir heutigen Deutschen sind nun einmal so an den Kartoffelgenuss gewöhnt, dass wir ihn nur sehr ungern entbehren. Sollten wir hier nicht — ich werde Gelegenheit haben, auch dies an der entscheidenden Stelle vorzulegen — eine Kartoftelvarietät gewinnen können, die in den höher gelegenen Gebieten z. B. Usambaras, natürlich auch am Kilimandscharo für unsere Deutsch-Ostafrikaner gezogen werden könnte? Ein Blick in die Geschichte der botanischen Morphologie mit besonderer Rücksicht auf die Pericaulom-Theorie. Von H. Potonie. Das erste Bedürfnis, das sich der Lebewelt gegenüber naturgemäss geltend macht, ist dies; in der zunächst ver- wirrenden Mannigfaltigkeit der entgegentretenden Ge- staltungen aus praktischen Rücksichten eine Uebersicht zu gewinnen. Das ist nur möglich, wenn man den Ver- such macht, in dieselbe Ordnung zu bringen, d. h. sie in bestimmter Weise durch Aufsuchung von Gemeinsamkeiten zu gruppieren, zu klassifizieren, begrift'lich zusammenzu- fassen. Aus diesem Bedürfnis heraus sind die Systeme des Tier- und Pflanzenreichs entstanden. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. II. Nr. I Aber nicht nur die Individuen wollen klassifiziert sein, sondern auch die Fülle der Teile, der Organe, die sie zu- sammensetzen. Als Gesichtspunkt, nach welchem dies geschah, konnte ursprünglich — da sich die .Anknüjjfung an das dem Menschen zunächst liegende von selbst ergab, nämlich an den Menschen selbst — kein anderer in Betracht kommen als derjenige, der die Beziehungen der Organe zur Aussenwelt betrachtet, mit anderen Worten: das erste Prinzip der Einteilung und dementsprechend Benennung der Organe ist ein physiologisches; denn es ist die stillschweigende Annahme des Volkes, wenn es die von ihm geschaffenen Begriffe Wurzel, Stengel, Blatt, Blüte u. dergl. ausspricht, dass die Verschiedenheiten, die diese Worte zum x\usdruck bringen sollen, solche physiologischer Art sind. Es ver- knüpft sich beim Laien unfehlbar mit dem Gebrauch irgend eines dieser Worte der Gedanke an die Thätigkeit (die Funktion), die Bedeutung der Organe für das Leben der Pflanze. Die erste eingehendere, wissenschaftliche Beschäftigung mit den Pflanzen konnte daher nur von der physiologischen Einteilung der Organe ausgehen: wir haben als erste wissen- schaftliche Periode der Beschreibung der Organe (der Organ ographie) die naive ph)'siologische Periode. Freilich konnte man mit dieser Betrachtungsweise, die für das Tierreich durch seine nahe Beziehung zum Menschen immer auffällig hervorgetreten ist , bei den Pflanzen nicht weit kommen, da es zunächst an hinreichenden Kennt- nissen über die Funktionen der Pflanzenorgane fehlte. Es verlief sich daher die botanische Wissenschaft in eine lange Zeit hindurch herrschende Beschreibung der äusseren und inneren Gestaltungsverhältnisse, der blossen geometrischen Formen der Organe ohne diese Formen weiter in Zu- sammenhang bringen zu können. Es ist das die Periode der sogen, beschreibenden Botanik, „sogenannt" weil der Zusatz „beschreibend" insofern unpassend gewählt ist, als die Wissenschaft über Beschreibungen überhaupt nicht hinauszukommen vermag, nur freilich mit dem Unter- schiede, dass die Botanik der beschreibenden Periode im wesentlichen über die Betrachtung der Einzelheiten nicht hinauskam , während die jetzige Wissenschaft die Be- schreibung der Beziehungen, der Zusammenhänge als das Wichtigere erkannt hat. Die lange Dauer der beschreibenden Periode wurde durch das Erfordernis begünstigt, die zahlreichen zur Kenntnis gelangenden Pflanzenarten schnell zu „bearbeiten", d. h. im „System", das ursprünglich weiter nichts als ein nach bestimmten praktischen Prinzipien geordneter Katalog war , unterzubringen , um sie bequem wiederfinden zu können. Aber schon von vornherein haben einzelne hervor- ragende Erforscher der Lebewesen (Biologen) mehr oder minder klar bemerkt, dass gewisse Organe verschiedener Funktion doch in gewissen Punkten auffällige organo- graphische Aehnlichkeiten aufweisen, eine Thatsache, die auf einen tieferen Grund hinwies, dessen Erforschung sich aufdrängte. Gerade diese Einsicht in Verbindung mit der auffälligen Mannigfaltigkeit z. B. der Blätter ist es, welche überhaupt geistreichen Beschauern der Natur ein Problem gesetzt hat, nicht minder wie der so variable und doch nach bestimmten „Typen" sich darstellende Gesamtbau der Pflanzen (und Organismen überhaupt). So spricht z. B. J. J. Rousseau von der unwandelbaren Aehnlich- keit und doch so wunderbaren Verschiedenheit, die in der Organisation der Pflanzen herrsche, und Goethes viel- citierte Verse: „Alle Gestalten sind ähnlich, und keine gleichet der anderen; Und so deutet das Chor auf ein geheimes Gesetz," drücken dasselbe mit anderen Worten aus. Die Bemühung diese gestaltlichen Beziehungen, die die Organismen in besonderer Weise miteinander ver- knüpfen, aufzusuchen und festzulegen hat eine Disziplin geschaffen, die zu dem 1817 von Goethe vorgeschlagenen Namen Morphologie geführt hat. Danach wäre — sofern man, wie ich das in dem x'orliegenden Fall für zweckmässig halte, die ursprünglichen Begriffsbestimmungen festhalten will — scharf zu unter- scheiden zwischen Organographie *) und Morphologie. Es soll also im folgenden stets nur dann von morphologischen Eigentümlichkeiten die Rede sein, wenn es sich um theo- retische Erörterungen handelt, die sich aus der ver- gleichenden Betrachtung der gestaltlichen Verhältnisse der Organismen ergeben, während die Organographie sich ganz allgemein — wenigstens der ursprünglichen Fassung gemäss — mit den Gestaltungsverhältnissen und ihrer praktischsten Rubrizierung beschäftigt, ohne dabei theo- retische Erwägungen anzustellen. Es muss dies ja besonders betont werden, weil der genauen Uebersetzung unseres Terminus gemäss heutzu- tage unter Morphologie ganz allgemein auch einfach die Betrachtung der Gestaltungsverhältnisse, der P'ormen der jeweilig berücksichtigten Objekte verstanden wird, gleich- gültig ob diese der Natur oder menschlicher Thätigkeit entstammen; so hat man sich denn gewöhnt, auch von der Morphologie der Krystalle u. s. w. zu reden. Es handelt sich also hier um die blosse Einzelbeschreibung der Formen der Einzelobjekte, und eine Hervorkehrung „morphologischer" Beziehungen bedeutet hier weiter nichts als eine Bezugnahme auf formale Aehnlichkeiten. Um ein besonderes Beispiel aus der Botanik zu erwähnen noch die folgende Bemerkung. Wenn De Bary von der „Morphologie" eines Pilzes spricht, so meint er damit ausschliesslich die auf den Bau bezüglichen Verhältnisse desselben; spricht jedoch ein Botaniker aus der Schule Alexander Braun 's von der „morphologischen Natur" eines bestimmten Organes. so will er, wie Goethe, die von ihm an die Be- trachtung der Gestaltungen geknüpften theoretischen Erörterungen besonderer Art als das Wesentliche seiner Untersuchung angesehen wissen. Man versteht also unter Morphologie zweierlei. Beschränken wir den Sinn des Begriffs Morphologie (wenigstens in den biologi- schen Disziplinen) wieder auf die ursprüngliche Fassung desselben, also auf die theoretische Seite, so wäre der leider immer mehr in den Hintergrund gedrängte Ter- minus Organographie zur Bezeichnung der Disziplin, die sich nur und ausschliesslich mit der Beschreibung des mit den Sinnen Konstatierbaren an den einzelnen Organen, der formalen Bestandteile der Lebewesen beschäftigt, in der That am Platze. Ein Buchtitel wie „Organographie vegetale" (ich denke dabei an das Werk Aug. Pyr. de Candolle's von 1827) ist klar und bringt keinerlei Zweifel bezüglich des Inhaltes. Es ist bedauerlich, dass heute die Unterscheidung in Organographie und Morpho- logie nicht mehr genügend festgehalten wird ; noch A u g. de Saint-Hilaire sagt zur Auseinanderhaltung beider treffend von der Morphologie**), sie sei „l'organographie expliquee par les transformations auxquelles sont soumises les parties des vegctaux' . f- Heutzutage ist also der Begriff Morphologie voll- ständig verwässert worden: er wird pleonastisch gebraucht***) und als gänzlich überflüssiger Zusatz. f) *) Gelegentlich wird auch der Ausdruck Organologie gebraucht; auch ,,Organogenie" für den Teil der Organographie, der sich insbeson- dere mit der Entwicklung der' Organe beschäftigt, war früher hier und da gebräuchlich und tauclit jetzt wieder häufiger auf. **) Le(;ons de botanique comprenant principalcment la morpho- logie vegetale. Paris 1840, p. 17. ***) So kann man z. B. oft von dem , .morphologischen Bau*' der Zelle u. dergl. lesen und hören. f) Man vergleiche z. B. die Bezeichnung „Morphologie der Erd- oberfläche". N. F. II. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Da diese Begriffsverschiebung- aber in diesem Falle blosser Oberflächlichkeit zuzuschreiben ist und keineswegs einem dringenden Bedürfnis entspringt , so werden wir in der Anwendung des Wortes Morphologie nicht dem all- gemeinen heutigen Gebrauch folgen, sondern dasselbe vielmehr nur sinngemäss anwenden. Von vornherein hat sich den Autoren bei der Betrachtung morphologischer Beziehungen der Gedanke aufgedrängt, dass sich dieselben durch einen tiefer liegen- den Grund erklären; heule erblicken wir denselben in der wohlverstandenen*) Phylogenesis der Lebewesen. So sagt denn auch C. Nägeli (Abstammungslehre S. 461) mit Fug und Recht: „Ich hebe . . . ausdrücklich hervor, dass . . . die Be- deutung einer jeden vererbten , physiologischen oder morphologischen Erscheinung im Bauplan des ganzen Pflanzenreichs nur auf dem phylogenetischen Wege er- forscht werden kann." Oder mit anderen Worten (1. c. p. 457 — 458): „Wir kommen . . . immer zu dem Satze, dass nur die phylogenetische Einsicht uns über die Be- deutung der organischen Einrichtungen und ihre Stellung im ganzen Bauplan der organischen Natur Auskunft zu geben vermag." Die älteren Botaniker aber, denen Goethe 1790 folgte, erklärten sich die in Rede stehenden Be- ziehungen durch „Metamorphose", sodass sich die Mor- phologie auch als Metamorphosenlehre bezeichnet findet. Was damit gemeint war, wird näher zu erläutern sein. Wenn aber auch Botaniker von Fach schon vor dem grossen Dichter Anläufe genommen haben, so hat doch erst die im angegebenen Jahre erschienene Schrift über den „Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären" in den Fachkreisen Eindruck gemacht : diese hat also zur Entwicklung der Morphologie den Hauptanstoss gegeben. *j Das heisst : Es kann natürlich nicht davon die Rede sein, dass zwei heutige Lebetormen mit Organen, die morphologisch aufeinander bezogen werden, sich nun ohne weiteres dadurch als von einander abstam- mend ergeben. Vielmehr liegt es weit näher, die morphologische Ver- gleichbarkeit durch die Herkunft der Formen von gemeinsamen Vor- fahren zu erklären. Da gleiche Bedingungen gleiche Folgen haben, so ist es für unsere Betrachtung gleichgültig, ob wir einen mono- oder — wie das richtiger sein dürfte — einen polyphyletischen Stammbaum annehmen, ob wir also der .-\nschauung huldigen, dass alle Organismen untereinander blutsverwandt sind oder nicht. Namentlich Xägeli (.Abstammungslehre 18S4) hat darauf aufmerksam gemacht, dass es unseren sonstigen Kennt- nissen besser entspricht, Urzeugung an vielen Stellen gleichzeitig und vielleicht auch zu den verschiedensten Zeiten anzunehmen, sodass das Vor- handensein vieler nicht blutsverwandter Organismenreihen wahrschein- licher ist. Mit Anlehnung an die Sprechweise der philosophischen Schule von Rieh. Avenarius würde ich sagen : die Ergänzung , die die Descendenztheorie zu den Erfahrungsthatsachen versucht, ist diesen homogener, wenn die Nägeli'sche Annahme gemacht wird, während es eine heterogene Ergänzung wäre, sich vorzustellen, dass nur ein einziges Mal die Umstände für die Bildung von Lebewesen vorhanden gewesen sei. Da aber die .Aenderungsbedingungen (die inneren und die äusseren) für die Organismen die gleichen oder doch sehr ähnliche sind, so wer- den die .Ausgestaltungen der Organismenreihen doch eng vergleichbare sein müssen. Wenn ich demnach in einer Reihe von Formen, die als blutsverwandt gelten müssen, begründen kann, dass z. B. die Samen der höheren Pflanzen aus Sporangien hervorgegangen sind , so werde ich dasselbe für Parallelreihen annehmen können, und ich werde sogar — wenn ich es nicht anders habe — in der Lage sein, die verschiedenen Etappen verschiedener Reihen heranzuziehen, um die morphologische Herkunft komplizierterer Organe klarzulegen. Habe ich eine Reihe, die mir die .Annahme aufdrängt, dass aus der Fächer.(Parallel-).Aderung in den folgenden Generationen zunächst die Fieder-Aderung, sodann die einlache und endlich die Doppcl-Maschen-.Aderung hervorgegangen ist, so werde ich in homogener Ergänzung Aehnliches in anderen Reihen an- nehmen müssen, die wegen noch nicht aufgefundener Uebergangsglieder diesbezügliche Lücken aufweisen. Es ist dabei zu beachten, dass infolge der zeitlich wiederholten Urzeugung neue Reihen wiederholt eingesetzt haben, von denen ein Teil durch die einfacheren Verhältnisse hindurch erst allmählich zu den höheren Komplikationen in ihrem Bau gelangen, sodass wir vielfach in den verschiedensten Zeiten gleichzeitig die verschiedenen Komplikationen nebeneinander vorhanden sehen. Auch aus ein und demselben Stammbaum können ältere Typen neben neu entstandenen bestehen bleiben. Eine zweite Etappe knüpft sich an den Namen Alexander Brauns. Um den Gesichtspunkt, der die Goethe bis Braun'sche Morphologie leitet, von vornherein zu kennzeichnen ist die Nebeneinanderstellung der Spezial- begriffe, die mit dem Worte Metamorphose verl f u n g der M a 1 a r i a mit dem von Prof. R. Koch erfundenen \'erfahren, wonach Chinin in acht- bis neun- tägigen Zwischenräumen als vorbeugendes Mittel ge- nommen werden soll, hatten nach Mitteilung Dr. Gu iarts im Archiv für Parasitologie in den Fiebergebieten um Rom keinen Erfolg.) Günsligere Ergebnisse erzielten Ver- suche Prof. Grassis mit einer eigenartigen Verbindung von Chinin, zitronensaurem Eisen, arseniger Säure und Bitterextrakt. Dieser Stoff wurde in Form von Pillen oder Lösungen bis zu sechs Pillen täglich an Erwachsene, an Kinder in geringeren Dosen verabreicht. Auf einem Landgut in der Umgegend Ostias erkrankte von 60 nach diesem Verfahren vorbeugend behandelten Dreschern kein einziger, während ihre 60 Arbeitsgenossen ausnahmslos von der Malaria befallen wurden. (Mitteil. d. Deutschen Kolonialgesellschaft.) Auerochs und Wisent (eine Berichtigung). — In der hochinteressanten, am 14. September 1902 in Nr. 50 der Naturwissenschaftlichen Wochenschrift erschienenen Ab- handlung des Herrn Oberlehrers K. Falck über die in Höhlen Südfrankreichs entdeckten und von Ri viere,, Capitan und Breuil veröffentlichten Tierbilder aus der Diluvialzeit ist u. a. auch auf S. 594 (Fig. 8) ein sehr erkennbares Bild des Wisents zur Darstellung gebracht. Das in diesem Bilde veranschaulichte Tier ist indes als „Auerochs" bezeichnet. Das ist mit Unrecht geschehen, denn unter dem Auerochsen ist ein ganz anderes Tier zu verstehen. Der Auerochs, auch Ür genannt (ein aus- gestorbenes, ehemals über Mitteleuropa verbreitetes, in seinen Dimensionen gewaltiges Tier), das den wissen- schaftlichen Namen Bos priniigenius Boj. trägt, gilt als Stammvater eines Teiles der norddeutschen und englischen Rassen unseres Hausrindes (Bos taurus L.). Er ist charak- terisiert (ebenso wie das Hausrind) durch die flache und mehr lange als breite Stirn, die an den Stirnseiten sitzen- den, meist längeren Hörner und den mähnenlosen Vorder- körper. Der Wisent [Bison curopaais Ow.) ist das mächtige, braune, am oben genannten Orte im Bilde dar- gestellte und daselbst fälschlich „Auerochs" genannte Tier, welches noch jetzt in den Waldungen von Bialowicza in N. F. II. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Russisch-Litthauen gehegt wird und nördlich vom Kau- kasus noch wild lebt. Diese Tierart war über Mitteleuropa weit verbreitet und noch im früheren und späteren Mittel- aher in manchen Urwaldgegenden Deutschlands (z. K. Nordostdeutschland, Harz, Vogesen) zu finden. Aristo- teles führt ihn als „Bonasos" auf, der zu seiner Zeit in Macedonien lebte. Der Wisent ist charakterisiert durch die gewölbte und breite, kurze Stirn, die verhältnismässig kleinen runden, vor den Stirnseiten sitzenden Hörner und die lange Mähne am Kopf und Hals. Sein diluvialer Vor- fahr trägt den wissenschaftlichen Namen Bison priscus. Uebrigens wurde der Wisent schon seit dem 1 7. Jahr- hundert mit dem kurz vorher ausgestorbenen wirklichen Auerochsen verwechselt und z. B. vor hundert Jahren mit Unrecht als Auerochs bezeichnet. Diese Benennung findet sich daher in den älteren Werken für den Wisent und hinkt bis jetzt noch nach. Aber seit Jahrzehnten wird in den zünftigen naturwissenschaftlichen Büchern und im Verkehr unter dem Namen „Auerochs" nur der durch seine bedeutende Grösse ausgezeichnet gewesene Urochs Bos primigenius verstanden, der in Deutschland sehr ver- breitet war und oft an gleichen Orten wie der Wisent lebte. Prof. H. Kolbe. Ueber die Erscheinungen des Laubwechsels tropischer Bäume, deren Studium eine der wichtigsten wissenschaftlichen Aufgaben seiner letzten Reise gebildet hat, hielt Prof. G. Vo Ikens in der Septembersitzung des Botanischen Vereins der Prov. Brandenburg einen Vortrag. Er unterschied nach der Art des Laubwechsels etwa sechs Gruppen von Bäumen. Zunächst giebt es solche, die das ganze Jahr hindurch gleichmässig forttreiben, an denen man also zu jeder Jahreszeit immer neu hervorsprossende und alte, abfallende Blätter sieht. Hierher gehört z. B. die durch ausserordentlich rasches Wachstum sich aus- zeichnende Albizzia moluccana. Zweitens finden sich Bäume, bei denen zu einer bestimmten Zeit nur ein ge- wisser Teil der Aeste, etwa 10 oder 20 v. H. neue Blätter hervorspriessen lassen, während die anderen ruhen. Ein Ast eines solchen Baumes treibt einige Monate ruhig weiter, dann aber tritt plötzlich ein Stillstand in der Laub- entwicklung ein. Man kann dies u. a. bei Dipterocarpa- ceen, wie Dryobalanops beobachten. Eine dritte Gruppe bilden die Zizyphusarten. Hier sieht man in der Krone verschiedene, scharf umschriebene Stellen, die sich durch ihre rote Färbung von dem übrigen Laube unterscheiden. Das ist junges Laub, das von einzelnen stärkeren Aesten hervorgebracht wird. Gleich merkwürdig sind sodann gewisse Leguminosen, wie Amherstia nobilis, die ihre Blätter nach Treubs Ausdruck „ausschütten'', indem sie alle zwei bis drei Monate neue, schlaff herabhängende Blätter hervortreiben. Eine fünfte Gruppe wird von einigen Nadelhölzern, wie Agathis (Dammara), gebildet. Ein Baum der Art wirft plötzlich die Blätter zweier Generationen ab; dann tritt ein Austreiben von Endknospen ein; hierauf erfolgt eine Ruhepause von vier Wochen; danach treiben die Knospen der Seitentriebe aus, gleichfalls mit vorher- gehendem Blattfall. Endlich giebt es eine Reihe von Bäumen, die sich ganz ähnlich verhalten, wie unsere ein- heimischen Laubbäume, indem sie zu einer gewissen Zeit ihre sämtlichen Blätter verlieren. Hierhin gehört z. B. der wegen seines Holzes geschätzte Teakbaum (Tectona grandis), der etwa im Juni seine Blätter abwirft und dann mehrere Monate vöUigf kahl dasteht. In resrnerischen Gegenden ändert sich jedoch dies Verhalten ; hier verliert er die Blätter nicht, sondern bildet fortwährend neues Laub, in derselben Weise, wie dies bei Albizzia moluccana geschieht. Neben den hier besprochenen Formen des Laub- wechsels treten bei gewissen Baumarten noch mancherlei Be- sonderheiten auf. (Aus der Vossischen Zeitung, Berlin.) Die Gesamtmasse der Atmosphäre ist jüngst auf Grund der vorliegenden Angaben über die Verteilung des Luftdrucks auf der Erdoberfläche von Nils Ekholm berechnet worden (Meteorol. Zeitschr. 1902, Fleft 6). Wenn die mittlere Höhe der Kontinente neueren Annahmen zufolge gleich 750 m gesetzt wird, so ergiebt sich als Gesamtmasse der Atmosphäre 516.10''^ Tonnen, was ;r der Erdmasse entspricht. I 180000 Bestimmung der Leitfähigkeit und der Dielek- trizitätskonstanten von Lösungsmitteln und deren Lösungen. P. E vc rsh e i m (.-\nn. der Ph\'sik, Nr. 7, 1902) untersucht die Aenderungen, welche die Leitfähigkeit und die Dielektrizitätskonstanten von Lösungsmitteln und deren Lösungen erfahren, wenn die Temperatur abnimmt oder aber bis über den kritischen Punkt steigt. Aus den Messungen, denen die Wheatstone'sche Brückenkombination in der von Nernst angewandten Form zu Grunde liegt, ergiebt sich zunächst für die Leitfähigkeit ausnahmslos ein starkes Abnehmen unmittelbar vor der absoluten Siedetemperatur, ähnlich wie es schon Hagenbach beob- achtet hatte. Dies Verhalten widerspricht der Arrhenius- schen Theorie, nach der die Leitfähigkeit für verschiedene Temperaturen sich aus der Gleichung 1. = Ae-^' (i +ab) berechnen lässt und ein Maximum zeigt, das für die meisten wässerigen Lösungen weit oberhalb der kritischen Temperatur liegt. Auch für die Dielektrizitätskonstante beobachtet der Verfasser dicht vor dem Liebergang in den kritischen Zustand eine charakteristische Aenderung; in beiden Fällen ist jedoch von einer wirklichen Diskontinuität keine Rede. Diese Analogie im Verhalten beider Grössen bei An- näherung an den gasförmigen Zustand, spricht für die Annahme, dass zwischen ihnen eine gewisse, bisher nicht genau bekannte Beziehung besteht , vielleicht im Sinne der Nernst'schen Theorie. Schliesslich zeigt es sich noch, dass die sog. Mosotti- Clausius'sche Konstante nicht streng als solche anzusehen ist, sondern eine Funktion der Temperatur darstellt. A. G. Ueber die Bildung flüssiger Tropfen und das Tale'sche Gesetz. Leduc und Sacerdote weisen in einer in den Berichten der französischen Akademie der Wissenschaften (15. Juli 1902) erschienenen Mitteilung darauf hin, dass die Ueberlegung, mit der man gewöhn- lich das Tale'sche Gesetz deutet, fehlerhaft ist. Bekannt- lich ist nach diesem Gesetz das Gewicht von Tropfen einer und derselben Flüssigkeit, die von Röhrenenden verschiedenen Durchmessers abfallen, diesem Durchmesser proportional. Wenn man nämlich annähme, dass der Tropfen sich dann loslöst, wenn sein Gewicht die Wirkung der Oberflächenspannung an der Peripherie übersteigt, würde der Kohäsionskraft, die auf den ganzen Durch- schnitt des Röhrenendes wirkt, keine Rechnung getragen werden. Der Tropfen löst sich vielmehr infolge Zu- sammenschnürens ab, wenn die geringste weitere Menge Flüssigkeit eine der durch die Differentialgleichung ge- gebenen Gleichgewichtsfiguren stört. Damit hat obiges Gesetz aber jeden theoretischen Wert verloren und waren neue Versuche berechtigt, aus denen hervorgeht, dass dasselbe für Durchmesser von 0,5 cm bis 1,5 cm an- nähernd gültig ist, aber sich von den wirklichen Verhält- nissen mehr und mehr entfernt, je weiter man von diesem Intervall abkommt. Es scheint, als ob ~- für d = o sich d unendlich grossen Werten nähert. A. G. lO Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. IL Nr. I Das Trifilargravimeter von Aug. Schmidt (Stutt- gart) ist ein dem Gauss'schen Bifilarmagnetometer ähn- licher, neuer Apparat, der dazu bestimmt ist, Verände- rungen der Schwere, bezw. die durch solche angezeigten vertikalen Bodenbewegungen zu erkennen und zu messen. Schmidt ging bei der Konstruktion dieses Instruments von dem Gedanken aus, dass möglicherweise ein Teil der Variationen, welche das Gauss'sche Magnetometer re- gistriert, nicht von Veränderungen des Erdmagnetismus herrühren möchte, sondern von Schwankungen der In- tensität der Schwere. Dass vertikale Bewegungen eine Aenderung der scheinbaren Schwere zur P'olge haben können, wurde schon von Perrot 1862 erkannt und später auch von Zöllner betont, ersterer hat sogar auch schon einen Apparat zur Messung dieser Schwereänderungen konstruiert, von welchem das Schmidt'sche Trifilargravi- meter eine vervollkommnete Modifikation darstellt. Eine leichte, hölzerne Scheibe ist bei dem Schmidt'schen Apparat am oberen Ende eines stabförmigen Gewichts befestigt. Der grössere Teil dieses Gewichts wird durch eine aus zahlreichen Windungen bestehende Stahldrahtfeder ge- tragen, der kleinere Teil dagegen durch drei Fäden, die einerseits an Punkten der Peripherie der Scheibe, anderer- seits an festen Punkten des Stativs befestigt sind. Durch eine der Feder erteilte Torsion lässt sich nun eine geringe Verdrehung der Scheibe erzielen, die wegen der trifilaren Aufliängung mit einer minimalen Hebung derselben ver- knüpft ist. Demnach wird sich zwischen dem durch die Torsion erzeugten Drehungsmoment und dem durch die Schwere bedingten Rückdrehungsbestreben ein Gleich- gewichtszustand ausbilden und bei der geringsten Schwere- änderung muss sich die Gleichgewichtslage ein klein wenig verschieben, was mit Spiegel und Skala sehr scharf be- obachtet werden kann. Nach Schmidt's Angaben lässt sich das Gravimeter so empfindlich einstellen, dass eine Aenderung der Schwere um ihren zweimillionsten Teil, wie er dem Unterschied zwischen Zenith- und Horizontstellung des Mondes ent- sprechen würde, noch mindestens 2,3 Sekunden Winkel- ausschlag erzeugen würde. Allerdings wird die An- ziehungswirkung des Mondes, wie durch Horizontalpendel- beobachtungen bekannt geworden ist, stets völlig verdeckt durch weit grössere mikroseismische Störungen. Die mikroseismischen Beobachtungen werden sonach durch das Trifilargravimeter eine sehr wünschenswerte Vervollständigung erfahren. Während das Horizontal- pendel die Ablenkungen der Lotlinie zu erkennen gestattet, werden durch das Gravimeter mit ebenbürtiger Empfindlich- keit die vertikalen Bodenbewegungen erkannt werden, die auf die Lotrichtung keinen Einfluss haben, wohl aber bei aufwärts gerichteter Bewegung die scheinbare Schwere vergrössern, bei Abwärtsbewegung dieselbe verkleinern müssen, wie man dies schon durch das Gefühl in jedem Fahrstuhl bemerken kann. Man darf daher den Beob- achtungsergebnissen des ersten, auf der Seismometerstation in Strassburg aufgestellten Trifilargravimeters mit Spannung entgegensehen. Langsame Bodenoszillationen von 10 cm Amplitude sind bereits wiederholt registriert worden. Merkwürdigerweise scheinen aber diese vertikalen Pul- sationen im allgemeinen nicht mit horizontalen, durch das Horizontalpendel nachweisbaren zusammenzufallen. F. Koerber. nach in zwei Gruppen teilen, nämlich: i. solche mit Stopf- büchsendichtung, 2. solche mit um den Kolben gelegter Leder- manschette. Die ersteren hatten den Nach- teil, dass durch Hartwerden des Stopf büchsen- materials, wodurch naturgemäss ein dichter Abschluss des Kolbens gegen die Stiefel- wandung unmöglich gemacht wurde, die Spritze unbrauchbar wurde ; die zweite Kon- struktion zeigt eben so grosse Mängel, indem namentlich nach längerer Nichtbenutzung das Leder eintrocknet und der Kolben so eben- falls undicht wird. Bei der neuen Konstruktion nun wird die Abdichtung durch eine Manschette aus elastischem Duritgummi (d) bewirkt. Die Kolbenstange ist hohl und diese Höhlung steht durch Kanäle mit dem Zwischenraum zwischen Gummimanschette und Kolben in Verbindung (siehe Fig., die eine schematische Darstellung der Anordnung zeigt). Am oberen Ende ist die Kolbenstange mit einer Mikro- meterschraube verschlossen. Den Hohlraum in der Kolbenstange etc. füllt man mit einer Flüssigkeit an (in hervorragender Weise ist hierzu das Glycerin geeignet, das erst bei — 40 " gefriert und bei -|- 280 " siedet); durch Anziehen der Schraube wird die Flüssigkeit zwischen die Manschette und die Kolbenwand gepresst, wodurch diese gegen die Stiefelwandung gedrückt wird. Es leuchtet ein, dass hierdurch eine sehr voll- kommene Abdichtung erzielt wird. Ein Austreten der zu ver- spritzenden Flüssigkeit in den Raum über dem Kolben wird dadurch unmöglich, mithin kann der Arzt eine sehr genaue Dosierung vornehmen und wird daher in vielen Fällen, wo jetzt infolge der Mangelhaftigkeit der Spritzen mehr- fache Einspritzungen nötig waren, mit einer einzigen Injektion auskommen, was z. B. bei Einspritzungen unter die Haut im Interesse der Schonung des Patienten sehr wünschenswert erscheint. W. G. Fragen und Antworten. Ist es wahr, dass es unter meerische Berg- werkegiebt? L. Kohlengruben, deren Gänge sich unter Flüssen hinziehen, giebt es verschiedene, z. B. diejenigen bei Lüttich. Kohlen- zechen , die unter dem Ocean liegen , giebt es in England. Einzig in ihrer Art ist eine der Kohlengruben bei Nanaimo, in der Departure Bay in Britisch Columbien. Es ist dies die Wellington Zeche; ihre Galerien befinden sich 183 m unter dem Wasserspiegel des Oceans , der hier ein Archipel von Inseln umspült. Die Strecken dieses Bergwerks dehnen sich immer mehr aus und ziehen sich jetzt bereits in einer Länge von über 6 engl. Meilen unter dem Boden des .Stillen Oceans hin. Fast die ganze Bevölkerung der Stadt Nanaimo, etwa 1000 Köpfe stark, arbeitet in der Grube. Das, was das Arbeiten in diesem Bergwerk besonders gefahrvoll macht, ist nicht etwa die Möglichkeit des Wasserdurchbruchs aus dem Meere, son- dern die übermässige Menge brennbarer Gase , durch deren Explosion erst vor etwa einem Jahrzehnt gegen 100 Bergleute ihr Leben einbüssten. Eine neue Art von Kolbendichtung, die nament- lich für die Spritzen der Aerzte einen bemerkenswerten Fortschritt darstellt, wird in Kirchhoff's techn. Blätter beschrieben. Dieselbe ist eine Erfindung des Münchener Ingenieurs Arnold Melm und diesem patentiert. Die Spritzen der Aerzte lassen sich der Konstruktion Aus dem wissenschaftlichen Leben. Meteor. Am 8. September liat Herr Lehrer Reichardt in Zipsen- dorf (Altenburg) nach 7 Uhr abends ein sehr helles Meteor beobachtet. Falls die Erscheinung auch anderwärts beobachtet worden ist, würde die Redaktion gefällige Mitteilungen mit möglichst genauen Angaben über die Lage der scheinbaren Bahn dankbar entgegennehmen. Da die Sterne noch nicht sichtbar gewesen sind, wird der Lauf des Körpers am besten durch die Himmelsrichtung und die scheinbare Hölie des Anfangs und Endpunktes des beobachteten Bahnstücks festgelegt werden können, N. F. II. Nr. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 1 1 Bücherbesprechungen. i) Johannes Walther, Prof. a. d. Univ. Jena, Geologische Heimatskunde von Thüringen. Mit 43 Fig. und 16 Profilen. Verlag von Gustav Fischer in Jena, 1902. — Preis 2,40 Mk. 2) Dr. R. Scheibe, Prof. d. Mineralogie a. d. Kgl. Berg- akademie zu Berlin, Geologische Spaziergänge im Thüringer Wald. I. Heft. Mit Karten und Profilen. Verlag von Gustav Fischer in Jena, 1902. — Preis 60 Pf. Walther's Arbeit ist elementarer gehalten als diejenige Scheibe's. Letztere ist den Lesern der Naturw. Wochenschr. bekannt, da sie zuerst hier veröffentlicht wurde und das oben- genannte Heft ein Separatabzug dieser Veröffentlichung ist. Es handelt sich um die Geologie des Kickelhahngebietes. Wer jedoch eine erste Einführung wünscht oder eine generelle Liebersicht über die Geologie Thüringens, der nehme das Walther'sche Heft zur Hand. Es ist durchaus und ge- schickt für den Laien geschrieben, sodass ein kleines Wörter- verzeichnis der notwendigen Fachausdrücke auf p. 155 — 168 beigegeben ist. Auch die in Betracht kommenden allerwichtig- sten Petrefacten sind abgebildet worden. Der Naturfreund, naturwissenschaftliche Lehrer oder Naturforscher , dessen Be- rufsthatigkeit der Geologie ferner liegt , z. B. der Botaniker, Zoologe u. s. w., insbesondere der neuzeitliche Geograph, findet in solchen Schriften, von denen die Walther'sche Geologische Heimatskunde ein Beispiel ist , eine ganz wesentliche Unter- stützung zur Gewinnung einer bequemen schnellen Einsicht in naturwissenschaftliche Thatsachen aus Nebendisziplinen, die zu kennen ihm im Interesse der Wahrung des Zusammenhanges von grosser Wichtigkeit ist. Prof Dr. H. Lorenz , Dynamik der Kurbelgetriebe mit b e s o n d e r e r B e r ü c k s i c h t i g u n g d e r S c h i f f s- maschinen. Mit 66 Textfiguren. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig 1901. — 5 Mk. Während die Bewegungslehre bis vor kurzem wesentlich geometrisch oder kinematisch behandelt wurde , macht sich neuerdings immer mehr das Bestreben geltend, die Probleme der Technik auf dynamischer Grundlage in Angriff zu nehmen. Dieser Umschwung ist zum grossen Teile durcli Aufgaben be- wirkt worden, welche der moderne Schiffsmaschinenbau stellte, in welchem der von Konsul Schlick eingeführte sogenannte Massenausgleich einen wesentlichen Fortschritt bedeutet. Es ist daher eine ebenso lohnende wie wichtige Aufgabe, die Dynamik allgemeiner zur Geltung zu bringen, und der Verfasser vorliegender Schrift hat in dieser Absicht zunächst einmal die Kurbelgetriebe einer eingehenden dynamischen Behandlung unterzogen. Das Buch wird mit seinem nach Methode wie nach den Ergebnissen gleich interessanten Inhalt nicht nur in den Kreisen der Techniker, sondern vor allem auch in denen der Mathematiker und Physiker weitgehendste Beachtung finden und zu weiteren Untersuchungen Anregung bieten. In methodischer Hinsicht verdient besonders hervor- gehoben zu werden, dass der Verfasser sich mit grossem Nutzen der periodischen Reihen bedient, eines Hilfsmittels, das zwar dem Mathematiker und Physiker sehr geläufig, den Ingenieuren aber wegen der erklärlichen Bevorzugung graphischer Methoden bisher nur wenig bekannt geworden ist. Nachdem in einer Einleitung die nötigen Vorbereitungen getroffen sind, werden im ersten Kapitel die Massenwirkungen und ihr Ausgleich behandelt; dabei finden die Vierkurbel- maschinen besonders eingehende Berücksichtigung. Im zweiten Kapitel wird der Energieaustausch näher untersucht ; von be- sonderem Interesse dürfte hier u. a.. ein Abschnitt sein, wel- cher den Einfluss elastischer Formänderungen behandelt. Die Untersuchung führt hier zu dem Ergebnis, dass bei einer Maschine von vorgelegten Dimensionen eine Reihe kritischer Winkelgeschwindigkeiten besteht, die in der Praxis unbedingt zu vermeiden sind. G. Scientia. Phys.-Mathematique Nr. 13: F. M. Raoult, membre correspondant de l'institut, Doyen de la Faculte des Sciences de Grenoble , C r y o s c o p i e. C. Naud, Editeur. Paris 1901. Dass die Erniedrigung der Gefrierpunkte krystallisierbarer Lösungsmittel proportional der Menge der in ihnen gelösten Substanz ist, hat Rüdor ff im Jahre 1861 festgestellt. Weitere Untersuchungen von Coppet und besonders aber von F. M. Raoult haben die wichtige Feststellung erbracht, dass mole- kulare Mengen der verschiedenen Substanzen in derselben Menge des Lösungsmittels gelöst die gleiche Gefrierpunkts- erniedrigung zeigen. Man nennt nach Raoult diese That- sache das Raoult' sehe Gesetz. Bezeichnet man mit /die Gefrierpunktserniedrigung, welche von / Gramm der Substanz in 100 g des Lösungsmittels / hervorgebracht wird, so zeigt der Depressionskoeffizient - die Erniedrigung für i g der Substanz in 100 g der Lösung an. Multipliziert man den Depressionskoeffizient mit dem Molekulargewicht der gelösten Substanzen , so erhält man die Molekulardepression, die bei allen Substanzen für das gleiche Lösungsmittel einen konstanten Wert zeigt : y)/ = C. Raoult hat festgestellt, dass die Konstante für Benzol 49, für Eisessig 39, für Wasser 19 ist. Kennt man nun den Wert für die Konstante, so lässt sich das unbekannte Molekulargewicht einer p gelösten Substanz nach der Formel berechnen M = C — . Es ist Raoults unbestrittenes Verdienst, diese Verhält- nisse klargelegt und der wissenschaftlichen Chemie damit ein bequemes Verfahren einer Molekulargewichtsbestimmung auf k r y o s k o p i s c h e m Wege erobert zu haben. Die Prinzipien dieses Verfahrens und die verschiedene Art seiner Ausführung in einem Werkchen zusammenfassend erörtert zu sehen, verspricht Genuss und Belehrung, und der Leser des Büchleins findet sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht. Eine schöne und stimmungsvoll geschriebene Vor- rede von R. I, e s p i e a u führt den Leser in die folgenden Blätter ein, welche alles, was mit der Kryoskopie in Zusammen- hang steht, eingehend und verständlich erörtern. Thoms. Prof Dr. A. Schülke, Aufgabensammlung. Mit 45 Figuren im l'ext. — Preis geb. 2,20 Mk. Ergebnisse zu der Aufgabensammlung (nur an Lehrer verkäuflich). — Preis geb. 1,60 Mk. Leipzig und Berlin, B. G. Teubner, 1902. Von den älteren mathematischen Aufgabensammlungen unterscheidet sich die vorliegende, die in 3500 Nummern etwa 6000 Aufgaben enthält, durch eine besonders ausgiebige Be- rücksichtigung der Anwendungen der Mathematik. Die ange- wandten Aufgaben füllen fast die ganze zweite Hälfte des Buches und beziehen sich auf die Volkswirtschaftslehre, Geo- däsie, Nautik, Erd- und Himmelskunde, Krystallographie und Physik, insbesondere Dach- und Brückenkonstruktionen. Das letztere Spezialgebiet der Statik in klarer Weise für Schul- aufgaben zurechtgelegt zu haben ist das besondere Verdienst des Verfassers. Die für das Verständnis der angewandten Aufgaben nötigen Erklärungen sind am Anfang der betreffen- den Abschnitte kurz zusammengestellt, die benötigten Kon- stanten sind, soweit sie nicht besonders angegeben werden, in der Schülke'schen 4-stelligen Logarithmentafel zu finden. Wir können das Bestreben des Verfassers, den mathematischen Unterricht durch immer weiter gehende und mannigfaltigere Behandlung der angewandten Wissenschaft zu beleben, nur von ganzem Herzen billigen. An manchen Stellen wird natür- Hch immerhin noch Vervollkommnung möglich sein. — Das ganze Staats-Lotteriewesen mit seinem Klassensystem ausein- anderzusetzen, können wir z. B. nicht als Aufgabe der Schule 12 -Naturwissenschaftliche Wochenschrift. X. F. II. Nr. I gutheissen; hierdurch wird keinerlei wahres Wissen gefördert, wohl aber indirekt die Beteiligung am Glücksspiel sanktioniert. Bei den nautischen Aufgaben ist die lüklärung der Stand- linienverwertung nicht recht klar, namentlich wird der Schluss- satz von 95, Nr. i6 nur denjenigen einleuchten, die aus einem Spezialwerk über Nautik sich über den Gegenstand informiert haben. — Da das Buch doch den Schülern in die Hand ge- geben werden soll, so müsste in Zukunft auch unbedingt auf den Ausdruck mehr Sorgfalt verwendet werden. „Welch' Bruchteil", „welch' Körper" sind doch wohl Verkürzungen, die der Lehrer in keiner schriftlichen Arbeit dulden könnte. Ebenso verstösst z. B. gegen die einfachsten Sprach- und Interpunktionsgesetze die Aufgabe Seite 51, Nr. 23: „Ein rechtwinkliges Dreieck berechnen aus dem Umfang und dem Flächeninhalt, wie lang sind die Katheten ?" Ferner Seite 30, Nr. 45 : „Bei welcher Lage des Punktes giebt ein oder 3 Lote ?" — Wenn endlich der Verfasser ein so radikaler Sprachreiniger ist, dass er die in allen modernen Sprachen gleichen Bezeichnungen „dreiseitiges Prisma", „dreiseitige Pyramide" durch „Dreikant" und „Spitzdrei kant" ersetzen zu müssen glaubt, so sollte er konse- quent auch Worte wie Nautik, Geodäsie u. s. w. meiden , die ohne weiteres in einem jeden verständlicher Weise verdeutscht werden können. Zweckmässiger erscheint uns allerdings, die Neuerungssucht bei Benennung von wissenschaftlichen Begriffen mehr im Zaume zu halten. Jetzt muss man bei gleichzeitiger Benutzung der Aufgabensammlungen von Martus und Schiüke beständig erst die individuellen Verdeutschungen in die Sprache der Wissenschaft übersetzen. Gegen die von Schülke be- nutzten Worte „Dreikant" und ,, Spitzdreikant" spricht übrigens auch der LTmstand, dass erstens das „Dreikant" in Wahrheit 9, das „Si)itzdreikant" 6 Kanten hat, und dass sich dann die Allgemeinbegriftc „Prisma" und „Pyramide" verflüchtigen, oder soll man dafür etwa „Mehrkant" und „Spitzmehrkant" sagen ? F. Koerber. Litteratur. Geyser, I'riv.-Doz. Dr. Jos.: Grundlegung der empirischen Psychologie. (\'I, 240 S.) gr. S». Bonn '02, P. Hanstein. — 4,50 Mk. Aisberg, Dr. Mor. : Die .Abstammung des Menschen u. die Bedingungen seiner Entwicklung. Für Naturforscher, Aerzte u. gebildete Laien dargestellt. (XII, 24S S. m. 24 Abbildgn.) gr. 8°. Cassel '02, Th. C. Fisher & Co. — 3,20 Mk. Schellwien, E. : Trias, Perm u. Carbon in China. Mit I Lichtdr.-Taf. u. I Profil im Text. [Aus: „Schriften d. phys.-ökon. Gesellsch. zu Königsberg".] (22 S. m. I Bl. Erklärgn.) gr. 4". Königsberg '02, (\V. Koch). — 2 Mk. Schewiakoff, Dr. W. : Beiträge zur Kenntnis der Radiolaria-Acanthu- metrea. [Aus: ,,Memoires de l'acad. imp. des sciences de St.- Petersbourg".J (40 S. m. 4 Taf.) gr. 8". St. - Petersbourg '02. Leipzig, Voss' Sort. in Komm. — 4,50 Mk. Simroth, Prof. Dr. Heinr. : Die Nachtschneckenfauna des russischen Reiches. (XI, 321 S. m. 17 Fig., 27 Taf. u. 10 Karten.) Leu. 8". St. Petersburg '01. Leipzig, Voss' Sort. in Komm. — 26 Mk. Sydow, P. , et H. Sydow: Monographia Uredinearum seu specierum omnium ad Ijunc usque diem descriptio et adumbratio systemaüca. Vol. I. Fase. I. Genus Puccinia. (192 S. m. 9 Taf.) gr. 8°. Leipzig '02, Gebr. Borntraeger. — 12 Mk. Beck V. Mannagetta, Prof. Dir. Dr. Günth. Ritter: Hilfsbuch für Pflanzcnsammler. (IV, 36 S. m. 12 Abbildgn.) 12°. Leipzig '02, W. F.ngelmann. — Kart. 1,40 Mk. Bruhns, Prof. Dr. W. : Elemente der Krystallograpliie. (VI, 2 1 1 S. m. 346 Fig.) gr. 8°. Wien '02, F. Deuticke. — 7 Mk. Ladenburg, A. : Vorträge üb. die Entwicklungsgeschichte der Chemie von Lavoisier bis zur Gegenwart. Gleichzeitig 3. verm. .Aufl. der Entwicklungsgeschichte der Chemie in den letzten 100 Jahren. (X, 398 S.) gr. 8". Braunschweig '02, F. Vieweg & Sohn. — Geb. in Leinw. 7 Mk. Briefkasten. Herrn AI. Jaeger in Königsberg (Pr.) — Zum Studium der Entwicklungsgeschichte bei Wirbellosen ist (ausser Korscheit und H ei d er 's Werk) zu empfehlen Arnold Lang's Lehrbuch der vergl. Anatomie Lief. I u. 2 (Verlag von Gustav F'ischer in Jena), Preis 22 Mk. ; für menschliche Anatomie sind als gute, weniger umfangreiche Werke zu nennen: Gegen baur, Anatomie des Menschen (Verlag von Wilh. Engelmann in Leipzig), Preis 27 Mk., und das noch weniger umfang- reiche Werk von Pansch, .Anatomie des Menschen (Verlag von Ge- brüder Jänecke, Hannover), Preis 14 Mk. Herrn R. F. in Zürich. — Flerr Prof. H. Kolbe, dem wir Ihre Frage vorlegten, giebt freundlichst die folgende .Auskunft: Naturalien- handlungen, die Insektensammlungen ankaufen, sind Hermann Rolle, Naturhist. Institut, in Berlin N., F.lsässerstr. 47/48. V. Fric (^ Fritsch), Naturalienhändler, Prag, Wladislawsgasse Nr. 21 a. H. Fruhstorfer, Berlin NW,, Thurmstr. 37. Wilh. Schlüter in Halle a. S., Natur- wissenschaftliches Institut, Ludwig- Wuchererstrasse 9. Wilhelm Neu- burger, Haiensee bei Berlin, Lützenstrasse 10. Staudinger und Bang-Haas, Blasewitz bei Dresden. — A.Böttcher, Berlin Brüder- strasse 15. Herrn Dr. med. Hand mann in Hannover. • — .Auf Ihre Frage: Aus w'elchen Werken Sie sich am besten über die Vogelwelt Ostasiens (Singapore, Hongkong, Japan) orientieren, giebt uns Herr Prof. Reichenow die folgenden Werke an : Eugene W. O a t e s , The fauna of british India including Cej'lon and Burma, Birds. Vol. I. London 1S89. .A. David et M. E. Oustalet, Les oiseaux de la chine. Paris 1877. Henry Sccbohm, The birds of the Japanese cmpire. London 1890 Herrn S. in R. Die ,, Zeitschrift für den physikalischen und chemischen Unterricht" erscheint bei J. Springer in Berlin. Preis jähr- lieh 12 Mk. Im gleichen Verlage erscheint auch die ,, elektrotechnische Zeitschrift". Dem Bedürfnis der Volksschullehrer wird besonders Rech- nung getragen von den ,, periodischen BläUern für Realienunterricht und Lehrmittelwesen", Tetschen a. Elbe, Otto Henckel's Verlag. Preis jähr- lich 5 Mk. Herrn Mialski in Allenstcin. Für Meteorologie empfehlen wir Ihnen: Börnstein, Wetterkunde. Braunschweig 1901, Vieweg & Sohn. Preis 5 Mk. Die Uberzäliligen Farben des Regenbogens werden durch die, allerdings nicht ganz einfache Airy'sche Theorie der Erscheinung unter Berücksichtigung von Interferenzwirkungen völlig erklärt. Die von Ihnen beobachtete, dreimalige Wiederholung der Farben Blau und Violett tritt bei grösseren Tropfen (von I mm Durchmesser etwa) auf. Näheres finden Sie in Dressel's Physik (Seite 877 — 884), oder noch ausführlicher in Pernter's ,, Versuch, der richtigen Theorie des Regenbogens Eingang in die Mittelschulen zu verschaffen" (Wien, C. Gerold's Sohn. 80 Pf.) Wo wurde die Dissertation von F. Peipers eingereicht und gedruckt, von der in einem Artikel über Inzucht Nr. 47 p. 560 der ,,Naturw. Wochcnschr." die Rede ist? Dr. A. Maurizio. Die .Aufschrift der Abhandlung lautet: .Aus der psychiatr. Klinik zu Bonn. Co nsangu i ni tat in der Ehe und deren Folgen für die Descendenz. Inaugural- Dissertation von Felix Peipers. Georg Reimer. Berlin 1902. Georg Brandt. Im ,, Pflanzenleben" von Kerner von Marilann ist im 2. Bande S. 260 f. das Pumpwerk in den Schmetlerlingsblüten beschrieben und gezeigt, wie der Pollen durch den Grift'el hervorgeschoben wird. Dabei ist nicht erwähnt, wieso keine Selbstbefruchtung stattfindet, da doch die Narbe in innigste Berührung mit dem Pollen kommt. Ist die Narbe dann noch nicht autnahmcfähig oder besteht eine andere Einrichtung zur Verhinderung der Autogamie? Loeper (Greifswald.) Bei allen Papilionaeeen ist ein „Pumpwerk" nicht vorhanden, so unterscheidet z. B. Delpino 4 Haupltypcn der Bestäubungseinrichtung, nämlich I. die Pumpeneinrichtung, 2. den E.xplosionsapparat , 3. den Bürstenäpparat und 4. die einfache Klappeinrichtung. Sieist soll die Narbe von dem eigenen Blütenstaub nicht befruchtet werden, auch dann nicht, wenn sie wie bei einigen Arten von demselben völlig eingehüllt wird ; die Narbe wird in diesen Fällen erst durch Zerreiben der Narben- papillen , was durch die besuchenden Insekten geschieht , empfängnis- fähig. Inhalt: Ed. Hahn: Das Vaterland der Kartoffelkultur. — H. Potonie: Ein Blick in die Geschichte der botanischen Morphologie. — Kleinere Mitteilungen: J. Sparre Schneider: Die .Aussichten der Wiederbewaldung der Küsten im Stifte Tromsö. — R. Koch: Bekämpfung der Malaria. — K. Falck: Auerochs und Wisent. — G. Volkens: Ueber die Erscheinungen des Laubwechsels tropischer Bäume. — Nils Ekholm: Die Gesamtmasse der Atmosphäre. — P. Eversheim: Bestimmung der Leitfähigkeit und der Dielektrizitätskonstanten von Lösungsmitteln und deren Lösungen. — Leduc und Sacerdote: Ueber die Bildung flüssiger Tropfen und das Talc'sehe Gesetz. — Aug. Schmidt: Das Trifilargravimeter. — -Arnold Melm: Eine neue Art von Kolbendichtung. — Fragen und Antworten. — Aus dem wissenschaftlichen Leben. — Bücherbesprechungen: l) Johannes Walther: Geologische Heimatskunde von Thüringen. 2) Dr. R. Scheibe: Geologische Spaziergänge im Tliüringer Wald. — Prof. Dr. H. L or en z : Dynamik der Kurbelgetriebe mit besonderer Berücksichtigung der Schiftsmaschinen. — Raoult: Cryoscopie. — Prof. Dr. A. Schülke: .Aufgabensammlung. — Litteratur: Liste. — Briefkasten. Veraatwortlicber Redakteur: Prof. Dr. H. Fotonie, Gross-Lichtcrfelde-West b. Berlin. — Druck von Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.) Naumburg a. S. Einschliesslich der Zeitschrift „DlG NatUf" (Halle a. S.) Seit i. April 1902. Organ der Deutsehen Gesellschaft für volkstümliche Naturkunde in Berlin. Redaktion: Professor Dr. H. Potonie und Oberlehrer Dr. F. Koerber in Gross-Lichterfelde-West bei Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Neue Folge II. Band; der ganzen Reihe XVIII. Band. Sonntag, den 12. Oktober 1902. Nr. 2. Abonnement: Man abonniert bei allen Buchhandlungen und Postanstalten, wie bei der Expedition. Der Vierteljahrspreis ist M. 1.50. Bringegeld bei der Post 15 Pfg. extra. Postzeitungs- liste Nr. 5263. Inserate: Die viergespaltene Petitzeile 40 Pfg. Bei grösseren Aufträgen entsprechender Rabatt. Beilagen nach Uebereinkunft. Inseraten- annahme durch Max Gelsdorf, Leipzig-Gohlis , Böhmeslrasse 9, Buchhändleriuserate durch die Verlagshandlung erbeten. Jibdruek ist nur mit vollständiger QusUenangabe nach eingeholter Genehmigung gestattet. Ein Blick in die Geschichte der botanischen Morphologie mit besonderer Rücksicht auf die Pericaulom-Theorie. Von H. Potonie. (Fortsetzung Für eine Betrachtung der Nachfolger Goethes ist er es selbst, der am besten weiterhilft. Das besondere Ge- wicht nämlich, das er gerade auf seine naturwissenschaft- lichen Schriften und insbesondere auf diejenigen zur Mor- phologie legte, hat ihn veranlasst, eifrig die gelehrte zeitgenössische Litteratur zu studieren, um den Eindruck, den seine Lehre machen würde, zu verfolgen. Er berichtet selbst über Aeusserungen zu derselben, insbesondere über ihre Aufnahme von selten der Botaniker. Seine Zusammen- stellung ,,Zur Morphologie" wird von demjenigen, der an historischen Betrachtungen Geschmack findet , gern zur Hand genommen werden. Wir ersehen aus diesen Aufzeichnungen Goethe's, dass die von ihm in den Vordergrund gerückte Betrachtungs- weise langsam aber immer breiteren Boden gewinnt, aller- dings nur hinsichtlich des Vergleiches und der Beziehung der verschiedenen Blattformationen aufeinander. Es würde uns nicht fördern, alle die vielen Einzelheiten vorzuführen, sondern wir greifen — wie das auch für die Zeit vor Goethe im Vorausgehenden geschehen ist — aus der Zeit nach Goethe und bis heute nur diejenigen Schriften her- aus, die mehr oder minder weitgehende Anklänge an die- jenigen Ansichten bieten, die sich dem Verfasser aufgedrängt haben. Das ist um so gebotener, als sich die meisten Autoren zunächst referierend verhalten. statt Schluss.) Hervorragend durch das Eindringen in den Gegenstand ist Ernst Meyer 1832. Er führt sämtliche Organe der Pflanze auf eines, auf das Blatt zurück: Die Blätter greifen nach oben und unten ineinander. Gaudichaud (Re- cherches gen. surl'organo- graphie, la physiologie et l'organogenie des vege- taux. Mem. de l'academie des Sciences. Paris 1841) nennt das Grundorgan, aus dem die höheren Pflanzen zusammengesetzt werden, Phyton; mit seinen eigenen Worten ist ein Phyton „une feuille consideree comme plante distincte" (1. c. p. 6) oder „un vegetal originel uni- que" (1. c. p. 38). Die Fig- 3- höh Schema des Aufbaus einer Pfl. nach Gaudichaud. M Naturwissenschaftliche Woclienschrift. N. F. II. Nr. H Pliyten verbinden sich in steter Wiederholung mit- einander, um die höhere Gesamtpöanze darzustellen, und bestehen aus 1. einem absteigenden Systerrj (am Embryo die Wurzel), 2. einem aufsteigenden System, das in drei Teile („merithalles") zerfällt, nämlich aj dem Merithalles tigellaire, b) „ „ petiolaire und c) „ ,, limbaire. Figur 3 ('" Anlehnung an ein von Gaudichaud selbst gebotenes Schema) giebt eine Anschauung, wie sich Gaudichaud etwa den Aufbau einer höheren Pflanze aus Phyten vorstellte. Es sind in der Figur sechs der- selben angenommen; der punktierte Teil bedeutet den absteigenden Teil, der unschraffierte den aufsteigenden Teil eines jeden i'h\-ton. Sehr ähnlich ist die Ansicht Hochstetter's (1847 und 1848). „Blatt und darunter liegendes Halmglied (der Gräser) bilden zusammen ein Ganzes, welches er Stock- werk nennt, und welches aus drei Teilen besteht, dem Fuss (Halmglied), dem Rumpf (der Blattscheide) und dem Kopf (der Blattspreite). Das nächste Stockwerk wird vom vorausgehenden erzeugt durch Abzweigung aus dem Knoten zwischen Fuss und Rumpf. In dieser Weise wird jedes Blatt als terminale Fortsetzung des Stengelgliedes betrachtet." *) In den Jahren 1843 — 47 taucht dann eine Lehre auf, die einen neuen Gedanken zu bringen glaubt. Es ist das die Lehre von der Anaphytose des ordentlichen Pro- fessors an der Universität zu Berlin C. H. Schultz. Die Pflanzen, sagt Schultz**), verjüngen die einmal fertigen inneren Organe***) nicht; sondern wiederholen den Gegensatz von Aufleben und Absterben nuf in ihrer äusseren Gliederung (an den Anaphytis), indem sie über diese fertigen Gebilde hinaus immer zu neuen Produk- tionen, zu neuen Zweiggliedern an Wurzeln und Stengeln, neuen Blättern, neuen Knospen und Zwiebeln, neuen Knollen u. s. w. fortschreiten. Diese Eigentümlichkeit liegt in der Natur des Pflanzenwachstums, welches allein durch Wiederholung derselben Teile, durch An aphytosis, geschieht, während das tierische Wachstum mehr als eine Ecphysis oder Ectasis, als ein Ausdehnen der vor- handenen Teile erscheint." Schultz meint hiermit die Metamorphosenlehre zu bekämpfen, aber Alexander Braun macht schon mit Recht t) darauf aufmerksam, dass sich diese Lehre mit der letzteren keineswegs im Widerspruch befindet, „welche ja gleichfalls auf die ursprüngliche Gleichheit der in verschiedener Gestalt sich wiederholenden Pflanzenteile zurückführt", und Schultz selbst nennt jt) „die Ansicht, dass Wurzel, Stengel und Blätter an der Pflanze fest unter- schiedene und allgemeine . . . Organe seien", einen Irrtum der Botanik. Die morphologische Einheit, die Schultz nun aber als A n a p h y t o n bezeichnet, wird von diesem keineswegs genau festgelegt. Chronologisch wäre nunmehr Alexander Braun anzu- schliessen ; da mit ihm aber eine Richtung beginnt, die wesentlich von derjenigen abweicht, die sich ungezwungen an Goethe knüpft, setzen wir zunächst die Betrachtung der Goethe'schen Schule, wie wir in gewisser Beziehung sagen können, fort. Durch den ausserordentlichen Einfluss, den Braun ge- wonnen hat, sind die Gedanken, die sich der Annahme nur eines Grundorgans mehr oder minder anlehnen, aus dem alle übrigen Organe durch Metamorphose hervor- gegangen seien, vollständig in den Hintergrund getreten. *) Braun, Verjüngung in der Natur 1851 p. 114. ♦*) Die Anaphytose od. Verjüngung der Piianzen 1843 p. ***) im Gegensatz zu den Tieren, f) 1. c. 1851 p. 110. tt) 1843 p. m. so sehr, dass sogar dahin zielende Aeusserungen aus der Feder eines Mannes wie Carl Nägeli keinerlei Wirkung ausgeübt haben. Dieser hervorragende Botaniker sagt einmal (1846 p. 306), „der spätere Schein eines beblätterten Stammes rührt bloss daher, weil, wie bei jedem sprossenden Wachs- tum, die untersten Stücke aller successiven Achsen zu- sammen eine falsche Hauptachse bilden, an welcher die oberen Teile der successiven Achsen als falsche Seiten- achsen befestigt sind". Das ist im Grunde die Goelhe'sche Ansicht von der Zusammensetzung der höheren Pflanzen nur aus lauter einheitlichen, gleichwertigen Stücken. Bemerkenswert in dieser Reihe, weil mit Nachdruck und nicht bloss nebenbei betont, ist dann insbesondere die von F". D e 1 p i n o geäusserte Ansicht. Dieser Autor folgert 1880 aus dem Studium der Spiral gestellten Blätter, dass die Stengelorgane der höheren Pflanzen nicht in einem morphologischen Gegensatz zu den Blättern stünden, sondern ausschliesslich aus Basal- stücken der letzteren gebildet seien, sodass die in Rede stehenden Pflanzen nicht „Cormophyten", sondern vielmehr „Pliyllophyten" seien. Die ersten Blattanlagen ver- halten sich nämlich bekanntlich wie sich berührende Kugeln, die diese oder jene Spiralen bilden, je nachdem sie — bei Beibehaltung der Berührung — mehr oder minder in der Horizontalen einen breiteren oder engeren Raum zur Verfügung haben, daher der Schluss Delpino's, dass die Stengel- (Stamm-) Organe einfach durch Ver- schmelzung der Blattbasen zu Stande kämen. In Frankreich glimmt der von Gaudichaud entzündete Funke noch heute schwach weiter, wie sich aus den Schriften Dangeard 's ergiebt, der die „theorie de Gaudichaud", die ,, theorie phytonnaire" in Ehren hält. In seiner Zeitschrift „Le Botaniste" (1890 — 91 p. 217) spricht er z. B. von der ,, Organisation phytonnaire" der Pflanzen, wofür die Tmesipteris-Arten ein gutes Beispiel seien und 1892 (1. c.) betrachtet er die ,,plantules des coniferes" unter dem „principe de la theorie phytonnaire". Auch sonst ist der Begriff des „Phytons" hier und da bekannt geblieben, wie sich z. B. aus der „Anatomie et Physiologie vegetales" von Ed. Beizung aus dem Jahre 1900 p. 334 ergiebt. Wir kommen nun zu Alexander Braun. — Wie viel von dem, was Braun gelehrt hat, von seinem Studiengenossen und Freunde KarlSchimper beeinflusst worden ist, ist schwer zu sagen.*) Die eigentümliche Richtung, die als die Morphologie der Braun'schen Schule bezeichnet wird, knüpft sich nun einmal an seinen Namen, weil er es ist, der in hervorragenden Stellungen durch Wort und Schrift nachdrücklich und lange gewirkt hat. Seine An- sichten finden sich ausführlich in seiner ,, Verjüngung in der Natur" von 1851 dargelegt. Er ist es, der — wie gesagt — den grössten Einfluss auf die Ansichten, die die wissenschaftliche Botanik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Banden gehalten haben, ausgeübt hat und noch gegenwärtig vielfach ausübt. Braun unterscheidet absolut sich gegenüberstehende Organe. Bedurften auch die Ansichten derjenigen vorausgehenden Autoren, die alle Organe auf nur eines zurückzuführen suchten, der Modifikation, und haftet ihnen auch hier und da noch viel Phantastisches an, so liegen sie doch in der Bahn der neuzeitlichen Wissenschaft und der Wissenschaft überhaupt, deren vornehmste Aufgabe in der Aufdeckung von Be- ziehungen, von Zusammenhängen besteht, für die aber Absolutes kein Gegenstand der Forschung sein kann. In- sofern hat Braun einen Rückschritt gethan. *) Vergl. z. B. G. H, Otto Volger: Leben und Leistungen des Naturforschers Karl Schimper. 3., mit erläuternden Beigaben vermehrte, Aufl. Frankfurt a. M. 1889. N. F. IL Nr. 2 Xaturwissenschaftliche Wochenschrift. I '^ Er verwahrt sich ausdrücklich gegen eine „atomis- tische" Metamorphosenlehre. Der Stengel ist für Braun ein „selbständiges Gebilde'', „seine terminale Fortbildung er- lischt ohne ein ihm selbst angehöriges Schlussgebilde". Die Wurzel hat nach Braun keine Metamorphose, es fehlen ihr deshalb die Blätter, ,,als die Schritte im Gang der Metamorphose". ,.So erscheinen uns denn — sagt er p. I20 — Stengel, Blatt und Wurzel als wesentlich verschiedene Teile des vegetabilischen Organismus, als auf der Verschiedenheit der Bildungsrichtungen des Pflanzen- lebens beruhende Grundorgane desselben. Ihre sichere und scharfe Unterscheidung ist die Grundfeste der Mor- phologie." Er betont immer wieder die „wesentliche und unwandelbare Verschiedenheit" der drei genannten Organ- kategorien. Sprechen nun auch oft genug die Morphologen der Braun'schen Schule, durch den Zwang der Thatsachen veranlasst, von Uebergangsbildungen zwischen den drei Grundorganen und kommen auch oft genug Aeusserungen — auch bei Braun selbst — vor, die im Sinne der An- schauung liegen, dass alle Organe morphogenetisch zu- sammenhängen, so ist doch die Grundlage, von denen die Morphologen ausgegangen sind, die Annahme des absoluten Seins der drei ,, Grundorgane" geblieben. Danach kann man also nur insofern von einer Goethe- Braun'schen Schule reden, als beide die „Ideen" zu erfassen suchten. Goethe suchte aber nur nach einer Idee, für Braun waren die Begriffe Wurzel , Stengel , Blatt Ideen für sich. Es spezialisiert sich also die genannte Schule in zwei Richtungen, der fortgeschritteneren Goethe- schen Schule und der weit rückschlägigen Braun'schen: das ist wohl festzuhalten. Das Bedürfnis nach Zurückführung der Mannigfaltig- keit, in der die Pflanzengestaltungen erscheinen, auf Ein- heiten, wie das Goethe gethan hat, war aber auch bei Braun rege. Er hat als solche Einheit bei den höheren Pflanzen die Knospe bezeichnet, den Spross, den er das mit dem thierischen Individuum vergleichbare „Individuum" der Pflanze nannte (Das Individuum der Pflanze, Berlin 1853). Diese Einheiten haben jedoch in der Morphologie keinerlei Rolle gespielt: ihr Aufbau bedarf ja selbst erst der morphologischen Erklärung. Es genügte uns hier zu zeigen, dass die Ansicht Goethe's von der Zusammensetzung der Pflanze aus ein- heitlichen, untereinander gleichwertigen Stücken im Gegen- satz zu der Auffassung Braun's von drei sich absolut gegenüberstehenden Organkategorien, wenn auch über- wuchert und vielfach verwischt und getrübt durch die Einflüsse, die er und seine Schule ausgeübt haben, doch immer wieder aufgetaucht ist und zwar ohne diesen Zusammenhang zu durchschauen oder einzusehen, dass Goethe's Anschauung mit den späteren — so ab- weichend diese auch sonst sein mögen — doch in ein und derselben Richtung liegt. Dementsprechend haben denn die Autoren ihr Resultat vielfach nicht in Anknüpfung an ihre Vorläufer, sondern vielmehr für sich durch Thatsachen erreicht, die eben immer wieder dahin drängten und zwar so stark, dass sogar ein sonst so ein- gefleischter Braunianer wie Celakovsky (vergl. u. a. ,,Die Gliederung der Kaulome". Botanische Ztg. 1901) in Widerspruch mit der Morphologie der Braun'schen Schule doch von „Sprossgliedern" spricht, die die einzigen einen Spross zusammensetzenden morphologischen Einlieiten seien. Als ein typisches Beispiel für die Morphologie, wie sie sich in der Braun'schen Richtung gestaltet, ist das Lehrbuch der Botanik (1882) von Edmund von F'rey- h o 1 d zu nennen , der eine systematische Darstellung der Morphologie im Braun'schen Sinne geliefert hat. Die Braun'sche Richtung hat lange unumschränkt geherrscht und \-iele wunderliche Arbeiten hervorgebracht. Geradezu beklemmend wirken die unermüdlich erfolgenden „Deutungen" der Organe, d. h. die Erklärung eines be- stimmten Organes x einmal z. B. als „Stengel", ein ander- mal als ,, Blatt", ohne auch nur jemals ernstlicher den Gedanken zu wagen oder doch zu irgend welchen Thaten ausreifen zu lassen, dass es \'ielleicht Organe geben könnte, die Zwischenbildungen zwischen Stengeln und Blättern sein möchten; vielmehr erscheint durch die Vorschrift der Schule, nach der jedes Organ unbedingt einer der dog- matisch fixierten Kategorien unterzuordnen ist, das Organ x als ein Spielball. der nicht zur Ruhe kommt, sondern ständig und ohne Ermattung hin und her geschleudert wird : einmal in diese, ein andermal in jene Kategorie. Dass die Begrifi'e Stengel, Blatt u. s. w. nicht als ab- solute, sondern als relative Begriffe aufzufassen sind, ist wohl gelegentlich angedeutet worden, aber die Gewohn- heit hat doch die Schule im wesentlichen in der vor- gezeichneten Bahn festgehalten. Bei den ausserordentlichen Kenntnissen, die Braun auf dem Gesamtgebiet der Botanik besass, hat er — trotz der metaphysischen Grundlage, von der er ausging — die Morphologie durch eine Unzahl wichtiger Thatsachen bereichert und seine Schüler haben das Material ver- dienstlich gemehrt. Ein Scharfsinn besonderer Art war aber nötig, um die Thatsachen, die sich durchaus nicht der theoretischen Grundannahme der Braun'schen Morphologie fügen, doch in das Schema zu zwängen. Und das war und ist sogar jetzt noch möglich, trotz- dem daneben die Descendenztheorie anerkannt wird, die mit der Annahme absoluter Organe in vollstem Wider- spruch steht. Braun selbst hat sogar die Descendenztheorie an- erkannt (vergl. seine Rede „Ueber die Bedeutung der Morphologie" von 1862 p. 24fif. und z.B. auch „Die Frage nach der Gymnospcrmie der Cycadeen" 1875 p. 244 ff.) und der treft'liche A. W. Eichler z. B., dessen Arbeiten sich durchaus in der Richtung der Braun'schen Morpho- logie bewegen, sagt ausdrücklich in seiner akademischen Antrittsrede (Berlin 1880 p. 624), indem er von dieser Theorie spricht: „Der Begriff „Verwandtschaft" erlangt... reale Bedeutung, das System wird zum Stammbaum, die Systematik zur Entstehungsgeschichte. Nichts kann wissen- schaftlicher sein, als solche P'orschung. Ingleichen erhebt sich die Morphologie durch Zugrundelegung der Des- cendenzlehre von einer schematisierenden Organbeschreibung zur lebendigen Wissenschaft von der Entstehung der Teile und ihrem genetischen Zusammenhang." Diese Erkenntnis und trotzdem auch hier die Zugrundelegung des Braun'schen Schemas in den wesentlichen Arbeiten Eichler's! Das führt so recht zum Bewusstsein, wie ab- hängig wir alle von Denkgewohnheiten sind, auch dann, wenn wir bei besonderer Ueberlegung die Hin- fälligkeit ganz wichtiger unter ihnen erkennen. (Schluss folgt.) Die verdünnten Lösungen. Von Werner Mecklenburg. ihrem Lösungsmittel durch die Zellmembranen hindurch in das Innere der Zellen zu gelangen. Dieser Vorgang, Zellularphysiologische Untersuchungen hatten gezeigt, den man Osmose, Diosmose oder auch wohl Dialyse dass viele gelöste Substanzen die Fähigkeit haben, in nennt, interessierte wegen seiner grossen physiologischen I. Der osmotische Druck und der Gasdrui i6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. II. Nr. 2 Wichtigkeit besonders die Biologen, und in der That gingen alle weiteren Versuche, den osmotischen Prozess näher zu ergründen, von biologischen Studien aus. So wurde Traube durch Arbeiten über die mechanische Struktur der Zellmembran dahin geführt, künstliche Zell- membranen, die sogenannte ,.Traube'sche Niederschlags- niembran", darzustellen*), und rein physiologische Gesichts- punkte veranlassten den Botaniker W. Pfeffer, damals in Basel, seine glänzenden „osmotischen Untersuchungen" anzustellen, die dann von dem genialen Chemiker J. H. van't Hoff in wundervoller Weise theoretisch klargelegt wurden. Pfeffer**) legte sich die Frage vor: ,, Welche os- motische Druckkraft erzeugen gelöste Körper . . ., wenn sie nicht diosmierenr" Die Frage konnte natürlich nur experimentell beantwortet werden, und zwar gaben ihm Traube's Mitteilungen über die Herstellung einer künst- lichen Membran die Möglichkeit, den Apparat, dessen er für seine Untersuchungen bedurfte, zu konstruieren. Pfeffer nahm Thonzellen, wie sie für die Bunsen'schen Elemente gebraucht werden, reinigte sie sorgfältig zuerst mit verdünntem Alkali, dann mit dreiprozentiger Salzsäure und schliesslich mit Wasser, trocknete sie vollständig, in- jizierte sie mit Hilfe der Luftpumpe mit Wasser und stellte sie mehrere Stunden lang in eine dreiprozentige Kupfer- sulfatlösung. Darauf wurden die Zellen innen mit Wasser ausgespült, rasch mit Fliesspapier abgetrocknet, mit einer dreiprozentigen Lösung von gelbem Blutlaugen- salz gefüllt und abermals in die Kupfersulfatlösung gesetzt. Innerhalb der porösen Wandung der Zelle treffen die beiden Lösungen zusammen, und es entsteht nach der Gleichung: Fe Cye K, + 2 Cu SO, = Fe Cy« Cu, + 2 K^ SO, der bekannte rotbraune Niederschlag von Ferrocyankupfer, der sich für Pfeffers Versuche als recht brauchbar erwies. Diejenigen Substanzen, die die Eigenschaft besitzen, in ihrem Lösungsmittel die Zellmembranen zu durch- wandern, nennt man nach Graham (i86l) Krystalloide, im Gegensatze zu den Kolloiden, die das nicht können.***) Die Membranen, die für das Lösungsmittel, nicht aber für die gelöste Substanz durchlässig sind, pflegt man als semipermeabel, halbdurchlässig, zu bezeichnen. Nach diesen Vorbemerkungen wollen wir sehen, welche Vorgänge sich abspielen, wenn zwei Flüssigkeiten durch eine semipermeable Membran getrennt sind. Haben wir in beiden Gefässen reines Lösungsmittel, z. B. Wasser, für das die Membran durchlässig sein soll, so wird Gleichgewicht bestehen, wenn in beiden Gefässen die Niveauhöhe dieselbe ist. Diesen Gleichgewichtszustand dürfen wir uns aber nicht so vorstellen, als ob überhaupt kein Wasser die Membran passiere, sondern so, dass in der Zeiteinheit gleich viele Wassermoleküle aus dem Ge- fässe I in das Gefäss II und aus dem Gefässe II in das Gefäss I wandern, wie ja auch das chemische Gleich- gewicht nicht dadurch charakterisiert ist, dass in der Gleichung: A + B + C -^Zt A' + B' + C gar keine Umsetzung mehr stattfindet, sondern so, dass in der Zeiteinheit eben soviele Umsetzungen in dem Sinne von links nach rechts, wie in dem Sinne von rechts nach *) Archiv für Anatomie und Physiologie, 1867, pag. 87 ff. **) W. Pfeffer: Osmotische Untersuchungen, Leipzig 1877. ***) Die Kolloide sind nach ihrem Hauptvertreter, dem Leim (colla), benannt, die Krystalloide tragen ihren Namen deswegen, weil die krystallisierenden Salze zu ihnen gehören. Ein durchgreifender Unter- schied zwischen Krystalloiden und Kolloiden besteht nicht. Denn erstens finden sich viele Uebergänge zw-ischen den scharf ausgeprägten Krystalloiden und Kolloiden , und zweitens verhalten sich manche Sub- stanzen der einen Membranart gegenüber wie Krystalloide, der anderen Membranart gegenüber wie Kolloide. links vorsichgehen. Diese Auffassung ist nicht eine müssige Wortspielerei, sondern wird uns das physikalische Verständnis der Osmose, das in der fachwissenschaftlich.en Presse zu vielen Diskussionen Veranlassung gegeben hat, sehr erleichtern. Ist in dem Gefässe I wieder reines Wasser, in dem Gefässe II hingegen eine wässrige Krystalloidlösung, so werden anfangs die Moleküle des Krystalloids aus dem Gefässe II in das Gefäss I wandern, da die Membran ja für ein Krystalloid durchlässig ist. Allmählich aber werden die nach I gewanderten Moleküle wieder zurückzuwandern beginnen. Gleichgewicht wird dann eingetreten sein, wenn in der Zeiteinheit in jeder der beiden Richtungen gleich viele Moleküle die Membran passieren, d. h. wenn in beiden Gefässen die Konzentration die halbe ist. Ganz andere Erscheinungen treten ein, wenn wir in Gefäss I wieder reines Wasser, in Gefäss II aber die wässrige Lösung eines Kolloids, für das die Membran also undurchlässig ist, haben. Die Moleküle jeder gelösten Substanz üben nämlich auf die Moleküle des Lösuno-s- mittels eine W'irkung aus, die man gewöhnlich als eine Art Anziehung betrachtet. Auch wir wollen diese Wirkung vorläufig als Anziehung ansehen, da uns ihr eigentliches Wesen erst später klar werden kann , nach- dem wir die Verhältnisse, die in Lösungen herrschen, kennen gelernt haben. Da nun die Kolloidmoleküle die Wassermoleküle anziehen, so können die Wassermoleküle natürlich nicht aus dem Gefässe II in das Gefäss I wandern ; nichts aber hindert die Moleküle in I nach II zu gehen, wie sie es in den beiden ersten von uns betrachteten Fällen gethan haben. In dem Augenblick jedoch, in dem sie nach II gelangen, geraten sie unter den Einfluss der Kolloidmoleküle: sie können nicht mehr nach I zurück, sondern sind gefangen. Es wird also ein kontinuierlicher Wasserstrom in der Richtung von I nach II entstehen, das Niveau in I wird sinken, das in II steigen. Die Niveaudifferenz würde sich, wenn in II keine Kolloid- moleküle wären, wieder ausgleichen, d. h. die über- schüssigen Wassermoleküle von II nach I durch die Mem- bran zurüchpressen; nun suchen aber die Kolloidmoleküle alles Wasser in II festzuhalten. Gleichgewicht wird dann eintreten, wenn die beiden gegeneinander wirkenden Kräfte gleich sind. Die Grösse der Niveaudifferenz giebt uns demnach ein direktes Mass für die von den Kolloid- molekülen auf die Wassermoleküle ausgeübte „Anziehungs- kraft", für die sogenannte osmotische Druckkraft. Nunmehr werden uns die Versuche von Pfeft'er ohne weiteres verständlich sein. Wenn Pfeffer seine Thonzelle, in deren W'andung durch das oben beschriebene Verfahren die Ferrocyan- kupfermembran eingebettet war, mit einer Rohrzucker- lösung*) füllte und in reines Wasser setzte, so drang Wasser von aussen in die Thonzelle ein und verdünnte die Rohrzuckerlösung. Da nun Pfeffer gerade die Aende- rung des osmotischen Druckes bei Aenderung der Kon- zentration ermitteln wollte, folglich während eines Ver- suches die Konzentration konstant halten musste, liess er von dem osmotischen Druck nicht die Rohrzuckerlösung selbst, sondern die Quecksilbersäule eines Manometers, das er in geeigneter Weise mit der Thonzelle verband, heben. Die Wassermenge, die jetzt in die Thonzelle ein- treten konnte, war so gering, dass er die durch sie her- vorgerufene \'erdünnung bei seinen Experimenten praktisch vernachlässigen durlte, ohne einen merkbaren Fehler zu begehen. Von Pfeffers Versuchen interessieren uns hier haupt- sächlich diejenigen, die uns über die Abhängigkeit des *) Der Rohrzucker verhält sich der Ferrocyankupfcrmembran gegenüber wie ein vollkommenes Kolloid. N. F. II. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. osmotischen Druckes von der Konzentration und von der Temperatur Aufschluss geben. Der Ein flu SS der Konzentration auf den osmotischen Druck geht aus folgender Tabelle, in der p der osmotische Druck und c die Konzentration ist, hervor : *) p c p c l'/o 53-2 t-. 53-2 2°;o 101,6 S 'S 50,8 A Ol 4 ,0 20S,2 3 52,05 f, Ol O jo 307,5 O" 51-25 Aus der dritten Kolumme der Tabelle geht hervor, dass die osmotische Kraft der Konzentration proportional ist: JP. -k' ^= Konst. Nun ist die Konzentration umgekehrt proportional dem Volumen, das der in der ganzen Wasser- menge sich gleichmässig verteilende Rohrzucker einnimmt, denn wird z. B. die W'assermenge verdoppelt, so sinkt die Konzentration auf die Hälfte. Bezeichnen wir also das Volumen mit v, so lässt sich das Gesetz, da = v ist, c auch durch die Formel p-v = Konst. wiedergeben. Jeder sieht sofort, dass diese Formel mit dem Boyle-Mariotte- schen Gesetz**), das das Verhalten der Gase bei wechseln- dem Druck beherrscht, identisch ist, nur dass p das eine Mal den osmotischen, das andere Mal den Gasdruck be- zeichnet. Der Einfluss der Temperatur auf den os- motischen Druck lässt sich ebenfalls durch das ent- sprechende Gasgesetz, das Gay-Lussac'sche Gasgesetz***), wiedergeben, wie uns die folgende Tabelle f) zeigt. Hierin bedeutet t die Temperatur, PI den beobachteten, PII den nach dem Gay-Lussac'schen Gesetze [p = p^ (i _(_ a t)l berechneten osmotischen Druck einer ein- prozentigen Rohrzuckerlösung ; Pi Pii Pii — Pi 0» 0,649 — — 6,8» 0,664 0,665 -|- 0,001 13-7° 0,691 s o,6Si P — 0,010 14-2" 15,5" 22,0» 0,671 0,684 0,721 £ < 0,682 0,686 0.701 e < -f- 0,011 -|- 0,002 — 0,020 < 32,0» 0,716 0,725 -|- 0,009 36,0« 0,746 0,735 , — 0,011 Wie die geringen, in der vierten Kolumne ange- gebenen Differenzen zwischen dem berechneten Druck PII und dem beobachteten Druck PI. die sich ausserdem durch den Wechsel im Vorzeichen als von Beobachtungs- fehlern herrührend kennzeichnen, zeigen, ist das Gay- Lussac'sche Gasgesetz auch für den osmotischen Druck giltig, indem nur p einmal den osmotischen, das andere *) Natürlich wurde während dieser Versuche die Temperatur kon- stant gehalten. **j Nach dem Boylc-Mariotte'sche Gesetze ist das Volumen v eines Gases umgekehrt proportional dem Drucke p, unter dem es steht, d. h. p . V = Konst. ***) Gay-Lussac's Ga'^gesetz besagt: Erwärmen wir ein Gas bei kon- stantem Volumen, so wächst der Druck bei je einem Grade Temperatur- erhöliung um 273 0,00367 des Druckes bei o". Ist also p„ der Druck bei der Temperatur t, und ersetzen wir die Zahl 0,00367 durch den Buchstaben «, so ist p = Po -(- Po « ' ^ Po (' ~l~ " 0- f) Nach Nernst: Theoretische Chemie, Leipzig 1900, p. 135. i\Ial den Gasdruck repräsentiert.*) Die Kombination des Boyle-Mariotte'schen und des Gay-Lussac'schen Gesetzes führt zu der allgemeinen Gasgleichung p-v == R T, in der p und V Druck und Volumen des Gases bei der absoluten Temperatur**) T und R eine Konstante = — " ^" , [p„ und v„ sind Druck und Volum des Gases bei o" Celsius] bedeuten. Da beide Gasgesetze auch für den osmotischen Druck gelten, muss auch ihre Kombination, d. h. die all- gemeine Gasgleichung für ihn richtig sein; nur handelt es sich darum, ob die Konstante R in beiden Fällen die- selbe ist oder nicht. Schliessen wir ein Grammolekül***) eines beliebigen Gases in ein Gefäss von einem Liter Inhalt, so übt das Gas bei o" auf die Wände des Gefässes einen Druck von 22,4 Atmosphären aus. Für alle Gase hat also die Konstante R Po den Wert 22,4. I 273 -/j Nun übt nach unserer Tabelle eine einprozentige Rohr- zuckerlösung bei o" einen Druck von 0,649 .Atmosphären aus. Ein Grammolekül Rohrzucker C]„ Hj., 0^ beträgt 342 g. Da die verwendete Lösung einprozentig war, d. h. da 100 ccm Wasser ein Gramm Rohrzucker enthielten, hätten 342 g Rohrzucker 34 200 ccm ^ 34,2 Liter Wasser eingenommen. Die Konstante R' beträgt also 34,2 . I . 0,649 22,2 . I 273 ~ 273 Die beiden Konstanten R und R' sind identisch; die allgemeine Gasgleichung gilt mit derselben Konstanten R auch für den osmotischen Druck, ein Resultat von funda- mentaler Wichtigkeit, das wir dem Scharfsinn van't Hoff's verdanken. IL Die Theorie der Molekulargewichtsbestimmungen. Aus der wichtigen Beobachtung Gay-Lussac's , dass die Volumina zweier chemisch aufeinander reagierender Gase entweder gleich sind oder in einem einfachen rationalen Verhältnis zu einander stehen, zog Avogadro im Jahre iSii den Schluss, dass gleiche Volumina zweier Gase (natürlich unter gleichen Bedingungen , d. h. bei gleicher Temperatur und unter gleichem Druck gemessen! gleich viele Moleküle enthielten, eine Hypothese, die, weil sie viele Thatsachen erklärt und mit keiner bekannten Thatsache in Widerspruch steht, mit vollem Rechte als der. Wahrheit adäquat angesehen wird. Wägt man also gleiche Volumina zweier Gase, so müssen sich die Gewichte der beiden Gase gerade so wie die Gewichte ihrer einzelnen Moleküle verhalten , mit anderen Worten, Avogadro's Hypothese giebt uns die Möglichkeit, die relativen Molekulargewichte zu erfahren. (Bekanntlich bezieht man die erhaltenen Zahlen entweder auf den Wasserstoff' R, = 2 oder den Sauerstoff" O., = 32.) Um demnach das Mole- kulargewicht irgend einer Substanz zu erfahren, brauchen wir sie nur in den gasförmigen .Aggregatzustand überzu- führen und das Gewicht eines bestimmten \'olums mit dem eines gleich grossen Volums Wasserstoff" oder Sauerstoff' zu vergleichen. Aber gerade hierin liegt die Schwierigkeit, *) Bei der Berechnung ist natürlich für p„ der Wert 0,649 Atmo- sphäre eingesetzt worden, welchen Wert unsere Tabelle für die Tempe- ratur 0° angiebt. **) Die absoluten Temperaturen werden von — 273" Celsius als Nullpunkt an gerechnet. ***) Wenn a das Molekulargewicht einer Substanz ist, so nennt man a Gramm der Substanz ein Grammolekül oder ein Mol. Das Mole- kulargewicht des Wassers ist iS, das des Kochsalzes (Na Cl) 58,3, das des Rohzuckers 342 u. s. w. Folglich sind 18 g Wasser, 58,3 g Koch- salz, 342 g Rohrzucker je ein Grammolekül Wasser, Kochsalz oder Rohrzucker. i8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. X. F. 11. \r. 2 weil sehr \iele Substanzen sich schwer oder garnicht v-er- gasen lassen, ohne sich zu zersetzen. Es bedeutete daher einen grossen Fortschritt, als es Raoult*) 1883 und 1S87 gelang, zwei neue Methoden ausfindig zu machen, deren innerer Zusammenhang mit dem osmotischen Druck dann von van't Hoff**) in seinen bewunderungswürdigen Arbeiten theoretisch nachgewiesen wurde. Im I. Teile des vorliegenden Aufsatzes haben wir erfahren, dass die allgemeine Gasgleichung p . v = RT auch den osmotischen Druck beherrscht, oder, um mit van't Hoff zu reden, „dass der osmotische Druck einer Lösung dem Druck entspricht, den die gelöste Substanz bei gleicher Molekularbeschaffenheit als Gas oder Dampf in gleichem X'olumen und bei derselben Temperatur ausüben würde". Da nun nach dem Avogadro'schen Satze gleiche Volumina zweier Gase, die bei gleicher Temperatur denselben Druck ausüben, gleich viele Moleküle enthalten, müssen auch gleiche Volumina zweier Lösungen, die bei gleicher Tem- paratur den gleichen Druck ausüben (sogenannte „isotoni- sche" oder „isosmotische" Lösungen), gleich viele Moleküle enthalten. Die Uebertragung des Avogadro'schen Prinzipes auf die verdünnten Lösungen verdanken wir van't Hoff, und wenn jener Satz des genialen Begründers der exakten Naturwissenschaft, Newton's, richtig ist: „Natura enim Sim- plex est et causis superfluis non luxuriat", dann ist auch diese Uebertragung richtig. Die Molekulargewichtsbestimm- ungen vermittelst des osmotischen Druckes sind genau so zuverlässig wie diejenigen, die auf Grund des Avogadro- schen Theorems ausgeführt sind. Das Verfahren, das man anwenden kann, ist nunmehr theoretisch leicht \-erständlich. Man löst a Gramm = x Grammoleküle einer Substanz mit unbekanntem Molekular- gewicht in einem beliebigen Lösungsmittel auf und be- obachtet den osmotischen Druck A. Stellt man dann mit Hilfe einer Substanz von bekanntem Molekulargewicht den osmotischen Druck B fest, den i Grammolekül in der gleichen Menge des betreffenden Lösungsmittels hervor- ruft, so muss sein : I Grammolekül B A r^ 1 , .., = "a , also X = =-• x Grammolekulen A B X Grammoleküle sind a Gramm, folglich ist i Gramm- a a.B moleküle A Gr So einfach diese Methode auch in der Theorie ist, so wird sie doch nur sehr selten praktisch verwertet. Denn ,, während bei Gasen die Molekulargewichtsbestimmung auf (irund des Avogadro'schen Satzes eine leicht durchführbare Operation ist, stösst bis dahin bei Lösungen die direkte Anwendung des dafür entsprechend geltenden Gesetzes auf die Schwierigkeit der osmotischen Druckmessung, welche Schwierigkeit durch die notwendige Darstellung einer halbdurchlässigen Wand bedingt wird, einer Wand, welche nur das Lösungsmittel, nicht die gelöste Substanz durchlässt. Handelt es sich um Messung des osmotischen Druckes der absoluten Grösse nach, so hat diese Membran überdies einem unter Umständen starken Druck zu wider- stehen***), was die Aufgabe wiederum erschwert . . . ."f) *) Annales de Cliimie et de Pliysique 1883 und Zeitschrift fiir physikalische Chemie 1887. **) van't Hoff, Untersuchungen über physikalische und theoretische Chemie, Heft II. Eine populäre Darstellung von van't Hoff fandet sich im V. Bande der von Feli.\ B. Ahrens herausgegebenen „Sammlung chemischer und chemisch- technischer Vorträge", Stuttgart 1900, unter dem Titel : ,,Ueber die Theorie der Lösungen" [auch als Separatabdruck zu haben. Eine meisterhafte Darstellung giebt Nernst : Theoretische Chemie, Stuttgart 1900, pag. 129 ff. Siehe auch Ostwald: Grundriss der allgemeinen Chemie, Leipzig 1899, pag. 1S9 ff. ***l So übt z. B. eine einprozentige wässrige Lösung von Salpeter [KNO3] nach Ostwald bereits einen osmotischen Druck von über drei Atmosphären aus. f) van't Hoff: Ueber die Theorie der Lösungen, Stuttgart 1900, p. 6. Man wandte sich daher anderen Eigenschaften der Lösungen zu, die, wie bereits erwähnt, von Raoult experimentell entdeckt und von van't Hoff theoretisch abgeleitet wurden , den Veränderungen des Siedepunktes und des (iefrierpunktes der Lösungen. Es ist eine allgemein bekannte Thatsache, dass, wenn wir z. B. eine Rohrzuckerlösung zum Sieden erhitzen oder bis zum Gefrieren abkühlen, das verdampfende Wasser resp. das sich ausscheidende Eis chemisch rein sind ; weder im Dampfe noch im Eise finden sich Rohrzuckermoleküle. Allgemein können wir sagen, der Prozess des Siedens oder Gefrierens einer Lösung schliesst stets eine Trennung von Lösungsmittel und gelöster Substanz in sich.*) Kochen wir also eine verdünnte Lösung, indem wir das fortgehende Wasser quantitativ auffangen, und bringen wir dann das aufgefangene Wasser in ein Gefäss I und die durch das Kochen konzentriertere Lösung in ein Gefäss II, und ver- binden wir schliesslich beide Gefässe durch eine semiper- meable Membran, so wird, wie wir wissen, das reine Wasser von I nach II difl'undieren, indem es uns dabei eine ge- wisse Arbeit leistet, etwa eine Quecksilbersäule hebt. Denken wir uns nun den ganzen Vorgang, die Trennung von Lösungsmittel und gelöster Substanz durch Sieden und ihre Wiedervereinigung durch Osmose, isotherm, d. h. ohne Wärmeaustausch mit der Umgebung durchgeführt, so muss offenbar die Arbeit, die das Wasser bei der Os- mose leistet, der Arbeit, die wir zur Trennung aufwenden, gleich sein. Diese Ueberlegung, die sich für den Gefrier- prozess natürlich in derselben Weise anstellen lässt, bildet das Prinzip der van't Hoft''schen Entwicklungen. Es existiert aber noch ein anderer Weg, der sich eng an das im I. Teile gewonnene Resultat anschliesst, an die Thatsache, dass Gasdruck und osmotischer Druck identisch sind. Erwärmen wir reines Wasser auf loo", so beginnt es zu sieden. Hingegen kann eine wässrige Rohrzuckerlösung bei 100" noch nicht sieden. Der Grund dafür ist leicht einzusehen. Da nicht rohrzuckerhaltiges , sondern reines Wasser verdampft, muss vor dem Verdampfen der Rohr- zucker aus dem verdampfenden Wasser verdrängt oder, um die Analogie mit den Gasen aufrecht zu erhalten, auf ein kleineres Volumen ,, komprimiert" werden. Wie ein Gas den Gasdruck setzt auch der gelöste Rohrzucker der Komprimie- rung eine Kraft, nämlich den osmotischen Druck, entgegen. Diese osmotische Kraft muss also vor dem Verdampfen überwunden werden. Die dazu nötige Energie kann, da in der Lösung keine andere Energie vorhanden ist, nur die Wärmeenergie sein. Es wird also ein Teil der Wärme- energie zur Komprimierung des Rohrzuckers verbraucht, muss also als Wärmeenergie verschwinden, d. h. die Teile der Lösung, aus denen der Rohrzucker verdrängt ist, müssen sich abkühlen. Damit jedoch das so vom Rohr- zucker befreite \\'asser sieden kann, muss es noch immer eine Temperatur von lOo" haben; vor der Komprimie- rung musste also die Temperatur mehr als lOo", etwa a" mehr, betragen. Da die Energie der a" nur zur Arbeit gegen den osmotischen Druck verwendet wird, mu,ss sie für alle Fälle, in denen der osmotische Druck derselbe ist, d. h. in allen isotonischen Lösungen denselben Wert haben. Nennen wir also die a" die Siedepunktserhöhung, so können wir das gefundene Resultat in dem Satze ausdrücken : Isotonische Lösungen haben eine gleiche Siedepunkts- erhöhung. Nun aber wissen wir, dass solche Lösungen isotonisch sind, die die gelösten Substanzen im Verhältnis ihrer Molekulargewichte, oder, wie man zu sagen pflegt, äquimolekulare Mengen derselben in der Volumeinheit enthalten. Unser Satz nimmt demnach die Form an : *) Von den relativ seltenen Fällen, wo Sieden oder Gefrieren ohne vorherige Trennung von Lösungsmittel und gelöster Substanz vor sich geht, sehen wir hier der Einfachheit wegen ab. N. F. II. \r. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 19 äquimolekulare Mengen zweier Substanzen rufen (in dem- selben Lösungsmittel) die gleiche Siedepunktserhöhung hervor, oder aber: wenn zwei Lösungen die gleiche Siede- punktserhöhung zeigen, so sind sie isotonisch, d. h. sie ent- halten ä(]uimolekulare Mengen der gelösten Substanzen. Die Thatsache, dass äquimolekulare Mengen eine gleiche Siede- punktserhöhung des Lösungsmittels zur Folge haben, ist von Raoult experimentell gefunden worden, dass solche Lösungen isosmotisch sind, hat van't Hoff dargethan. Messen werden wir in einer siedenden Lösung natür- lich stets die Temperatur iioo-j-a)", weil der Rohrzucker innerhalb der Lösung noch nicht komprimiert ist. Die Komprimierung tritt vielmehr erst im Augenblicke der Verdampfung ein. Ueberhaupt dürfen wir uns den realen Vorgang nicht so vorstellen, als ob erst die Trennung (d. h. die Komprimierung) und dann erst die Verdampfung erfolge. Thatsächlich sind beide Vorgänge gleichzeitige : Die Natur kennt nur die Resultante der verschiedenen, wirkenden Kräfte. Die Zerlegung der Resultante in ihre Komponenten, die unter L^mständen in verschiedener Weise erfolgen kann, ist nur das Werk menschlicher Verstandes- tliätigkeit und hat nur den Zweck, uns die wissenschaft- liche Behandlung des in Frage kommenden Problems zu ermöglichen. In gleicher Weise, wie wir es für die Erhöhung des Siedepunktes gethan haben, lässt sich auch für die Ge- frierpunktserniedrigung nachweisen, dass äquimolekulare Mengen eine gleiche Gefrierpunktserniedrigung hervorrufen (Raoult), weil Lösungen äquimolekularer Mengen iso- tonisch sind (van't Hoff). Ebenso ergiebt sich ganz allgemein, dass der Dampfdruck über einer Lösung stets kleiner ist als über dem reinen Lösungsmittel, da ein Teil der Verdunstungswärme Arbeit gegen den osmotischen Druck zu leisten hat, also zur Verdampfung selbst nicht beitragen kann. Nunmehr wird uns auch das Ürphänomen, von dem wir bei unserer Betrachtung des osmotischen Druckes aus- gingen, die scheinbare Anziehung der Kolloidmoleküle auf die Moleküle des Lösungsmittels ohne weiteres klar. Würden nämlich Wassermoleküle aus dem Gefäss II, welches die Kolloidlösung enthält, durch die Membran, die für das Kolloid undurchlässig ist, in das Gefäss I wandern, so würde das Kolloid ja auf ein kleineres Volumen kom- primiert, also Arbeit gegen den osmotischen Druck ge- leistet werden müssen. Andererseits verhält sich das reine Wasser dem Kolloid gegenüber wie ein Vakuum gegen- über einem Gase: wie das Vakuum von dem Gase wird das Wasser, das eben erst auf dem gewöhnlichen Wege aus Gefäss I durch die Membran in Gefäss II dift'undiert ist, von dem Kolloid sofort erfüllt; das Wasser hat keine Zeit mehr von II nach I zurückzuwandern. Folglich muss, sowohl wenn die Wasserteilchen, die von vornherein in II waren, wie auch wenn diejenigen, die erst von I nach II gekommen sind, die Membran in der Richtung von I nach II passieren wollen, Arbeit gegen den osmotischen Druck geleistet werden. Die dazu nötige Energie ist aber nicht vorhanden. LTebt man auf die Lösung in Gefäss II einen starken Druck aus, so gelingt es freilich, Wasser durch die Membran nach I zu pressen, denn wir leisten ja eine Arbeit gegen die osmotische Kraft. Ein Laie könnte allerdings meinen, die in der Lösung stets vorhandene Wärmeenergie könne ja zur Arbeit gegen den osmotischen Druck verwendet werden, indem die Lösung sich abkühlt. Dem widerspricht leider der zweite Hauptsatz der mecha- nischen Wärmetheorie. Denn angenommen, dies wäre möglich, es würde sich die Lösung abkühlen und gleich- zeitig konzentrieren, indem Wasser von II nach I geht, so müsste, da dadurch die Temperatur der Lösung unter die der Umgebung sinken würde, die Lösung wieder aus der Umgebung Wärme aufnehmen. Darauf würde wieder „positive Osmose" [von 1 nach 11], dann unter Abkühlung „negative Osmose" [von II nach I], schliesslich Wieder- erwärmung stattfinden u. s. w. ohne Ende. Da nun der osmotische Druck Arbeit leisten kann, könnten wir aus einer Maschine, die auf diesem Prinzipe beruhte, unauf- hörlich Arbeitskraft ziehen ; wir wären im Besitze eines perpetuum mobile, zwar nicht eines solchen, das Arbeit aus nichts schaft't, eines sogenannten „perpetuum mobile erster Art", sondern eines solchen, das uns Arbeit auf Kosten der Wärmeenergie der Umgebung leistet, eines ,, perpetuum mobile zweiter Art". Ein ,, perpetuum mobile zweiter Art", das praktisch mit einem „perpetuum mobile erster Art" gleichwertig wäre, giebt es leider nicht. Wir sehen jedenfalls aus dieser kurzen Ueberlegung, wie sich die scheinbare „Anziehung" der Kolloidmoleküle auf die Moleküle des Lösungsmittels ohne die Annahme intra- molekularer Anziehungskräfte leicht und einfach aus den Gesetzen des osmotisch'en Druckes selbst, d. h. aus den Gasgesetzen erklären lässt *). Nach dieser Abschweifung kehren wir zu unserem Thema zurück. Die Theorie der Molekulargewichts- bestimmung auf Grund der Raoult-van't Höfischen Gesetze, dass äquimolekulare (isotonische) Lösungen gleiche Ge- frierpunktserniedrigung resp. Siedepunktserhöhung haben, bietet keine Schwierigkeiten mehr. Wir bestimmen zuerst experimentell ''•'*) die Gefrierpunktserniedrigung resp. Siede- punktserhöhung, die ein Grammolekül einer Substanz von bekanntem Molekulargewicht in dem Lösungsmittel her- vorruft ; sie sei E. Ermitteln wir dann die Gefrierpunkts- erniedrigung resp. Siedepunktserhöhung E', die a Gramm = X Grammoleküle einer Substanz von unbekanntem Molekulargewicht in demselben Lösungsmittel erzeugen, so verhält sich I Grammolekül E E' X Grammolekülen E' ' ' E a Gramm sind x Grammoleküle, folglich ist ein Gramm- a a E molekül = Gramm = " , Gramm. Wie man sieht, X E' ist die Formelableitung mit derjenigen für die Molekular- gewichtsbestimmung aus dem osmotischen Druck, die wir früher gaben, identisch. Als besonders durch die verdienstvollen Arbeiten von Beckmann ***) die Schwierigkeiten, die die experimentelle Bestimmung der Siedepunktserhöhung, resp. der Gefrier- punktserniedrigung bis dahin geboten hatte, gehoben waren und dadurch die strenge experimentelle Bestimmung der Raoult-van't Hoff'schen Gesetze ermöglicht war, da trat immer klarer hervor, dass man die löslichen Sub- stanzen in Bezug auf die genannten Gesetze in zwei Gruppen einteilen müsste; die Substanzen der ersten Gruppe, zu denen z. B. der Rohrzucker gehört, gehorchten den Gesetzen in voller Strenge, diejenigen der zweiten Gruppe aber, zu der man die meisten Salze der starken anorganischen Säuren , z. B. das gewöhnliche Kochsalz, den Salpeter, das Glaubersalz, das Kaliumchlorat u. s. w. zählen musste, zeigten unerklärliche Abweichungen, und zwar stets in dem Sinne, dass der osmotische Druck, und demzufolge auch die Gefrierpunktserniedrigung und die Siedepunktserhöhung zu gross befunden wurden. Eine *) Vergl. hierzu Xernst's Kritik (Theoretische Chemie, Stuttgart 1900, pag. 241) der Poynting'schen Erklärung der Dampfdruckernied- rigung in Lösungen. **) Die theoretische Bestimmung der Gefrierpunktserniedrigung sowie der Siedepunktserhöhung hat uns van't Hoff auch gelelirt. Siehe die diesbezüglichen Stellen in den bereits angeführten Werken von van't Hoff, Xernst und Ostwald. ***) Zeitschrift für physikalische Chemie, Band II, pag. 638 ff und Band '\T1I, pag. 223 ff. Eine gute Beschreibung der Apparate findet man bei Nernst, 1. c. pag. 251 ff. und pag. 257 ff, sowie in üstwald's Grundriss der allgemeinen Chemie, Leipzig 1899, pag. 204 und 208. 20 Xaturwissenschaftliche Wochenschrift. X. F. IL Xr Erklärung der merkwürdigen Erscheinung lieferte erst die aus ganz anderen Gründen aufgestellte Theorie der elek- trischen Dissoziation (Arrhenius, 1887), die, anfangs wenig beachtet, sich schliesslich zu allgemeiner An- erkennung durchgerungen hat, so sehr sie der üblichen Anschauung des Chemikers auch heute noch widerspricht. Nach der Meinung von Arrhenius *) enthält nämlich eine wässrige Lösung von Chlorkalium iKCl| — wir greifen hier gleich ein konkretes Beispiel heraus — nicht etwa die ganze Menge des Salzes in Form der vollständigen Moleküle KCl; es ist vielmehr ein Teil der Chlorkalium- moleküle in seine Bestandteile, die Ionen, in unserem Falle das Chlorion und das Kaliumion, zerfallen, die in der Lösung selbständig nebeneinander existieren. Dieser Zerfall, die Dissoziation, ist um so vollständiger, je ver- dünnter die Lösung ist, kommt also gerade für die Raoult- van't Hoff'schen Gesetze, die nur für verdünnte Lösungen volle Giltigkeit besitzen , in Betracht. Denn da in einer teilweise dissoziierten Lösung ein Teil der Moleküle in zwei selbständige Bestandteile zerfallen ist, ist die An- zahl der selbständigen Bestandteile in der Lösung grösser, als wir eigentlich erwartet hatten, folglich muss auch der osmotische Druck grösser sein, da dieser ja nach der Avogadro-van't Hoft'schen H}-pothese eine Funktion der *) Betreffs .illes Näheren verweisen wir auf die diesbezüglichen Abschnitte in der allgemeinen Chemie von Ostwald und der theoretischen Chemie von Nernst, ferner auf die Lehrbücher der Elektrochemie von Ahrens, Jahn u. s. w. Anzahl der vorhandenen Moleküle, d. h. der selbständigen Bestandteile ist. Da ferner nur diejenigen Substanzen, die in der Lösung dissoziiert sind, die Abweichungen von den Raoult-van't Hofif'schen Gesetzen zeigen, und da diese Abweichungen stets in dem Sinne einer Vergrösserung des osmotischen Druckes orientiert sind *) , dürfen wir die durch die Arrhenius'sche Theorie gegebene Erklärung wohl mit vollem Rechte als befriedigend ansehen. Wir hatten eben bemerkt, dass die van't Hoff'schen Gesetze nur für verdünnte Lösungen gelten. Das darf uns nicht verwundern. Gelten doch auch die Gasgesetze nur für massige Konzentration, d. h. für nur wenig kom- primierte Gase. Es ist eine allbekannte Thatsache, dass z. B. sehr stark komprimierte Gase dem Boyle-Mariotte- schen Gesetze nicht mehr gehorchen : die V^olumverminde- rung ist bei Druckerhöhung kleiner, als sie sein sollte. Wie die Gasgesetze sind also auch die osmotischen Ge- setze nur Grenzgesetze, und leider sind wir, wie es scheint, noch weit von der Kenntnis der osmotischen Gesetze für konzentrierte Lösungen entfernt. Wir müssen hier alles weitere von der Zukunft hoflen und von dem, was Schiaparelli die Höflichkeit der Xatur nennt, die uns oft gerade dann einen Blick hinter den Isisschleier thun lässt, wenn wir es am wenigsten erwarten. *) Es giebt allerdings auch Fälle, in denen der osmotische Druck zu klein ist, nämlich dann, wenn komplexe Verbindungeu, Molekül- komplexe u. s. w. auftreten. Kleinere Mitteilungen. Bewegungsart der Sechsfüsser. — Die Mitteilungen in Nr. 39 und 45 über „Eine spinnende Schnecke" (Ober- lehrer M. Ballerstedt) und ,, Umkehr und Aufsteigen von Raupen an ihrem eigenen Gespinstfaden" (Th. Bail), welche in erster Linie geeignet sind, bei angehenden Naturwissen- schaftlern Interesse an wissenschaftlicher Kleinarbeit zu wecken und zu nähren , mögen eine weitere Anregung betr. der Gangart der Sechsfüsser rechtfertigen. Eine Ueberlegung lehrt, dass zwar mehrere Kombi- nationen der Inanspruchnahme der Glieder bei Käfern und Insekten möglich sind, aber nur eine, welche unter allen Umständen den Körper befriedigend unterstützt und im stabilen Gleichgewicht erhält. Nennen wir die linken Füsse a, b und c, die rechten i, 2 und 3 , so erfolgt das Gehen abwechselnd nach den Formeln ac2 und b i 3. Selbstverständlich bestätigt die Beobachtung (etwa eines Maikäfers) diese Regel. Dass Zweifüsser gehen, wackeln oder hüpfen, ist bekannt; dass Yierfüsser im gekreuzten Schritt den Körper symmetrisch stützen, auch, und hier mutet die Ausnahme des einseitigen Tappens schon merkwürdig an; aber wie folgen sich die Einzelschritte vielgliederiger Tiere, etwa der Tausendfüsse, die gewissermassen von einer Bewegungswelle durchlaufen werden? Vielleicht kann in diesem Falle das Bioskop einmal interessanten Aufschluss über die Wechselwirkung der Füsse sowohl als der Fuss- reihen erteilen. Ph. Fauth. Die Ablenkung des Lotes in Indien betitelt sich ein Aufsatz von E. A. Reeves den wir nach einer in den „Annalen der Hydrographie" (Juni 1902) veröffent- lichten Uebersetzung auszugsweise hier wiedergeben. Die Frage der Ablenkung der Lotlinie von der wahren vertikalen Richtung, die abhängig ist von der ungleichen Einwirkung der Schwerkraft, veranlasst durch Unregel- mässigkeiten in der Bildung der Erdrinde, ist der ernstesten Erwägung wert, wenn immer eine vollständige trigono- metrische Vermessung eines Landes ausgeführt werden soll. Solche Unregelmässigkeiten verursachen Fehler in der astronomischen Bestimmung von Positionen, deshalb weil sie einwirken auf die Niveaux des Theodoliten, mit welchem die Beobachtungen ausgeführt werden. Selbst in vergleichsweise flachen Ländern, wie in Russland, kann der Gegenstand nicht ohne Beachtung bleiben, und in der Nähe von Moskau, auf einer 60 Meilen langen Linie, die nahezu von Ost nach West über eine Ebene läuft, sind nördliche Ablenkungen von 8 Bogensekunden konstatiert, während längs einer parallelen Linie, die 9 Meilen im Süden davon liegt, die Lotlinie vertikal herabhängt. Längs einer dritten Linie, 9 Meilen weiter nach Süden, findet sich eine südliche Ablenkung von 8 Bogensekunden. Es ist dies sicherlich ein Ausnahmefall, und es giebt wahr- scheinlich nur wenige Orte auf der Oberfläche der Erde, welche einen so grossen Wechsel in der Direktion der Lotlinie auf so kurze Entfernungen zeigen. Und doch, wie es wohl erwartet werden darf, ist die Lotablenkung in Indien, wo der mächtige Gebirgszug des Himalaya sich längs der nördlichen Grenze hinzieht, durchaus nicht un- bedeutend. Schon zu einer sehr frühen Zeit der trigono- metrischen Landesvermessung in Indien war man zur Er- kenntnis gelangt, dass dieselbe sorgfältigst geprüft werden müsste. So war beispielsweise gefunden worden, dass die geographischen Breiten von Orten, die sich aus Beob- achtungen mit den besten Instrumenten und berechnet mit der äussersten Sorgfalt ergaben, mit den Resultaten aus einer Triangulation nicht übereinstimmten. Ganz ähnliche Dift'erenzen wurden wahrgenommen in Beziehung auf Längen und Azimute. Obgleich nun diese Differenzen nirgends mehr als wenige Bogensekunden betrugen, wurde es bald klar, dass dieselben nicht zufällig, noch weniger Fehler der Rechnungen zuzuschreiben seien, sondern nur auf die Ablenkvuig der Lotlinie zurückgeführt werden konnten, verursacht durch Unregelmässigkeiten in der An- ziehung der Schwerkraft. Naturgemäss wurde die grosse Masse des Himalaya- Gebirgszuges als Hauptursache dieser abnormen Ver- N. F. IL Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 21 hältnisse angenommen, und in den friihcren Tagen der Landesvermessung von Indien wurde viel über diesen Gegenstand mit der Absicht geschrieben, eine weitere Untersuchung zu veranlassen. Umfangreiche Be- rechnungen, u. a. ausgeführt im Jahre 1S52 von dem ver- storbenen Archdeacon Pratt von Calcutta, sind später auf Verlangen von Sir Andrew Waugh, der damals Chef der Landesvermessung in Indien war, in den „Philo- sophical Transactions of the Ro)-al Society" veröffentlicht worden. Als Folge dieser Untersuchungen wurde allge- mein angenommen , dass der Einfluss des Himalaya auf die Richtung der Lotlinie in Indien durch einen Mangel an Materie unter diesem Gebirgszuge ausgeglichen werde, oder durch eine andere Ursache, und es wurde in den letzten 40 Jahren als unmöglich angenommen, dass der mächtige Gebirgszug irgend einen Einfluss äussern könnte auf die Richtung der Lotlinie bis zum Süden von Central- indien. So kam es, dass man annahm, dass alle beob- achteten Differenzen zwischen den astronomischen und geodätischen Positionen von Orten in einer erheblichen Distanz vom Himalava nur lokalen Unregelmässigkeiten DIE VERMUTHETE UNTERIRDISCHE URSACHE DER ANZIEHUNG IN CENTRAL INDIEN. Jpdfir Punkt, nach rve/chp/n dif iothtinie - ' afi<^etenht erscheint; mt- be/.elchnet X zugeschrieben werden könnten. Der Hauptgrund zur .'An- nahme, dass die Anziehung des Himalaya ausgeglichen werde von einer unsichtbaren Ursache, war die Thatsache, dass der beobachtete Einfluss der Attraktion des Himalaya auf die Lotlinie in Kaliaha (in Breite 29*' 30' 48"), dem nördlichen Endpunkte des indischen Meridianbogens, 5,236" beträgt, während die Anziehung des sichtbaren oder auf- lagernden Massengebirges des Himalaya an jenem Punkte nach den Berechnungen des Archdeacon Pratt genügen würde, um eine Ablenkung von 27,853" zu erzeugen. Allein wir werden später sehen, wie Major Burrard in dem uns vorliegenden und der Untersuchung unterworfenen Bericht zeigt; dass infolge unserer gründlicheren Kenntnis des Gebirgssystems in Nordindien und infolge einer voll- ständigeren Bekanntschaft mit der Tiefe des Indischen Ozeans, in Verbindung mit anderen Gründen alle Beweis- führungen noch einmal durchgeführt und die Berechnungen nochmals wiederholt werden müssen. Wenn dies ge- schehen sein wird, so kommt Burrard zur Schlussfassung, dass in der That kein Grund für die Annahme besteht, dass der Einfluss des Himalaya auf die Richtung der Lot- linie sich nicht bis zum südlichen Teile von Indien er- streckt, und selbst bei Kap Comorin kann die Gebirgs- masse eine Ablenkung von \ oder 2 Sekunden verursachen. Die Frage der Ablenkung der Lotlinie in Indien ist mit vielfachen Schwierigkeiten umgeben und verdunkelt durch anscheinende Widersprüche; auch nimmt Major Burrard nicht in Anspruch, dass er die Sache endgültig aufgeklärt habe, obgleich sein Werk für eine Wieder- aufnahme des Studiums dieses Gegenstandes auf Grund der neuesten Thatsachen höchst bedeutsam ist. Ehe man an einen durchaus befriedigenden Abschluss herantreten kann, muss noch eine viel grössere Anzahl von Beobachtungen gemacht und weitere Information erhalten werden, allein, wie Major Burrard in der Vorrede sagt, „ist eine perio- dische Erforschung durchaus notwendig, wenn wir das in jeder Hinsicht nützlichste Programm für die zukünftige Arbeit niederlegen wollen". Während einer ganzen Reihe von Jahren kann man den Gegenstand als vernachlässigt gewesen erachten, mit Ausnahme der stets sich anhäufen- den Bev\,"eise, die sich notwendigerweise aus dem Fort- schritt der indischen trigonometrischen Vermessung er- gaben, und es wurde derselbe erst wieder ernst- lich in Angriff" genommen infolge einer Abhand- lung, welche der verstorbene General J. T. W a 1 k e r ( Surveyor-General of India) der Royal Society im Jahre 1895 vortrug. Ehe es möglich werden wird festzustellen , um welchen Betrag der Himalaya die Lotlinie durch Indien ablenkt, ist es natürlich notwendig, die Beobachtungsstationen von dem Einflüsse der Lokalattraktion zu befreien, und um dieses auszuführen, schlägt General Walker in seiner Abhandlung ein System der Gruppierung vor, d. h., dass jede Station von anderen von ihr in geringer Entfernung liegenden Stationen um- geben werden soll und dass Beobachtungen an allen diesen Stationen zu machen sind, mittelst welcher die Lokalattraktion abgeleitet werden könnte. In derselben Abhandlung versuchte er das Ueberwiegen von nördlichen Ablenkungen durch Indien zu erklären, indem er annimmt, dass Lokal- attraktion eine südliche Ablenkung in Kaliänpur hervorbringt, welche Station als Referenzstation für die indische Vermessung angenommen wird. Diese Abhandlung stellt die Frage wieder in den Vordergrund, und es wurde durch die indische Landesvermessung beschlossen, die Vor- schläge General Walkers in Ausführung zu bringen und eine ,, Gruppierung" von Beobachtungs- stationen einzurichten rund um Kaliänpur, um die Lokalattraktion an diesem Platze festzustellen. Das Resultat der an diesen Stationen gemachten Beobachtungen ist in Major Burrard 's Bericht enthalten, in welchem die nachfolgenden Werte der Breite von Kaliänpur mitgeteilt sind : In der Berechnung der Triangulation angenom- mener Wert 24" 7' 11,20". Mittlerer beobachteter Wert von sechs verschiedenen Beobachtungen in Kaliänpur selbst, ausgeführt von verschiedenen Beobachtern zwischen 1824 und 1899 (die grösste Differenz zwischen diesen ist 0,85") 24 " 7' 10,97" Von der „Gruppierung" abgeleiteter Wert 24" 7' 11,57" Unter der Annahme, dass der letzte der drei, durch die „Gruppierung" abgeleitete Wert, von Lokaleinfluss befreit ist, wird gefolgert, dass das astronomische Zenit von Kaliänpur um 0,60" nach Norden verschoben ist. Dieses Resultat ist ganz unerwartet und überraschend, denn anstatt der südlichen Lokaldeflektion in Kaliänpur, wie sie von General Walker vorhergesagt wurde, hat Naturwissenschaftliche Wochenschrift. X. F. II. Nr man sie nördlicli gefunden. Danach musste der ganze Gegenstand wieder aufgenommen werden; Beobachtungen wurden ausgedehnt, Berechnungen auf Grund der neuesten Information ausgeführt, alte Theorien und Schlussfolge- rungen wurden wieder erwogen, und es giebt der Bericht Major Burrard's das Endergebnis aller dieser Arbeiten, sodass der Bericht eine grosse Masse der peinlichsten Arbeit darstellt. Burrard fasst die Ergebnisse seiner Untersuchung in den folgenden Worten zusammen : 1. Es wird nun angenommen, dass die Ueberein- stimmung des Wechsels des Zeichens der Ablenkung mit dem Parallel der Station des Ursprunges zu- fällig ist und keinerlei Bedeutung besitzt. (Es war früher als eine bedeutsame und massgebende That- sache angesehen, dass in der Breite 24 " N, der Breite von Kaliänpur, der ursprünglichen Station und der Referenzstation, das algebraische Zeichen der Ablenkung wechselt von Nord nach Süden.) 2. Der Wechsel des Zeichens der Ablenkung längs des Parallels von 24" ist einer grossen unterirdischen Kette von ausserordentlicher Dichte zuzuschreiben, die sich quer durch Indien von Ost nach West über 1000 englische Meilen weit erstreckt; die Ein- flüsse der Anziehung sind von 10*^ bis 30" Breite bemerkbar. (Die Karte Nr. 12 des Berichtes, die wir hier reproduzieren, zeigt diese vermutete unter- irdische Ursache der Anziehung.) 3. Diese Gebirgskette ist die wahrscheinliche Ursache der positiven Ablenkung im Norden von 24 " Breite und von der negativen Ablenkung südlich davon. 4. Sie bezeichnet den wirklichen Einfluss der Himalaya- Anziehung: Der Himalaya-Einfluss leidet auf diese Weise sowohl durch Kompensation wie durch Ver- dunkelung (Obscuration). 5. Die Längenbogen des Punjab lassen vermuten, dass der unterirdische Gebirgszug in Rajputana nach NW sich erstreckt und einen Parallelverlauf mit dem Himalaya innehält. 6. Die Einflüsse der Gebirgskette sind überlagert über jenen der weit sich erstreckenden Himalaya- Attraktion; der letztere verursacht wahrscheinlich eine Ablenkung der Lotlinie in Kap Comorin um den Betrag von i oder 2 Bogensekunden. 7. Südlich von der Gebirgskette, von der Breite 20 " zu der Breite 8 ", wurde beobachtet, dass die nörd- liche Ablenkung der Lotlinie nach und nach ab- nimmt auf eine Entfernung von 800 Meilen, indessen die Totalabnahme sich auf 10", von — 8" in der Breite 20" zu 2" in der Breite 8", erhält. Diese Abnahme ist möglicherweise ein Himalaya-Einfluss. Vergleichende Untersuchung der von verschiedenen radioaktiven Substanzen ausgesandten Strahlungen. — Neuere Untersuchungen von Prof Rutherford und Frl. Brooks (Phil. Mag., Juli 1902), die sich vor allem auf Uranium, Thorium und Radium erstrecken, zeigen, dass die Radioaktivität eine äusserst verwickelte Erscheinung ist. Sowohl Uranium als Radium senden negativ geladene Teilchen aus, die ganz bedeutende Geschwindigkeiten be- sitzen und sich in jeder Hinsicht ähnlich wie Kathoden- strahlen verhalten. Ausserdem aber senden Uranium, Radium und Thorium noch Strahlen aus, die vom Magnet- feld nicht ablenkbar sind und von Gasen und dünnen Metallschichten leicht absorbiert werden. Diese unablenk- baren Strahlen zeigen wieder unter einander Verschieden- heiten in betreff ihres Durchdringungsvermögens und können daher nicht auf Rechnung einer all diesen Sub- stanzen gemeinsamen radioaktiven Beimengung kommen. Ausserdem jedoch besitzen Thorium und Radium noch die interessante Eigenschaft, radioaktive Ausstrahlungen abzugeben, die sich in jeder Hinsicht wie radioaktiVe Gase verhalten. Die Ausstrahlungen des Thoriums und Radiums zeigen sehr verschieden schnelle Abnahme ihrer Radio- aktivität. Das Vorhandensein derartiger Ausstrahlungen (Emanationen) ist eine V^orbedingung für die verwickelte Erscheinung der induzierten Radioaktivität. Induzierte Radioaktivität ist nicht auf Radium und Thorium beschränkt, denn Elster und Geitel haben kürz- lich gezeigt, dass ein negativ geladener Draht, der an der freien Luft, geschützt von jeglicher Beeinflussung seitens radioaktiver Substanzen, sich selbst überlassen wird, stark radioaktiv wird. Diese Form der induzierten Radio- aktivität nimmt mit einer Geschwindigkeit ab, die von der bei der durch Thorium- und Radiumstrahlungen er- zeugten Radioaktivität beobachteten verschieden ist und zeigt auch ein grösseres Durchdringungsvermögen. Ä. Gradenwitz. Gasspektra im Magnetfelde. — Wenn auch der Ein- fluss eines Magnetfeldes auf die Erscheinungen der Geissler- röhren schon längst bekannt ist, haben sich jedoch bisher nur wenige Forscher mit den Aenderungen der Gasspektra beschäftigt. Eine im siebenten Hefte von Drude's Annalen der Physik erschienene Arbeit von G.Bern dt untersucht diese Aenderungen, die sich sowohl, und zwar hauptsäch- lich, auf ihre Intensität, wie auch auf ihr Aussehen er- strecken. Linienspektra erfahren meistens nur geringe Intensitätsänderungen, während Bandenspektra meistens durch das Ouecksilberspektrum verdrängt werden. Diese Aenderungen werden durch das Anwachsen des Wider- standes der Gase im Magnetfelde bedingt. Das Zeeman'sche Phänomen ist entweder (bei der Mehrzahl der Gase, und zwar vor allem W^asserstoff und Jod) nur sehr schwer, oder aber gar nicht zu beobachten. Helium hingegen zeigt dasselbe unter geeigneten Bedingungen in ausge- zeichneter Weise, auch Quecksilber, wenn auch nicht in g-anz so sjünsti^er Weise. A. Gradenwitz. Hirnmeiserscheinungen. Xeuer Komet. Am i. September ist von Perrinc ein teleskopi- scher Komet entdeckt worden, der sehr rasch heller wurde, sodass man ihn zur Zeit bereits mit einem Opernglase deutlich sehen kann. Sein scheinbarer Weg durchläuft die Sternbilder Cassiopeja , Schwan , Leyer und Herkules. Am 9. Oktober tritt er in das Sternbild des Schwans ein, um es am 15. wieder zu verlassen. Die genaue Position ist am 10. in igh 9m 20^ AR -\- 33" 4,5' D, am r6. in iS^ lom 58s .AR und -{- 14" 53,3' Decl. Die Helligkeit des Kometen wird indessen wahr- scheinlich bereits vom g. Oktober ab wieder langsam abnehmen. Fragen und Antworten. Wie kommt es, dass vielen Feldgrillen, wenn man sie fängt, ein oder mehrere Beine fehlen? (Anfrage von R. P.) Es handelt sich hier um die gemeine Feldgrille, Grylliis campestris L., deren gellende Schrilltüne an Feldwegen, Wiesen und auf unbebautem Gelände an Sommertagen häufig unsere Aufmerksamkeit erregt. Gar mancher der eingefangenen Grillen fehlt ein Hinterbein, zuweilen lässt der Rumpf zwei Hinterbeine vermissen. Diese nicht seltene Erscheinung hat zunächst darin ihren Grund , dass den Feldgrillen die Hinter- beine ausserordentlich leicht abfallen. Dasselbe ist übrigens bei den mit ihnen verwandten Heuschrecken (Locustiden, Acridiiden etc.) der P'all. Obgleich der Verlust einzelner Gliedmassen an sich gar nicht als etwas Besonderes erscheint , so mag es doch merk- würdig sein, dass dem Uebel, so leicht seine Beine zu ver- lieren , manche Gliedertiergruppen viel mehr ausgesetzt sind als andere. Denn bei den Käfern und Hautflügiern sitzen die Beine fester am Rumpf Oft genügt eine geringe Berührung oder eine leichte Zerrung eines Beines irgend eines Insekts N. F. IL Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochensclirift. der oben genannten Heuschreckengruppen , dass dieses Bein sogleich oder bald abfällt, während andere Gliederfüssler ihre Beine viel weniger leicht verlieren. Es ist dies eine ähnliche Erscheinung, wie bei den Eidechsen , denen bei geringer Be- rührung der Schwanz abbricht. Auch die Schnaken ( Tipula) und \Veberknechte ( Opilio) gehen ihrer Beine leicht verlustig. Weil es als ausgemacht gelten muss, dass die Gliedmassen nicht von selbst abbrechen , sondern durch äussere Umstände (durch feindlichen Angriff) veranlasst sich vom Rumpfe trennen, so haben manche Naturforscher an eine Selbstvers' ümmelung gedacht, der sich von einem Feinde am Beine ergriffene In- sekten unterziehen, um wenigstens das nackte Leben zu retten, und in dieser Absicht lieber ein oder zwei Beine faliren lassen. Dies ist allerdings eine blosse Annahme, die sich schwer beweisen lässt, aber vielfach beifällig aufgenommen wurde. Zuerst wurde diese Ansicht von Prof. Dr. S e m p e r öffentlich ausgesprochen. Auf seinen Reisen auf den Philip- pinen machte dieser Naturforscher folgende Entdeckung. Ge- wisse Baumschnecken aus der Gattung Helicarion , welche in zahlreichen Arten die verschiedenen Inseln der Philippinen bewohnen, kommen zuweilen in die Lage, sich eines Teiles des Schwanzendes ihres Körpers entledigen zu müssen , um ihr gefährdetes Leben zu retten. Es sind sehr bewegliche Tiere, n-elche auf Zweigen und Blättern der Bäume herum- kriechen. Sie besitzen die Fähigkeit, wie die Eidechsen, sich des Schwanzendes zu entäussern , wenn man sie an diesem unsanft anfasst. Das gefasste Tier schleudert den Schwanz äusserst rasch (fast konvulsivisch) hin und her, bis er abfällt; alsdann fällt das Tier zu Boden und entkommt. Bleibt es aber auf der flachen Hand liegen, so macht es noch weitere Schleuderbewegungen , wodurch es sich in die Luft schnellt und über die Handfläche hinaus zu Boden fällt. („Die natür- lichen Existenzbedingungen der Tiere". II. Teil, 1880, S. 242.) Nach einer anderen Mitteilung desselben Verfassers (ebenda S. 276) pressen die Arten der im Meere lebenden Schneckengattung Harpa ihren übermässig grossen Fuss, wenn sie ihn bei aussergewöhnlichen Zufällen nicht rasch genug in die Schale zurückziehen können, fest gegen die scharfe Lippe der Schale und schneiden den hinteren Teil desselben ab, infolgedessen sie sich in Sicherheit bringen. Die eben mitgeteilte Deutung der vorgetragenen Lebens- vorgänge klingt allerdings gut ; nichtsdestoweniger ist aber die Annahme zulässig, dass nur durch die krampfhaften Anstrengun- gen beim Fluchtversuche die freilich leicht abbrechbaren Beine oder der Schwanz verloren gehen. Die auf vorstehende Weise verletzten Tiere können aber grossenteils zufrieden sein ; denn vielen von ihnen wächst an der Stelle des ausgefallenen Beines oder des abgebrochenen Schwanzes ein neues Bein oder ein neuer Schwanz wieder. Das ist zuerst von Heineken beobachtet und durch Ver- suche näher beleuchtet worden. Bei den Insekten hat man gefunden, dass nur den Jugendformen verloren gegangene Glieder wiederwachsen. Jungen Orthopteren u. a. wachsen verloren gegangene Glieder leicht wieder. Eine solche Re- produktion von Gliedmassen wurde oft beobachtet. Doch bleibt das neue Glied in der Grösse oft hinter der Grösse des verlorenen Gliedes zurück. In den letzten Jahren hat sich namentlich der Franzose B o r d a g e mit der Reproduktion oder Regeneration von Gliedmassen bei den Insekten be- schäftigt. Nach diesem Forscher haben die regenerirten Glied- massen gewöhnlich ein spiralig verlaufendes Wachstum, seltener ein geradliniges. Wenn eine Stabheuschrecke (Phasmide) ein Bein durch Selbstverstüminelung (Autotomie) verloren, also es selbst abgebissen hat, so wächst das neue Glied direkt wieder an der Oberfläche des zurückgebliebenen Teiles aus. Entfernt man aber ein Glied diuch einen künstlichen Eingriff, etwa durch einen Schnitt, so ziehen sich die zerschnittenen Muskeln zusammen und in den Stumpf des Beines zurück ; die Regene- ration geht dann im Innern des Stumpfes vor sich. Das Wachstum des wiedererzeugten Gliedes ist in manchen Fällen schnell (Mantiden), ni anderen Fallen sehr langsam (Phasmiden, Locustiden). Oft ist das Glied erst nach einigen Häutungen wieder zu benutzen. (Bordage.) In älterer Zeit hat New po rt Versuche auch bei Insekten mit vollkommener Verwandlung angestellt und ist dabei zu gleichartigen Resultaten gelangt. An einer Zahl nicht ganz erwachsener Raupen einer hiesigen Schmetterlingsart ( Vanessa uiticac , kleiner Fuchs) wurden einige Biustfüsse ganz oder teilweise amputiert. Schon gleich nach der nächsten Häutung wurde ein abgeschnittenes Bein wiedei erzeugt. Von 28 Raupen entwickelten sich 13 zu Schmetterlingen. Bei vier derselben waren die amputierten Gliedmassen nicht wieder zum Vor- schein gekommen, bei den übrigen aber ziemlich vollkommen wiedererzeugt , indem bei einigen das ganze Bein vollständig aber kleiner, bei anderen nur die Fussgiieder verkürzt waren. Bei einem Schmetterling fehlten an dem sonst vollständig aus- gebildeten Beine nur die Enddornen. Solche Fälle sind wiederholt beobachtet. In der Natur sieht man zudem nicht selten entwickelte Insekten, bei denen eins der sechs Beine verkürzt ist. Solche Beispiele werden in der Sammlung des Königlichen zoologischen Museums in Berlin aufbewahrt. Bei einem Bockkäfer, Stoiocorus bifasc/atiis F., ist das linke Vorderbein stark verkümmert: der Schenkel ist kaum halb so lang und dünner als der normale Schenkel ; das Schienbein ist so verkürzt, dass es nur die Länge eines verkümmerten Tarsengliedes besitzt ; Schienensporen sind nicht zu sehen ; die Tarsenglieder sind in normaler Zahl vorhanden, aber nur in sehr verkleinerter Ausgabe. Ein Laufkäfer, Cara- btis granulatus L. , hat ein verkümmertes rechtes Vorderbein, an dem der Schenkel nur etwas, das Schienbein viel kleiner ist, als am normalen Bein, während am Fuss die fünf Glieder teils verkürzt, teils verschmolzen sind. Ein abnorm verkürztes Bein findet sich nicht sehr selten bei Insekten der verschiedenen Ordnunsren. Nach der Analogie der oben mitgeteilten N e w - p o r t ' sehen Versuche können derartig abnorme Verkürzungen von Gliedmassen entwickelter Insekten auf den Verlust der- selben Gliedmassen der Jugendform zurückgeführt werden. Alle solche Fälle gehören also in das Gebiet der Regenerations- erscheinungen. Der Verlust von Gliedmassen bei manchen Glieder- füsslern bildete den Ausgangspunkt für unsere Darlegungen, die darin gipfeln , dass verlorene Gliedmassen oft wiederwachsen. Die Möglichkeit, ein verlorenes Bein oder ein Teilstück eines solchen wieder zu erzeugen, beruht in der Fähigkeit des Organismus, das Nerven- und Muskelgewebe, sowie die Ober- haut als Fortsetzung des noch vorhandenen Restes am Rumpfe durch Neubildung aus gleichwertigen Teilen des Stumpfes sich herausbilden zu lassen. Das einfache Wiederwachsen verlorener Körperteile wird namentlich noch bei den Myriopoden, Spinnen, Krebsen und Krabben beobachtet. Auch bei den Weichtieren (Mollusken), denen nicht nur die Fühler, die Augen und der Schwanz, sondern sogar auch der Kopf wiederwächst, wenn nur der Schlundring des Nervensystems mit dem Gehirn noch am Rumpfe verblieben ist, beobachten wir dasselbe. Anders ist es bei manchen auf sehr niedriger Organisations- stufe stehenden Tieren. Bei Polypen und Seesternen {Asicroidea), auch bei Würmern, tritt das Nachwachsen abgeworfener oder abgetrennter Körperteile in den Dienst der Individuenvermeh- rung; denn z. B. bei einem Seestern wachsen kleine Teilstücke, etwa ein abgelöster Arm, wieder zu einem ganzen Tiere aus. Dies ist zuerst von Eduard von Martens und danach noch oft von anderen Naturforschern beobachtet werden. Aus Vorstehendem möge der Leser entnehmen, dass der Verlust von Gliedmassen, wie er uns z. B. bei Feldgrillen auf- fällt, zu mancher tieferen Betrachtung und zu Untersuchungen geführt hat, die dieser Erscheinung eine wissenschaftliche Grundlage verleihen und die noch weitere Ausblicke gestatten, und zwar einerseits auf dem Gebiete der Reproduktion verloren gegangener Gliedmassen, andererseits hinsichtlich der Produktion neuer Individuen. Natunvissenschaftliche Wochenschrift. X. F. II. .\t. Doch ist es eine ausgemachte Sache, dass nur junge, noch in der Entwicklung begriffene Tiere aus der Klasse der Glieder- füssler verlorene Gliedmassen durch Nachwuchs wiederersetzt bekommen. H. Kolbe. Bücherbesprechungen. Prof Dr. Karl Müller von Halle f, weil. Herausgeber der Zeitschrift .,L)ie Natur", .\ntaeus oder die Natur im Spiegel der Menschheit. Mit dem Porträt MüUer's und seinem I.ebcnsbilde von Professor Dr. Oito Taschen- berg, Halle a. S. — G. Schwetschke'scher Verlag ; Halle a. S. 1902. - — 2 Mk. Seit einem halben Jahr ist „Die Natur" mit der Naturwissen- schafdichen Wochenschrift verschmolzen. Es ist deshalb wohl Pflicht, an dieser Stelle dem Büchlein einige Worte zu widmen, das gewissermassen als ein Vermächtnis des verstorbenen Mit- begründers jener Zeitschrift hervortritt. Doch diese Pflicht ist Freude. Der Mann mit seiner harmonisch abgeschlossenen Persönlichkeit war recht dazu geschaffen, seine eigene herz- liche Freude an der Natur weiten Kreisen mitzuteilen. Ihm löste sich das Weltgeschehen nicht in tote Bewegung auf; Geist von seinem Geist war es, was er in der geheimnisvollen chemischen Welt, in dem Grünen und Blühen von Wald und Flur wiederfand. So ist es anziehend zu sehen, wie die trockene Gelehrsamkeit unter seinen Händen Wärme, Gestalt und Leben gewinnt. Glühender Verehrer des Altmeisters Goethe, selbst halb Dichter, wirkt er ebenso anmutig, wenn er über die Kunst und ihre Wurzeln in der Natur, wenn er über Fröbel und seine Erziehungsmethode oder über Industrie und soziale Kämpfe plaudert ; denn überall leuchtet sein Glaube an die ewige, wohl proteusartige , doch ewig gleiche , ewig junge Naturkraft hervor. Man spürt aus diesen Aufsätzen, die den verschieden- sten Zeiten seines Eebens entstammen, dass ihr Verfasser wirk- lich in der Berührung mit der Natur, wie Antaeus in der Be- rührung mit der Mutter Erde , immer neue Kraft gewonnen hat. Noch viele Männer wie er , und wir könnten , nicht in der Forschung, aber in Bildung und Verständnis weiter Kreise des Volkes im besten Sinne ein Zeitalter der Naturwissen- schaft sehen. F. G. Valentiner , Handwörterbuch der Astronomie. Der „Encyklopädie der Naturwissenschaften" III. Abt., II. Teil. 4 Bände in 5 Teilen. Mit 489 Abbild, und 11 Tafeln. 1897 — 1902. Verlag von J. A. Barth, Leipzig. — Preis geh. IOC Mk., in Halbfr. geb. 112 Mk. Mit der Vollendung des Valentiner'schen Handwörterbuches der Astronomie ist das grosse, vor etwa zwei Jahrzehnten be- gonnene LTnternehmen der „Encyklopädie der Naturwissen- schaften" zum glücklichen Abschluss gebracht worden. Eine stattliche Reihe monumentaler, nach einheitlichem Plane ent- worfener Werke über alle Zweige der Naturwissenschaften stellt die Trewendt'sche Encyklopädie . die übrigens kürzlich in den Verlag von J. A. Barth überging, ein vollendetes Bild des Standes naturwissenschaftlicher Forschung am Schlüsse des 19. Jahrhunderts dar, an dessen Details eine Auswahl der be- deutendsten Forscher der einzelnen Sonderdisziplinen mit an- erkennenswerter Hingabe gearbeitet haben. Der Inhalt der letzten Bände des vorUegenden Hand- wörterbuchs, über dessen frühere Bände wir bereits wiederholt berichteten, bietet eine Sammlung hochbedeutsamer und äusserst gründlich in die Materie eindringender Abhandlungen , von denen als allgemeiner interessierend diejenigen über den Bau des LTniversums (von Dr. Ristenpart) , über die Pendeluhren (von Prof. Gerland) und über die Strahlenbrechung (von Dr. E. v. Oppolzer) hervorgehoben seien. Die Behandlung der astronomischen Instrumentenkunde ist von Dr. N. Herz mit bekannter Sorgfalt zu Ende geführt worden , w'ährend Prof. Valentiner unter der Aufschrift „Sternbilder" eine Zusammen- stellung aller interessanten Gebilde des Fixsternhimmels mit einer sonst wohl nirgend zu findenden Vollständigkeit liefert. Die Anordnung dieser Aufzählung nach Sternbildern wird wegen der unsicheren Begrenzung dieser letzteren allerdings manchem Bedenken begegnen, doch wird sie dem praktischen Astronomen schliesslich doch lieber sein , als die sonst meist bei derartigen Katalogen übliche Ordnung nach Rektascensionen, die vielfach weit auseinanderliegende Objekte unmittelbar neben- einander stellt. Bei jedem Sternbild werden der Reihe nach die Doppelsterne, Nebel und Sternhaufen, die veränderlichen und die farbigen Sterne nach den neuesten Spezialkatalogen aufgeführt. Allerdings vermisst man bei den Doppelsternen schmerzlich die Grössenangaben für die kleinere Komponente , sowie die Angabe der Distanz. Als Anhang sind dem Werk eine Reihe wichtiger und nützlicher Tafeln beigegeben, vor allem die bei Kometenbahn- berechnungen gebrauchte Barker'sche Tafel, die Encke'sche Tafel zur Auflösung der Lambert'schen Gleichung, Hilfstafeln zur Erleichterung der Parallaxenrechnung für die Polhöhen der wichtigeren Sternwarten und eine Tafel zur Reduktion der Circummeridianhöhen. Ein vollständiges Verzeichnis der Ko- meten- und Planetenbahnen , sowie umfassende Namen- und Sachregister beschliessen das Werk, das durch seinen hohen wissenschaftUchen Standpunkt und die weitgehende Ausführ- lichkeit seines Inhalts in der Litteratur einzig dasteht und für jeden Fachmann gewiss ein unentbehrliches Nachschlage- buch werden wird. F. Kbr. Prof. Dr. Lorscheid, Lehrbuch der anorganischen Chemie mit einem kurzen Grundriss der Mineralogie. Mit 221 Abb. und einer Spektraltafel. 15. Aufl. von Dr. F. Lehmann. Freiburg i. Br., Herder'sche Verlagshandlung. 1902. — Preis geb. 4,10 Mk. Das altbewährte Lehrbuch ist durch die neueste Bearbei- tung wieder durchaus dem schnell fortschreitenden Entwicklungs- stande der Chemie und Technologie angepasst worden. Die angewandte Chemie ist durchweg in vorzüglicher Weise be- rücksichtigt, und wichtige Neuerungen derselben, wie das Goldschmidt'sche Verfahren der Metallreduktion, Linde's Ver- fahren der Luftverflüssigung , das Contaktverfahren bei der Schwefelsäurefabrikation, die Acetylenbereitung (letztere im Sachregister vergessen) finden sachgemässe Berücksichtigung. — Den als Anhang beigegebenen Grundriss der Mineralogie müssen wir in dieser Form als ziemlich wertlos bezeichnen. Die dürre Aufzählung der Krystallfornien kann nur abschreckend wirken und die ausführlicher beschriebenen Mineralien bilden doch eine gar zu dürftige Auswahl. Eher dürfte sich die tabellari- sche Uebersicht der Mineralien gelegentlich nützlich erweisen. Briefkasten. Herrn O. F. — Sternbcrg's Werk Versuch einer Flora der Vor- welt erhalten Sie zum Preise von 200 Mk. vom Museum des König- reichs Böhmen in Prag. Der Direktor an diesem Museum, Professor .\. Fritsch, hat aus vorgefundenen Resten und durch Ergänzungen noch 10 Exemplare des genannten Werkes zusammenstellen können. Der Ertrag aus dem Verkauf ist zur Hälfte zu Gunsten der Museumsbibliuthek, zur anderen Hälfte für den Barrandefonds bestimmt. Im antiquarischen Buchhandel dürfte ein Exemplar des Sternberg'sclien Werkes beträchtlich teurer sein. Inhalt: H. Potonie: Ein Blick in die Geschichte der botanischen Morphologie. (Fortsetzung.) — Werner Mecklenburg: Die verdünnten Lösungen. — Kleinere Mitteilungen: M. Bailersted t: Bewegungsart der Sechsfüsser. — E. A. Reeves: Die Ablenkung des Lotes in Indien. — Prof. Rutherford und Frl. Brooks: Vergleichende Untersuchung der von verschiedenen radioaktiven Substanzen ausgesandten Strahlungen. — G. B e rndt : (Jasspek'ra im Magnetfelde. — Himmelserscheinungen. — Fragen und Antworten. — Bücherbesprechungen: Prof. Dr. Karl Müller von Halle f; Antaeus oder die Natur im Spiegel der Menschheit. — Valentin er; Handwörterbuch der Astronomie. — Prof. Dr. Lorscheid: Lehrbuch der anorganischen Chemie. ~ Briefkasten. Verantwortlicher Redaliteur: Prof. Dr. H. Potonie, Gross-Lictiterfelde.West b. Berlin. — Druck von Lippcrt & Co, (G. PäU'sche Buchdr.), Naumburg a. S. Einschliesslich der Zeitschrift „DlG NatUf" (Halle a. S.) Seit i. April 1902. Organ der Deutsehen Gesellschaft für volkstümliche Naturkunde in Berlin. Redaktion: Professor Dr. H. Potoni6 und Oberlehrer Dr. F. Koerber in Gross-Lichterfelde-West bei Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Neue Folge II. Band; der ganzen Reihe XVIII. Band. Sonntag, den 19. Oktober 1902. Nr. 3. Abonnement: Man abonniert bei allen Buchhandlungen und Postanstalten, wie bei der Expedition. Der Vierteljahrspreis ist M. 1.50. Bringegeld bei der Post 15 Pfg. extra. Postzeitungs- liste Nr. 5263. Inserate: Die viergespaltene Petitzeile 40 Pfg. Bei grösseren Aufträgen entsprechender Rabatt. Beilagen nach Uebereinkunft. Inseraten- annahme durch Max Gelsdorf, Leipzig-Gohlis , Böhmestrasse 9, Buchhändlerinserate durch die Verlagshandlung erbeten. Jibdruek ist nur mit vollständiger Quellenangabe nach eingeholter Genehmigung gestattet. Ein Blick in die Geschichte der botanischen Morphologie mit besonderer Rücksicht auf die Pericaulom-Theorie. Von H. Potoni^. (Schluss.) Nur spät und sehr allmählich versuchten es Einzelne, die Botanik durch energischen Protest aus diesem Bann zu erlösen, der die Wissenschaft zur Metaphysik der aristotelisch-platonischen Schule (!), also in das graue Alter- tum zurückzuschleudern auf dem Wege war. Von diesen Protestlern ist in erster Linie Julius Sachs zu nennen. Julius Sachs und sein Schüler Karl Goebel sind bemüht, die Organgestaltung und somit den Gesamtaufbau der Pflanzen überhaupt aus den Lebenserscheinungen der- selben heraus zu begreifen, wenigstens neigt in den letzten Stadien ihre Meinung dahin, dass nach voller Aufdeckung der Funktionen auch die Gestaltungen erklärt seien. Sachs hat seine diesbezüglichen Ansichten besonders durch seinen Aufsatz über Stoff und Form (1880) ein- geleitet, mit dem er ausdrücklich die Morphologie der Braun- schen Schule bekämpft. In der materiellen Beschaffen- heit der Organe, im Zusammenwirken mit den Einflüssen ihrer Umgebung sieht er die Ursachen der organischen Formen. Veränderungen der organischen Formen beruhen auf den Ernährungsvorgängen. Die spezifisch organbilden- den Stoffe werden durch äussere Einflüsse, speziell diuch die Schwere und das Licht, in der Art affiziert, dass da- durch in gewissen Fällen die räumliche Anordnung ver- schiedener Organe bestimmt wird. So werden unter dem Einfluss intensiven Lichts gewisse Bildungsstoffe in den Laubblättern erzeugt, die spezifisch zur Blütenbildung ge- eignet sind. Man wird annehmen müssen, dass es zur Bildung der Stoffe zu den Laubblättern, den Blüten u. s. w. nur der Anregung durch gewisse minimal vorhandene Stoffe (Enzyme) bedarf, aber nicht, dass der gesamte nötige Stoff schon in den Stengeln etc. vorhanden sei. Es ist ganz zweifellos, dass diese Forschungsrichtung höchst wertvoll ist. Doch ist damit das Problem der Morphologie noch nicht erschöpft und umgrenzt und mit der Aufdeckung der Beziehungen zwischen Stoff und Form ist der Werdegang der höheren, komplizierteren Pflanzen aus einfacheren, die Art der phylogenetischen Aneinander- knüpfung der Organismen noch nicht eruiert. Diese Be- ziehungen gestatten wohl Einsichten nach der Richtung, woher es komme, dass unter Umständen, die das Experi- ment schaffen kann, z. B. aus einer Anlage, die nach üblichem Verhalten ein Laubblatt geworden wäre, ein Sporophyll entsteht, jedoch bleiben nun noch die wichtigen Fragen übrig, wie sich die Organe morphogenetisch an- einanderknüpfen, wie und aus welchen primitiveren Organen man sich z. B. die Entstehung der Laubblätter, der Sporo- phylle, der Blütenblätter u. s. w. zu denken hat. Goebel will in erster Linie die organographischen That- sachen aufsuchen, die sich durch Funktionen erklären : er will die Beziehungen aufdecken, die zwischen Funktion und 2(> NaUirwissenschaftlichc Woclicnschrift. N. F. II. Nr. 3 er Form vorlianden sind, eine Forschungsrichtung, die sehr fruchtbar ist und die daher vielfach gepflegt wird, so insbeson- dere von Schwende ner und seiner Scliule. Goebel be- schäftigt sich vorwiegend mit der Aufdeckung dieser Be- zieliungen, soweit sie die Gesamtoi-gane (die Organe höherer Ordnung) betreffen, die uns bei äusserer Betrachtung der Pflanzen entgegentreten, Schwcndener's Schule, soweit sie sich in der histologischen Struktur zu erkennen geben. Die Forschungsrichtung der Morphologie hingegen sucht die Entstehung der Organe aus Ur Anfängen zu be- greifen und das ist zu erreichen durcli Studium der Be Ziehungen, die die Organe der Vorfahren mit denen dei Nachkommen verknüpfen. Es sind noch viele andere Forschungsrichtungen möglich: eben so viele wie Beziehungen denkbar sind. Diese Richtungen schliessen einander natürlich nicht aus, sondern sie ergänzen sich: erst alle Beziehungen, die zwischen Pflanzen und Anderem möglich sind, sofern sie zu höheren Begriffen führen, bilden die Wissenschaft der Botanik. Unter „Richtung" ist demnach in diesem Sinne weiter nichts zu verstehen als die besondere Pflege einer durch praktische oder sonstige Gründe gepflegten Gruppe von Thatsachen und Beziehungen; nicht aber ist gemeint, dass die verschiedenen Forschungsrichtungen unvereinbare Gegensätze schaffen, wie man etwa jetzt noch in der Philo- sophie seine Untersuchungen von einer bestimmten Richtung aus anstellt in dem Sinne", dass hier die Thatsachen von den verschiedensten Seiten benutzt werden, um unvereinbare Systeme zu stützen. X'ielmehr liegen die Forschungs- richtungen, die hier gemeint sind, alle in derselben Bahn: in derjenigen der naturwissenschaftlichen Methodik, die daraufhinausgeht, alle Beziehungen im Einzelnen aufzu- decken und dadurch zu höheren Begrifi'en fortschreitend zu einer aus diesem sich ergebenden einheitlichen Ansicht über die Pflanze, schliesslich bei Mitberücksichti- gung aller übrigen naturwissenschaftlichen Disziplinen zu einer Weltansicht zu gelangen. Diese Andeutung war notwendig, um nicht den Ge- danken aufkommen zu lassen, als handele es sich in der Morphologie in dem von mir dargesteUten Sinne etwa um eine Disziplin, die aus dem Rahmen des bisherigen naturwissenschaftlichen Betriebes fällt, die den Anspruch macht, fundamental Verschiedenes von dem zu bieten, was sonst die Naturforschung leistet, als wolle sie gar die Grundlagen der letzteren umformen. Nein : sie ist einfach ein notwendiges Glied im Ganzen, ohne welches dieses kein Ganzes sein würde. In einer Hinsicht ist die Morphologie gegenüber der organographischen Richtung im wesentlichen Nachteil. Bei der Aufsuchung der Anknüpfung der Organe an solche, die bei den Vorfahren vorhanden gewesen sind, fehlt ihr der Grad der Sicherheit, der bei organographischen Studien vorhanden ist, dass heisst, es fehlt meist die Möglich- keit direkter experimenteller Prüfungen. Sie ist vielmehr u. a. darauf angewiesen, die so lückenhafte Kenntnis, die wir über die ausgestorbenen Pflanzen besitzen und die uns die Fossilien kundthun, zu Hilfe zu ziehen; es ist ihr nur untergeordnet möglich Experimente zu verwerten, da sich das Wichtigste, die Phylogenesis der Organismen, nicht wiederholen lässt. Es muss daher der Morphologie be- sonders viel Theoretisches anhaften, und so sind denn Fehler hier leichter zu begehen als in irgend einer anderen Disziplin. Das darf uns nun aber nicht abhalten den Versuch zu machen, hier so weit zu kommen, als es eben möglich ist, in der Hoffnung, mit der Zeit und durch viele Mitarbeit eine Ausgestaltung dieser wichtigen Disziplin zu erreichen, die allseitige Anerkennung zu finden vermag. i8gS und 1899 habe ich denn nun durch Gelegen- heitsschriften, und wo sich sonst Veranlassung bot'''), meine Auffassung über die Morphologie der Pflanzen in nuce kundo-egeben, und ich habe die .Absicht, dieselbe in einem besonderen Werk eingehender, als es bisher geschehen konnte, zu begründen. Kurz und bündig würde das Resultat, das ich ge- wonnen habe, sich wie folgt präzisieren lassen. Die Gestaltungen der Organismen sind ein Produkt aus ihrer materiellen Zusammensetzung und den tlinflüssen der Aussenwelt, kurz: die Bestimmungsgründe ihrer Formen sind „innere" und „äussere". Gelangen sie in andere Ver- hältnisse oder ändert sich ihre Umgebung, so suchen sich die Organismen derselben anzupassen, wodurch sie sich — falls sie die .A.npassung erreichen — umgestalten: wir haben dann Anpassungs-Charaktere. Die ver- schiedensten Organismen können sich gleichen \'erhält- nissen anpassen, also die gleichen Anpassungs-Charaktere erlangen, die aber aus ihrer abweichenden Herkunft er- klärliche Verschiedenheiten beibehalten. Je länger nämlich solche AnpassungsCharaktere, d. h. in ihrer Form mit ihrer Funktion harmonierende Eigentümlichkeiten in einer Reihe von Generationen bestanden haben, um so schwie- riger wird es bei eventuellen Neuanpassungen sie wieder zu beseitigen oder zu modeln und wenn nunmehr P"orm- änderungen eintreten, so kann das wieder nur im Anschluss an das Gegebene und durch Benutzung desselben geschehen. Diese Ansicht möchte man trivial nennen und doch wird diese wichtige Thatsache nicht in dem Masse berücksichtigt, wie es nötig ist. Das vor der Ummodelung gegeben Gewesene wird sich nachher mehr oder minder deutlich erkennen lassen und diese dauernderen Eigentümlich- keiten, die sich unter Umständen nicht in voller Harmonie zu der Neuanpassung befinden , sind die m o r p h o - logischenCharaktere (Organisationsmerkmale Nägeli's [Abstammungslehre 1884 p. 327]). Es ist klar, dass sie es sind, deren Studium die echte Verwandtschaft der Lebewesen untereinander zu erkennen ermöglicht, während die Neuanpassungen höchstens dadurch verwirren, als eben Lebewesen der abweichendsten Herkunft unter Umständen durch nachträgliche Anpassung an gleiche Verhältnisse auch in gewissen Punkten genau dieselben Eigentümlich- keiten gewinnen können. So wird man nicht schliessen, dass etwa der Walfisch, well er fischähnliche Flossen besitzt, nun auch mit den Fischen zunächst blutsverwandt sei. Es ist immer zu unterscheiden zwischen alten, älteren, neuen und neuesten Anpassungen, um bezüglich der P>- kennung der Blutsverwandtschaft zu richtigen Resultaten zu gelangen: stets sollte sich der Morphologe Rechen- schaft üb'er das Alter der Umbildung von Organen, über das Alter ihm entgegentretender Anpassungserscheinungen zu geben suchen. Bei der Wichtigkeit des aufgestellten Gesetzes, welches die vergleichsweise Beständigkeit der morphologischen Charaktere gegenüber den Anpassungscharakteren erklärt, wollen wir dasselbe noch einmal mit anderen Worten wiederholen. Die Umbildung eines Organes a in ein Organ (^begegnet um so mehr inneren, d. h. im Lebewesen liegenden Hindernissen, je weiter indenGenerationsreihen(d.h. phylogenetisch) die Zeit zurückliegt, in der das Organ a ent- standen war. Morphologische Charaktere sind bei den Vorfahren Anpassungs-Charak- tere gewesen. *) Vergl. insbesondere 1) Lehrbuch der Pflanzcnpalaeontologic. Berlin 1897 — 1899. 2) Die Metamorphose der Pflanzen im Lichte palae- ontologischer Thatsachen. Berlin 189S. 3I Die morphologische Her- kunft des pflanzlichen Blattes und der BJattarten. Berlin 1899. 4) .Ab- stammungslehre und Darwinismus. Berlin (wie die vorigen Ferd. Dümm- ler's Verlagsbuchhandlung) 1899. i\. I''. II. Xr Xatur wissenschaftliche Wochenschrift. Wenn also Pflanzen, deren gesamte Blätter noch den beiden Hauptverrichtungen — in deren Dienst überhaupt alle sonstigen Lebenserscheinungen stehen — , nämlich der Ernährung und der Fortpflanzung, dienen (welche Tropho- sporophylie sind), eine Arbeitsteilung dadurch einleiten, dass die Blätter sich bei den Nachkommen in zwei Sorten scheiden und dementsprechend nur noch der Ernährung oder nur noch der Fortpflanzung dienen, wie das bei ge- wissen Farnen vorkommt, die diese beiden ßlattsorten (Trophophylle neben Sporophyllen) entwickeln, so ist die Möglichkeit, durch geschickte Eingriffe aus Anlagen, die Sporophylle erzeugt hätten, nun reine Trophophj'lle zu erhalten, grösser, als etwa solche Anlagen zu bewegen, Trophosporosome, d. h. der Ernährung und Fortpflanzung dienende Thallusstücke, zu werden. In der That kann man, wie Goebel gezeigt hat, durch gewisse Eingrifte jene Blattsorten gelegentlich ineinander verwandeln. Ein wichtiger Beweis für unser Gesetz sind die That- sachen, die man bei Kreuzungen erzielt. Auffällige und zahlreiche Thatsachen haben mich nun zu der Annahme geführt ; Die Blätter der höheren Pflanzen sind im LaufederGenerationenausThallusstückenwic Fug US gegabelter Algen oder doch algenähn- licher Pflanzen hervorgegangen, dadurch dass Gabel äste übergipfelt und die nunmehrigen Seitenzweige zu Blättern (im weiteren Sinne) w u r d e n. Des weiteren habe ich zu begründen versucht, dass die Achsen der niederen Pflanzen (Algen) von denen der höheren sich dadurch unterscheiden, dass an dem morpho- logischen Aufbau der letzteren die Blattbasen teilnehmen. Es ergiebt sich die Notwendigkeit, die Stengel und Stämme der höheren Pflanzen als in ihrer morphologischen Natur zusammengesetzt anzusehen. Damit würde sich das Blatt, wie es uns bei gewissen Algen, z. B. bei Sargassum ent- eeg-entritt, von dem Blatt der höheren Pflanzen unter- scheiden, indem das erstere seine Grenze an der Ansatz- A B C D Fig. 4. Phylogenetische Entwiclduiig einer höheren Pflanze D aus einer Gabel-.\lge A nach der Ansicht des Verfassers. a die ursprünglichen Ansatzstellen der Ur-Blätter. Verschiedene Arten, Rassen oder Varietäten, z. B. Pferd und Esel, oder aber die verschieden.sten Hunderassen untereinander können sich miteinander geschlechtlich vermischen (sich kreuzen, bastardieren). Dem Tierzüchter ist bei seinen Rassen vielfach be- kannt, wann sie entstanden sind; nehmen wir nun einmal eine Rasse A und eine andere B, und wissen wir, dass die Rasse A sehr viel länger besteht als die Rasse B, so können wir voraussagen, dass die Mischlinge aus beiden in ihrem Aeussern und Innern mehr nach A hin neigen werden als nach B. Bei Kreuzungen wirken die älteren Formen stärker als die neueren; nur dann entsteht eine genaue Mittelform zwischen beiden Eltern, wenn die Formen, von denen beide Eltern abstammen, phylogene- tisch gleich alt sind. Die morphologischen Merkmale — eben die ältesten und älteren Merkmale — besitzen eine grössere Vererbungskraft als die neueren Anpassungs- charaktere, die sich nur der Zeit ihrer Entstehung nach, aber sonst in keiner prinzipiellen Weise von den morpho- logischen Merkmalen, die doch ursprünglich auch An- passungscharaktere waren, unterscheiden. '■') *) Ich freue mich, dass Herr Prot, v, Wettstein (Neubildungen von Formen im Pflanzenreich, ßer. d. deutsch, bot. Ges. 1900 p. [194]) diesen Gedanken acccpticrt hat, wenn auch vorläufig erst in der folgen- den Fassung. Mit Bezugnahme auf meine diesbczUgl. Aciisserung p. i;8 stelle desselben an der Achse, der ,,Centrale", findet, während das morphologische „Blatt" der höhe- ren Pflanzen an der Stengel- und Stammbildung teilnimmt. Zur bequemen Unterscheidung kann man Blätter wie die der Algen als Urblätter, Blätter letztge- nannter Art jedoch als C a u 1 o m- Blätter bezeichnen. Den centralen Stammteil, der morphologisch der ,, Centralen" der Vorfahren entspricht, bezeichne ich als Ur-Caulom und den- jenigen dieses Ur-Caulom um- gebenden Stammteil, der im Ver- laufe der Generationen aus den meiner .Abstammungslehre sagt er : ,,Ich denke an die Möglichkeit der allmählichen Umwandlung von .-Vnpassungsmerkmalcn in Organisationsmerkmalc. Diese Möglich- keit ist entschieden vorhanden und würde zugleich erklären, warum zahlreiche Organi- sationsmerkmalc ausgesprochen zweck- mässige Einrichtungen sind." Fig. 5. Schema des .\ufbaus einer höheren Pflanze nach der Ansicht Hofmeister's. j ^ Stengel, a = ursprüng- liche Ansatzstclleu d. Blätter. 28 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. II. Nr. Basalteilcn der Urblätter liervorgegangen ist , als P e r i - C a u 1 o m. Ein Pericaulom entsteht durch das Bedürfnis, einen festen Hohlcylinder für die aufrechten Stämme der zum Luftleben gelangten Pflanzen zu haben; das wird in An- knüpfung an das Gegebene am besten durch Verwachsung der Blattbasen erreicht. Da aber dann die letzteren die Leitung der Nahrung in Richtung der Stammlänge be- sorgen, wird das ursprüngliche Centralbündel überflüssig, dessen schliessliches Verschwinden überdies desshalb unter- stützt werden muss, weil die mechanische Konstruktion im Centrum der Stengel und Stämme fester Elemente, die bei den in Rede stehenden Pflanzen an die Leitbündel geknüpft sind, nicht bedarf Da auch die Wurzeln sich auf die erwähnten morpho- logischen Stücke zurückführen lassen, so komme ich zu dem Schluss: Nur zwei wesentliche Stücke: i. die Centrale (das Ur-Caulom) und 2. das Ur-Blatt sind es, die durch Umbildung im Verlaufe der Generationen die Gesamtheit aller Formgestaltungen der höheren Pflanzenwelt bedingen, und da diese beiden Stücke phj-logenetisch aus Gabelästen von Thalluspflanzen sich herleiten lassen, so ist schliess- lich das eine und einzige morphologische Grundorgan aller höheren Pflanzen ein thal- löses Gabelglied. Schematisch veranschaulicht wird diese Theorie durch die Abbildungen der P'igur 4. Sie ist mit einer Ansicht des Meisters der Botanik Wilhelm Hofmeister ver- wechselt worden, und ich will daher mit wenigen Worten dessen Anschauung andeuten und in Fig. 5 ein Schema bieten, dessen Vergleich mit Fig. 4D sofort auf den Unter- schied zwischen Hofmeisters Berindungstheorieund derPeri- caulomtheorie aufmerksam machen wird. Hofmeister hat sich über den eventuellen phylogenetischen Zusammen- hang der Blätter und Stenge! nicht ausgesprochen. Er konstatiert beide Organkategorien und meint nun auf Grund gewisser Thatsachen , dass die Blätter von ihrer Basis aus den Stengel nach abwärts berinden und ihn verdecken. Näheres will ich in den Berichten der Deutschen botanischen Gesellschaft (Berlin) bieten, und dort insbesondere die Pericaulomtheorie näher darlegren. Kleinere Mitteilungen. Ueber Zuchtwahl beim Menschen äussert sich Dr. Ludwig W i 1 s e r in einem Aufsatz der politisch- anthropologischen Revue (I 3). Er sagt u. a. : In einem Blatte, dem das Blühen und Gedeihen des deutschen Volkes, die Macht und Grösse unseres Vaterlandes als Hochziel vorschwebt, in der Zeitschrift ,,Jung-Deutschland", war jüngst zu lesen : „Es giebt Vereine zur Züchtung reiner Pferderassen, reiner Hunderassen, ja sogar reiner Schweinerassen. Hat jemand wohl schon etwas von der Züchtung reiner Menschenrassen, in unserem Falle von der Züchtung eines reinen deutschen Edel-Volkes gehört?" An Versuchen, derartige Gedanken in die That um- zusetzen, hat es schon im Altertum nicht gefehlt. So erzählt z. B. Strabo (V, 4), ein Schriftsteller, dem wir manche kulturgeschichtlich wertvolle Nachricht verdanken, von den Samniten, einem den Römern nahverwandten, durch kriegerische Tüchtigkeit und ' Sitteneinfalt ausge- zeichneten Bergvolk, sie hätten ein sehr „schönes und zur Tugend ermunterndes Gesetz" gehabt. Es war nämlich nicht erlaubt, die mannbare Tochter jedem Beliebigen zur Frau zu geben, sondern alljährlich wurden ,,die zehn besten Jungfrauen und die zehn besten Jünglinge ausgewählt" und nach der Reihenfolge miteinander vermählt. Zeigte sich aber einer der jungen Ehemänner durch sein späteres Verhalten dieser Ehre unwürdig, so wurde ihm „mit Schimpf und Schande die Gattin wieder genommen". Wie man sieht, ist hier der Hauptwert auf sittliche Tüchtig- keit gelegt, doch hat man nach den Anschauungen des Altertums von der Kalokagathie sicherlich dabei auch Schönheit, Kraft und Gesundheit des Leibes nicht ausser acht gelassen. Es ist nicht daran zu zweifeln, dass diese Sitte nicht nur zur Tugend „ermuntert", sondern auch guten Erfolg gehabt hat, denn wenn auch nicht den Aus- erwählten allein die Eheschliessung gestattet war und so, wie man einwenden kann, neben der Auslese der Besten auch eine solche der Schlechten zur Paarung kam, so waren doch die ersteren so sehr von der Natur und der Gesellschaft begünstigt, dass ihre zahlreicheren und tüch- tigeren Nachkommen immer mehr Uebergewicht bekommen mussten. Ueber die Gründung von Tarent berichtet Ephorus (ebenfalls durch Strabo, VI, 3. überliefert) eine zwar etwas sagenhaft klingende Geschichte, der aber doch wohl, besonders da sie durchaus dem nüchternen, ohne sittliche Bedenken aufs zweckmässige gerichteten Sinn der Spartaner entspricht, ein geschichtlicher Vorgang zu Grunde liegen muss. Als diese nämlich zur Eroberung von Messana auszogen, thaten sie einen feierlichen Eid- schwur, nicht eher nach Hause zurückzukehren, als bis ihre Absichten erreicht oder alle gefallen wären. Da aber die Belagerung der feindlichen Stadt sich sehr in die Länge zog und in Sparta nur Greise und Kinder zurück- geblieben waren, traten im zehnten Jahre des Krieges die verlassenen Frauen zusammen, schickten eine Gesandt- schaft an ihre Männer und erklärten, der Krieg werde unter sehr ungleichen Bedingungen geführt, denn „während die Feinde zu Hause sässen und Kinder zeugten, laufe das Vaterland Gefahr, menschenleer zu werden". Die spartanischen Krieger, die sich dem Gewicht dieser Gründe nicht verschliessen konnten, doch aber ihren Eid nicht brechen wollten, schickten die stärksten und jüngsten Männer des Heeres, die als Knaben mit ausgezogen waren und deshalb nicht geschworen hatten, in die Stadt zurück. Im Gegensatz zum ersten Beispiel war hier die Auswahl eine einseitige, denn, um recht viele Kinder zu erzielen, gaben sie den Jünglingen die Weisung, sich nicht nur mit einer Jungfrau, sondern alle mit allen zu verbinden. Der Erfolg übertraf die Erwartung, und ein reicher Kinder- segen, besonders eine stattliche Schar blühender Söhne, Parthenier, d. h, „Jungfernsöhne", genannt, erwuchs aus diesen Umarmungen. Später gab es Streitigkeiten, da manche die Parthenier nicht als ebenbürtige Vollbürger anerkennen wollten. Diese zogen daher übers Meer und gründeten Tarent, eine Pflanzstadt Griechenlands, für die eigentliche 'N/aterstadt zwar verloren, ihrem Volkstum aber ein neues Gebiet erobernd. Auch die Thatsache, dass sich die geistigen Eigen- schaften nach den gleichen Gesetzen wie die leiblichen*) vererben, war im Altertum nicht unbekannt, und es waren wieder die Spartaner, die dem folgerichtigen Schluss, dass sich auch eine umgekehrte, nicht veredelnde, sondern ent- adelnde Zuchtwahl treffen lasse, unbedenklich eine ebenso schonungslose wie erfolgreiche Nutzanwendung gegeben haben. Bei dem Missverhältnis der Zahl herrschender Spartiaten und dienstbarer Heloten kam es darauf an, unter diesen Freiheitsliebe und Unbotmässigkeit auszu- rotten, Knechtssinn dagegen und Unterwürfigkeit gross zu *) Vcigl. Wilser ,,Die Vererbung der geistigen Eigenscliaften", Illenauer Festsclirift, Heidelberg, C. Winter, 189z. N. F. II. Nr. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 29 ziehen. Wie erreichten dies die edlen Spartaner? Ganz einfach dadurch, dass sie unter dem Vorwand eines ge- heimen Sicherheitsdienstes, Krypteia, einer Schar vornehmer Jünglinge freie Hand gaben, von Zeit zu Zeit die Hoch- strebenden unter den Heloten aus dem Wege zu räumen. So wenig wir die Wirksamkeit solcher Mittel be- streiten können, so sehr sind sie nach unseren heutigen Rechtsbegriffen und sittlichen Gefühlen zu verurteilen. Das aber müssen wir den Spartanern zugestehen, dass sie auch gegen sich selbst hart waren : schwächliche oder verkrü])pelte Kinder wurden ausgesetzt und Knaben wie Mädchen in der härtesten Zucht, unter Entbehrungen, Abhärtungen und Leibesübungen aller Art, zur Einfach- heit, Selbstbeherrschung, Tapferkeit und zum Ertragen jeglicher Mühsal erzogen. Aehnliches, doch ohne die ab- stossenden Züge heimtückischer Grausamkeit, weiss Tacitus von unseren Vorfahren zu berichten: dadurch, dass sie die Todesstrafe in richtigem Masse zur Anwendung brachten und Verräter und Ueberläufer an Bäumen aufknüpften, Feiglinge dagegen, Ehrlose und Geschändete im Sumpf erstickten, suchten sie die erbliche Uebertragung ver- brecherischer Anlagen, schimpflicher Neigungen und ge- meingefährlicher Eigenschaften zu verhüten. Wilde Jäger- und Hirtenvölker, deren rauhe Lebens- weise dem freien Walten der natürlichen, alle Krüppel und Schwächlinge wegraffenden Auslese kein Hindernis in den Weg legt, erfreuen sich eben darum einer treft liehen Durchschnittsgesundheit. Beispiele dafür, dass der Mensch der Auslese mitunter künstlich nachhilft, lassen sich aus alter und neuer Zeit beibringen. So erzählt Diodor {III, 33) von den afrikanischen Höhlenmenschen: „Greise, die den Herden nicht mehr folgen können, enden freiwillig ihr Leben, indem sie sich an einem Kuhschwanz auf- hängen. Zögert einer damit zu lange, so steht es jedem frei, ihm v.-ohlmeinend den Knoten zu schürzen und ihn unter gütlichem Zureden ins Jenseits zu befördern. Ebenso ist es Sitte bei diesem Volke, die mit einem Gebrechen oder unheilbarer Krankheit Behafteten aus der Welt zu schaffen ; denn das Leben zu lieben, wenn man nichts mehr thun kann, was des Lebens wert ist, halten sie für das grösste Uebel. Daher sieht man unter ihnen lauter Leute mit gesundem Leib und in der besten Manneskraft; keiner lebt länger als 60 Jahre." Lehrt dieser Rückblick in die alte Geschichte, dass zur Verbesserung der menschlichen Rasse manches ge- schehen kann und geschehen ist, so zeigt eine Umschau unter den \'ölkern der Neuzeit, dass man bei all unserer vielgerühmten Wissenschaft doch fast überall, teils aus Selbstüberhebung, teils aus übertriebenem Zartgefühl, die Dinge gehen lässt, wie sie wollen, dass gerade die Fort- schritte der Heilkunst, auf die wir mit Recht stolz sind, durch die aber viele eigentlich nicht Lebensfähige erlialten werden und zur Fortpflanzung gelangen, ohne ausgleichende Gegenmassnahmen nicht zur Verbesserung der Rasse imd zur Hebung der Volksgesundheit dienen. Eine solche kann auf dreierlei Wegen erstrebt und erreicht werden : 1. Durch sorgfältige leibliche, über der geistigen leider so oft vernachlässigte Erziehung, welche die schäd- lichen Folgen einseitiger Geistesarbeit und des Stadtlebens wieder gutzumachen sucht, und bei der uns die Spartaner, ganz besonders aber unsere eigenen Vorfahren*) als Vorbilder dienen können, 2. durch die zwar schwierige, bei zweckentsprechen- dem und zielbewusstem Vorgehen aber nicht aus- sichtlose Bekämpfung und möglichste Ausrottung der verderblichen, besonders auch die Nachkommen bis ins dritte und vierte Glied belastenden Volks- seuchen und Laster,*) wie Schwindsucht, Lues und Trunksucht, 3. durch Einschränkung der wahllosen Kreuzung und Blutmischung, durch Erleichterung erwünschter und Erschwerung unerwünschter Verbindungen , mit einem Wort durch Zuchtwahl. Man mag über Entwicklung und Artenbildung denken, wie man will, an die „Allmacht der Naturzüchtung" glauben oder von deren „Ohnmacht" überzeugt sein, darin sind wir alle einig, dass nichts so rasch und so gründlich eine Art oder Abart umzugestalten und zu veredeln ver- mag, wie künstliche Auswahl der Zuchttiere. Ist auch Darwins etwas überschwängliche Vorstellung, die Zuchtwahl sei in der Hand der Menschen ein „Zauberstab, mit dessen Hilfe er jede Form ins Leben ruft, die ihm gefällt", heute aufgegeben, hat man erkannt, dass auch sie nur den von der Natur eingeschlagenen Bahnen folgen kann, so ist durch sie doch Staunenswertes erreicht worden und in der That scheint es oft, als habe, nach Lord Sommervill e's Worten, der Züthter ,, eine vollkommene Form an die Wand gezeichnet und dann belebt". Es hat daher, wie auch die eingangs angeführten .Sätze zeigen, nicht an Vorschlägen gefehlt, die Erfahrungen der Tier- züchter auf den Menschen zu übertragen und durch Aus- wahl der Eheschliessenden, durch Bevorzugung der Ge- eigneten und möglichstes Zurückdrängen der Minderwertigen die Rasse zu verbessern. Gewiss sind Menschen und Tiere den gleichen Entwicklungsgesetzen unterworfen, sicherlich würden, bei der nötigen Beharrlichkeit, Massnahmen, wie sie Friedrich Wilhelm I. und andere Herrscher zur Züch- tung von Soldaten versucht haben, nicht ohne Erfolg bleiben. Trotz der Aussicht auf Erfolg stehen aber selbst- verständlich solchen Unternehmungen schwerwiegende sittliche Bedenken entgegen, denn der Mensch steht un- endlich hoch über dem Tier und seinem Empfinden widerstrebt es, sich selbst oder seinen Nächsten einfach als Zuchtbullen zu betrachten oder zu behandeln. Bei aller Achtung vor Sitte und Menschenwürde Hesse sich aber zweifellos doch manches thun, um die verhängnis- vollen Folgen unserer vielfach ungesunden und unnatür- lichen Kulturzustände, besonders des Grossstadtlebens und Fabrikwesens, einigermassen auszugleichen. Was wir auf dem Wege der Zuchtwahl, ohne uns in unfruchtbare Schwärmerei zu verlieren oder den sicheren Boden wissen- schaftlicher Erfahrung zu verlassen, erreichen könnten, dies zu untersuchen, ist die Aufgabe. Vor allem dürfen wir uns nicht durch unangebrachtes Mitleid oder weichherzige Duselei zu einer vollständigen Abschaffung der Todesstrafe drängen lassen. Manche scheussliche Verbrechen können nur durch den Tod ge- sühnt werden; es giebt Ungeheuer in Menschengestalt, die unbedingt unschädlich gemacht und jeder Möglichkeit, ihre schändlichen Neigungen auf unglückliche Kinder zu vererben, beraubt werden müssen, deren Durchfütterung bis zum Lebensende nicht einmal für sie selbst eine Wohl- that ist. Zu diesen Verbrechen rechnet W. den Totschlag nicht, der auch von unseren Vorfahren nur durch ein Wergeid gebüsst wurde und in einer vorübergehenden, oft nicht unberechtigten Aufwallung der Leidenschaft ver- übt wird. Starke Leidenschaften sind nicht selten mit Schaffensdrang und Thatkraft verbunden, und die Un- glücklichen, die in einem Augenblicke heftigster Erregung ihre Selbstbeherrschung verloren haben, gehören oft nicht zu den schlechtesten Menschen. Solche Verbrecher zu begnadigen, sollte ein schönes Vorrecht des Fürsten bleiben. Ist es aber eine Gnade, wenn man sie in dumpfen Kerker- *) Vergl. W i 1 s e r ,, Rasse und Gesundheit", am 20. Dezember 1901 im -Xaturwissenschafüichen Verein zu Karlsruhe gehalten. Ver- handlungen, Bd. XV. *) Vergl. W i 1 s e r ,, Vererbung teilungen aus Baden, 1894. nd Heilkunde", Aerztliche Mit- Naturwissenschaftliche Wochenschrift. X. F. H. Nr. 3 mauern verblöden und ihren Thatendrang durch Wolle- zupfen oder an Pappschachteln befriedigen lässt? Die Besten unter ihnen würden den Tod einem solchen Dasein vorziehen. Zu ihrem eigenen und der Gesellschaft Wohl sollte man ihnen Gelegenheit geben, in harter und gefahr- voller Arbeit ihr Vergehen wieder gutzumachen; unter- liegen sie den Anstrengungen, nun, so sind sie für das Vaterland gestorben wie der Soldat auf dem Schlachtfeld. Bekanntlich haben die meisten Rechtsichrer und Staats- männer strafrechtliche und andere Bedenken gegen die Verschickung (Deportation) der Verbrechen und diese Anschauungen haben ihre volle Berechtigung, wollte man alle Sträflinge ohne Auswahl übers Meer schicken und eine neu zu gründende überseeische Ansiedelung mit einer Horde von unverbesserlichen Gewohnheitsverbrechern überschwemmen. Nur im kräftigsten Lebensalter stehende Verbrecher aus Leidenschaft eignen sich für einen solchen Strafvollzug; sie aber könnten am richtigen Ort, unter entsprechender Aufsicht unschätzbare Dienste leisten, dem Urwald fruchtbares Ackerland, fieberschwangeren Sümpfen gesunde Wohnstätten abringen und den Grund zu blühen- den Ansiedelungen legen. So wäre ihre Kraft für die Menschheit nicht verloren ; dieser Kampf auf Leben und Tod wäre eine wahre Sühne und Busse. Freilich erfordert die Leitung einer solchen Verbrechersiedelung ungewöhn- liche Befähigung und Menschenkenntnis, die über die gewöhnliche Assessorenweisheit weit hinausgeht. Es wäre sogar nicht zu weit gegangen, wenn man einzelnen solcher Sträflinge als Belohnung für gutes Verhalten und hervor- ragende Leistungen gestattete, sich zu verheiraten. Auch unter den Verbrecherinnen giebt es solche aus Leiden- schaft oder „aus verlorener Ehre", die unter Umständen tüchtige Hausfrauen werden könnten. Die Sprösslinge dieser Ehen würden, ähnlich wie die Findelkinder, auf Staatskosten erzogen, in den meisten F"ällen als Soldaten, Seeleute, Unterbeamte, als Lehrerinnen, Aufseherinnen und in der Krankenpflege die Erziehungskosten reichlich wettmachen. Ueberhaupt ist ein genügender und gesunder Nach- wuchs Lebensbedingung für den Staat, der ohne leistungs- fähige Bürger ein wesenloser Begriff bleibt. Wohl- erwogene, auf naturwissenschaftlicher Grundlage beruhende Vorschriften über die Eheschliessung gehören daher zu den vornehmsten und dankbarsten Aufgaben des Gesetz- gebers. Da die Aussetzung schwächlicher und missgestalteter Kinder, die selbstverständlich viel zur Rassenverbesserung beitragen würde, mit den heutigen Anschauungen unver- einbar ist, muss auf deren leibliche Erziehung verdoppelte Sorgfalt verwendet werden, eine Mühe, die sich in zwei- facher Weise lohnen kann : einmal ist die Lebensschwäche oft nur eine zufällige und vorübergehende, sodass bei ge- nügender Pflege das zarteste Kind zum stärksten Manne heranwächst, dann aber kann auch in gebrechlicher Hülle ein grosser Geist wohnen, der durch bahnbrechende Forschungen oder segensreiche Erfindungen eine Zierde der Menschheit wird. Das vollkommenste Bild des Menschen jedoch, mens sana in corpore sano, kann nur zu Stande kommen, wenn an Leib und Seele gesunde Kinder geboren werden, und diese setzen ebensolche Eltern voraus, „denn von der Eltern Kraft", sagt schon Tacitus, „legen die Kinder Zeugnis ab". Es ist daher für die Volksgesundheit von der grössten Bedeutung, dass möglichst kräftige und gesunde Paare den Ehebund schliessen. Aus seiner Macht darf der Staat das Recht, uner- wünschte Eheschliessungen zu verbieten, um so unbedenk- licher ableiten, als er damit nicht nur dem Wohl der Gesamtheit, sondern auch der Einzelnen dient. Der oft gehörte Einwand, jede Einschränkung der Heiratsbewilli- gung würde sich durch Zunahme der unehelichen Kinder rächen, ist darum hinfällig, weil erfahrungsgemäss, schon wegen der Leichtigkeit der Trennung, in ausserehelichen Verbindungen viel weniger Kinder erzeugt werden als in ehelichen und eine einsichtige Staatsleitung als not- wendiges Gegengewicht in die andere Wagschale mög- lichste Begünstigung und Erleichterung aller erwünschten Ehebündnisse legen wird. Als Gründe staatlichen Heirats- verbots werden gelten müssen : Erwerbsunfähigkeit, Unreife, Schwachsinn, erbliche Krankheit oder Krankheitsanlagen, zu nahe Verwandtschaft, stärkere Missbildungen, Gewohn- heitsverbrechen, Laster. Grundsätzlich sollte die staatliche Genehmigung zur Eheschliessung nur auf Grund eines nicht \on einem ein- zelnen Arzte, sondern von einer ärztlichen Behörde aus- gestellten Gesundheitszeugnisses erteilt werden, das nicht nur über den derzeitigen Zustand, sondern auch das Vor- leben, die Todesursache der Eltern u. a. Aufschluss giebt. Im Vergleich mit all dem Jammer und Elend, das durch ererbtes Siechtum über ganz Unschuldige kommt, können die vorgeschlagenen Vorsichtsmassregeln nicht zu hart und umständlich erscheinen. Geschlechtsverkehr der aller- nächsten Blutsverwandten gilt als verabscheuungsvvürdiges Verbrechen und wird von Staats wegen verfolgt und be- straft, dem Ehebund von Geschwisterkindern aber steht ausser dem kanonischen Recht nichts im Wege. Das ist ein offenbarer Widerspruch; solche Verbindungen, wie auch die von Oheim und Nichte, dürfen zwar nicht mehr als Verbrechen, aber auch nicht als rechtlich zulässig an- gesehen werden, zumal da, wie die Erfahrung lehrt, ihnen häufig schwachsinnige, taubstumme oder sonst erblich belastete Kinder entstammen. Damit streifen wir die vielumstrittene Frage der Inzucht, die nicht mit Rein- haltung der Rasse verwechselt werden darf. Je näher die Erzeuger verwandt sind, desto mehr Aussicht haben die Sprösslinge, die elterlichen, guten oder schlechten, Eigen- schaften zu erben, denn in diesem Fall braucht die Natur nicht weit auszuholen oder zurückzugreifen, da die Gabe- lung des Stammbaumes dicht bei der Gegenwart, in einem der nächst vorhergehenden Geschlechter liegt. Das ist bei mühsam angezüchteten, sogenannten „edlen" Eigen- schaften oft sehr wichtig und wertvoll. Auch die Ge- schichte lehrt, dass bei Menschen reinen und edlen Blutes strenge Inzucht oft hervorragend schöne Erscheinungen hervorbringt, so die bezaubernde Kleopatra aus dem Ge- schlechte der Ptolemäer. Aber schon für den Tierzüchter ist die Inzucht ein zweischneidiges Schwert, das nur mit der grössten Vorsicht zu handhaben ist, denn erstens kann sie an sich gute Eigenschaften durch Uebertreibung ins Gegenteil verkehren, zweitens überträgt sie auch Un- erwünschtes, besonders Krankhaftes mit gleicher Sicherheit und drittens setzt sie, auch bei ganz gesundem und edlem Stamm, bei längerer Dauer Wuchs, Lebens- und Zeugungs- kraft herab. Durch Zufuhr frischen Blutes schwinden nicht nur Krankheitsanlagen, sondern die Rasse wird gewissermassen erneut und verjüngt. Da bei dem ver- weichlichenden und entartenden Leben der höheren Stände, und vielfach auch der grossstädtischen Arbeiter, kaum eine Familie von krankhaften Anlagen ganz frei ist, sollte daher die für die Nachkommen sehr oft verhängnisvolle eheliche Verbindung von Geschwisterkindern staatliche Genehmi- gung nicht finden. Auf Störungen der Keimesentwicklung beruhende Missbildungen vererben sich meist mit grosser Zähigkeit durch mehrere Glieder; sind sie daher, wie Wolfsrachen, Fehlen ganzer Gliedmassen und dergleichen, sehr entstellend und störend, müssen sie auch als Ehe- hindernis betrachtet werden, während man bei leichteren, wie einfache Hasenscharte, Sechsfingerigkeit, Klumpfuss, wenn die andere Seite ganz frei von krankhafter Anlage ist, Nachsicht üben kann. Wer ein entehrendes Ver- N. F. II. Nr. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 31 brechen begangen, sollte mit anderen Rechten auch das der Eheschliessung verwirkt haben, und wer durch wieder- holten Rückfall in leichtere Vergehen, wie z. B. Diebstahl, seine Unverbesserlichkeit bewiesen hat, dem darf nicht Gelegenheit gegeben werden, seine tief eingewurzelten schlimmen Neigungen auf eheliche Abkömmlinge zu ver- erben. Im gleichen Falle befindet sich der Lasterhafte, der schon in früherem Lebensalter durch widernatürliche und ungezügelte Befriedigung des Geschlechtstriebes und krankhafte Trunksucht die Entartung seiner seelischen Eigenschaften zu erkennen giebt. Die furchtbaren Wunden, die durch Forterben leiblicher und geistiger Krankheit der Volkskraft geschlagen werden, rechtfertigen derartige Beschränkungen der Freiheit zur Genüge. Wie schon hervorgehoben, müssen sie aber durch Begünstigung gesunder und erwünschter Ehen den nötigen Ausgleich finden. Dies kann der Staat dadurch erreichen, dass er dem Hausvater, besonders bei grösserer Kinderzahl, durch Be\'orzugung bei Anstellungen, durch Steuernachlass und dergleichen jede mögliche Erleichterung gewährt, dass er freiwillig ehelose Männer vom dreissigsten Jahre an im \'erhältnis zu ihrem Einkommen besteuert. Ein besonders fühlbarer Uebelstand liegt darin, dass besonders in den höheren Ständen der Nachwuchs, der Zahl und häufig auch der Beschafienheit nach, ein ungenügender ist, dass die meisten Beamten-, Gelehrten-, Künstlerfamilien nach wenigen Geschlechterfolgen aussterben. Abgesehen davon, dass Geistesarbeiter meist durch die Einseitigkeit ihrer Beschäftigung an Lebens- und Zeugungskraft Einbusse er- leiden, ist dafür aber auch besonders der Umstand ver- antwortlich zu machen, dass die meisten Beamten viel zu spät das zur standesgemässen Führung eines Haushalts erforderliche Gehalt erreichen. Dadurch an das Jung- gesellenleben mit all seinen Schatten- und Lichtseiten gewöhnt, haben sie häufig, wenn sie in der Lage dazu wären, Lust und Mut zum Heiraten verloren. Welche Folgen aber der unnatürliche Zustand, dass die Männer, gerade der gebildeten und gesellschaftlich höher stehenden Kreise, in ihren besten Jahren einen der stärksten Triebe nicht auf erlaubte Weise befriedigen können, nach sich zieht, brauche ich nicht besonders auszumalen. Alle die hier vorgeschlagenen Massnahmen sind ohne grosse Schwierigkeiten durchzuführen und die aufge- wendeten Kosten würden sich reichlich lohnen ; an die unumgängliche Freiheitsbeschränkung würde man sich gewöhnen, wie an alles, was sein muss. Dagegen wird die von einigen Schwärmern erhoffte Wiederherstellung der reinen germanischen Rasse, wie sie sich, durch natürliche \'erhältnisse begünstigt, in der Ur- heimat auf der skandinavischen Halbinsel erhalten*) hat, auf dem Wege der Zuchtwahl ein schöner Traum bleiben ; wenigstens fehlt den Behörden jedes Mittel, sie zu be- günstigen. Möchte in obigen Zeilen der Nachweis gelungen sein, dass es doch nicht ganz unmöglich und aussichtslos ist, den natürlichen Lauf der Dinge hinsichtlich der Rassen- verbesserung zu lenken und zu beeinflussen. Wenn wir einmal so weit kommen, dass unsere Gesetzgeber und Staatenlenker nicht nur Menschensatzurig, sondern auch die ewigen Gesetze der Natur kennen lernen und die Gesetzbücher mehr als bisher den Erfahrungen der Natur- kundigen Rechnung tragen, werden auch die Erfolge nicht ausbleiben — zur Hebung unserer Volkskraft und damit der Grösse und Macht des Vaterlandes. *) Vergl. G. Retzius' lehrreichen Vortrag Om den germaniska ras-typen, Stockholm 1902, in X. F. I 29 der Wochenschrift besprochen. Zellerkrankungen. — In der letzten Zeit wurde an den Protozoenzellen eine ganze Reihe von spezifischen. nicht auf eine Infektion von Seite der ^Mikroorganismen zurückführbaren Zellerkrankungen beobachtet, die geeignet zu sein scheinen, ein helles Licht auf manche Probleme der neueren Cellularpathologie zu werfen. Vorausgreifend mag hier zunächst erwähnt werden, dass man in der Zelle drei Substanzen von besonderer Bedeutung unterscheidet: i. das färbbare, dem Kern an- gehörende Chromatin, das für die Assimilation und folglich auch Regeneration notwendig ist, in das Protoplasma in verschiedener, vielfach unsichtbarer Form übergeht und hier vielleicht die Rolle eines Katalysators spielt; 2. das unfärbbare, kolloidale Protoplasma und 3. das leicht- flüssige Paraplasma. Kern und Protoplasma stehen während des Lebens in einem katalytischen Kontaktverhältnis, dessen Gleichgewichtszustand bei den Protozoen auch normal durch die zahlreichen Zellteilungen gestört wird, worauf nach gewissen vorhergegangenen Reduktionen — die aber bei manchen ursprünglichen Formen auch gleichsam nach- geholt werden können — , in der Gestalt der Befruchtung (V^erschmelzung der Kernsubstanzen) eine Korrektur gegen diese einseitigen Schädlichkeiten erzielt wird. Gelegentlich kommt aber auch sonst eine Kernverschmelzung vor; zer- trennt man nämlich gewaltsam eben konjugierende Bursarien, so verschmelzen zwei von den vielen sich teilenden Klein- kernen, auf diese Weise wenigstens eine Korrektur vor- nehmend. Eine Art von Selbstbefruchtung konnte auch Kasanzeff mit voller Sicherheit bei dem Pantoffel- tierchen (Paramaecium caudatum) feststellen. Abnorm können die oben erörterten Gleichgewichts- verhältnisse nun unter folgenden Umständen eine Störung erleiden : I. Hertwig machte zuerst auf besondere Umge- staltungen der Kerne von Actinosphaerium Eichhorni, die sowohl bei intensiver Fütterung als auch in den Hungerkulturen auftreten, aufmerksam; die chroma- tische Substanz der Kerne tritt dann in das Protoplasma über und manchmal können alle Kerne auf diese Weise zu Grunde gehen; das Protoplasma ist dagegen von färbbaren Strängen durchsetzt, aus denen gelegentlich eine Regene- ration weniger bläschenförmiger Kerne erfolgen kann. Stark gefütterte Aktinosphaerien besassen manchmal ganz ungewöhnlich grosse Riesenkerne, die ausgestossen wurden. II. In Kulturen von Euplotes harpa, die sich eine Zeitlang sehr lebhaft teilten, ohne jedoch zur Kopulation zu schreiten, wurde auch das Massen- verhältnis des Kernes zu Ungunsten des Protoplasmas insofern verschoben, als dieses mit den chromatischen Sub- stanzen infiltriert, der Kern dagegen gleichsam ausgelaugt wurde und eine Art von Kernschatten darstellte. Nun setzte hier wie bei den Aktinosphaerien eine Regulation ein, indem oben schief zur Zellachse sich eine Furche ausbildete, die einen Teil des Zellleibes eliminierte. Die Zell- teilungen verlaufen auch sonst bei diesen hochorganisieirten Infusorien nicht direkt in der Querachse, sondern sind mit komplizierten Zerschnürungs- und Wachstums- vorgängen verbunden. Auch bei der Vorticella mi- crostoma wurde etwas ähnliches beobachtet, nur dass hier der Kern fragmentierte; das Plasma wurde anscheinend infolge von etwas Wasserabgabe lichtbrechender und die zahlreichen Fibrillensysteme führten kurze, lokale Kon- traktionen aus, durch die das Tier bald hier, bald dort kleine Dellen erhielt. Die Reizbarkeit wurde also erhöht — etwas ähnliches beobachtete Wal 1 e n gr e n beim Salz- hunger der Infusorien. — Viele von den Euplotes gingen aber auch ein. III. Bei besonders lebhafter \^ermehrung der parasitischen Cyclospora caryolytica Schaud. des Erregers der perniziösen Maulwurfsenteritis, beobachtete Schaudinn eine Degeneration der Sporonten, in denen die Reduktions- kerne nicht sogleich abstarben, sondern sich weiter teilten, N'aturwissenscliaftliclie Wochenschrift. X. I-. II. .\'r. während der reduzierte Kern degenerierte. Es findet also abermals eine Massen versciiiebung statt, nur triftt sie diesmal die Reduktion,s'Kerne zu Ungunsten des die Korrektur besorgenden Kernes. Dabei sinkt der Parasit auf eine phylogenetisch niedere Stufe, indem die ein- dringenden Mikrogameten mit irgend einem Kern kopu- lieren. Schon R. Flertwig versuchte die Resultate der ersteren Beobachtung auf die Theorie der Geschwülste zu übertragen, die also nicht parasitärer Natur, sondern die Folge einer „senilen" oder genauer physiologischen Degeneration wären. Die Neoplasmen betreffen ja meist Epithelien, bei denen es die Zellen selbst sind, die funk- tionieren und nicht ihre Aufgabe wie die Muskelzellen und Nervenzellen besonderen Differenzierungen überlassen. Da sie überdies mehr chemischen und mechanischen Reizen ausgesetzt sind, können sie nach den vielen Zell- teilungen bei der Regeneration leicht zu atyiuschen Wucherungen führen. — Welche Erscheinungen sprechen nun für eine Erklärung der Wucherungen , aus der ver- änderten Konstitution der Zellen selbst? Die Art der Zellteilung, die plurivalenten Mitosen und die Frag- mentation des Kernes, kann allein nicht verantwortlich gemacht werden, da sie doch nicht so häufig ist; auch die veränderte Polarität der Zellen mag nicht mass- gebend sein; man findet zwar, wie in den epithelialen Rectumcarcinomen, senkrecht gestellte Spindeln, doch er- folgt nach der Teilung eine Regulation in der Art des Zellgleitens, das auch sonst bei den Teilungen eine Rolle spielt. Wichtiger scheinen folgende Erscheinungen zu sein: In den Zellen der Mammacarcinome findet man oft neben dem Kern eine dichtere, dunkle Stelle, die sich mit Rubin intensiver färbt und wo besonders die Plinm er- sehen Körperchen [die mit denen, die Leyden und Feinberg beschrieben haben, identisch zu sein scheinen] entstehen dürften. Im allgemeinen färben sich oft manche Zellen dunkel und intensiver. Auch treten in den Carcinom- zellen die i n trazel lu lären Kanälchen auf, die bis jetzt in Zellen mit einseitigem Stoffwechsel, wie in den Ganglien- zellen, die nach den Untersuchungen Bethes nur Nähr- zellen sind, und in den leicht hinfälligen Riesenzellen nachgewiesen wurden. — Also auch hier scheinen gelegent- lich Kernsubstanzen in das Plasma überzutreten und es dunkler zu färben, wie auch die innere Konstitution hier verändert ist. Bei den vielen Regenerationen, die die Epithelien betreffen, können dann leicht solche Zellen, vielleicht noch unter Einfluss besonderer osmotisch anders wirksamer Stoffe, excessiv wuchern, zumal auch sonst bei den ,, normalen" Regenerationen das Maximum-Minimum-Prinzip durch eine Ueberproduktion des Zellmaterials durchbrochen wird; doch erfolgt hier in der Art einer rechtzeitigen Degeneration dieser Zellen eine Regulation, was bei den Gewebswucherungen nicht der Fall ist. Prowazek. Die Keimungsverhältnisse der Leguminosen- samen und ihre Beeinflussung durch Organismen- wirkung. Eine so betitehe Arbeit, die durch ihre Resultate allgemeineres Interesse verdient und deshalb hier im Auszuge mitgeteilt werden soll, ist von L. Hiltner in den Arbeiten der biologischen Abteilung für Land- und Forstwirtschaft am Kaiserlichen Gesundheitsamte (III. i. [1902]) erschienen. Es ist eine vielen Landwirten be- kannte Erscheinung, die sich auch bei gärtnerischen Kulturen oft sehr bemerkbar macht, dass besonders von Leguminosensamen ein ganz unverhältnismässig geringer Prozentsatz aufgeht, trotzdem die Keimfähigkeit der Samen noch eine relativ gute war. Es sind nicht nur die in der erwähnten Arbeit behandelten Leguminosensamen, die diese Erscheinung zeigen, sondern auch eine ganze Anzahl anderer Familien haben dieselbe Eigenschaft. Es scheint so, als ob die Mehrzahl derjenigen Samen, die eine ver- hältnismässig grosse Menge Reservesubstanz besitzen und aus irgend einem Grunde keine aussergewöhnlich lang- dauernde Keimkraft besitzen, schon längere Zeit ehe diese verloren geht, bei \'ielen Aussaaten ein sehr schlechtes Resultat liefern. Verfasser hat wohl die Leguminosen ausgewählt, da diese erstens die landwirtschaftlich wichtig- sten der in Betracht kommenden sind und zweitens, weil bei ihnen die Erscheinung bei weitem am besten be- kannt ist. Hiltner hat nun in sehr zahlreichen \"ersuchen die Gründe für das Ausbleiben so vieler Samen trotz der noch vorhandenen Keimfähigkeit studiert und hat be- sonders gefunden, dass es Bodenorganismen sind, die die in ihrer Lebenskraft mehr oder weniger geschwächten Samen angreifen und vernichten. Sät man ganz frische Samen, die nicht irgendwie unter ungünstigen Bedingungen (feucht etc.) gelagert haben, auf irgend einen Boden aus, so wird man einen verhältnismässig hohen Prozentsatz auf laufender Sämlinge erhalten. Sobald aber die Samen älter geworden sind, also wie Hiltner meint, einen Teil ihrer Lebenskraft eingebüsst haben, verhalten sie sich, in ver- schiedene Bodenarten gelegt, ausserordentlich abweichend. Bringt man die Samen in sterilisierten Boden, also etwa in Bedingungen, wie sie in Keimapparaten etc. herrschen, so ist der Prozentsatz der keimenden Samen ein ziemlich hoher, d. h. also die Samen haben ihre Keimfähigkeit nicht verloren. Gelangen die Samen aber in Ackerboden, besonders in solchen, in dem sich eine grössere Menge von pflanzlichen Bodenorganismen befindet, so ist die Zahl der wirklich zum Auskeimen gelangenden Samen oft sehr gering. Sie erliegen den Angriffen der Bodenpilze und Bakterien. Hiltner hat nun ganz systematisch untersucht, in welcher Weise Pilze, in welcher Bakterien die Samen schädigen. Es hängt ganz von der Beschaffen- heit des betreffenden Bodens ab, wie viele Samen keimen. Unter den Schädlingen, sowohl Pilzen als Bakterien, wird zwischen solchen unterschieden, die nur den Samen und solchen, die sowohl den Samen als den Keimpflanzen schädlich sind. Auf zwei sehr schönen Abbildungen sind photographische Reproduktionen von Versuchskulturen beigegeben und zwar auf Fig. i stets im Sand vorge- keimte und dann in den Boden eingesetzte Sämlinge, bei denen zumeist eine tadellose Entwicklung zu konstatieren ist, und daneben Samen genau derselben Herkunft, die direkt in den schädliche Bodenorganismen enthaltenden Boden eingesetzt sind. Bei den letzteren ist im besten Falle ein sehr lückenhaftes Aufgehen und schwächliche Entwicklung zu bemerken, in einem Pralle (Phase olus multiflorus) ist keine Pflanze erschienen. Ein anderer abgebildeter Versuch zeigt, wie sehr die Samenpflanzen (von blauen Lupinen) von der Vorbehandlung der Samen abhängen. Einquellen in Wasser zeigt sich schon nach 5 Stunden schädlich, nach 24 Stunden, bei tieferer Lage der Saat, war fast nichts mehr gekeimt. Bezüglich der übrigen Versuche muss auf das Original verwiesen werden. Es rechtfertigt sich die Erwähnung der Arbeiten an dieser Stelle durch die grosse allgemeine Wichtigkeit der Ergebnisse. Es werden uns dadurch auch so viele Erscheinungen, die uns beim Studium der Vege- tationsformationen entgegentreten, klar. Das Fehlen resp. die Seltenheit besonders der Leguminosen und auch anderer Pflanzen an manchen Standorten, die sonst nach der Bodenbeschaftenheit und nach der vorhandenen Pflanzengesellschaft geeignet scheinen mussten, eine in- teressante Vegetation zu tragen, das \^orhandensein ein- zelner kräftiger Pflanzen einer Art durch viele Jahre und trotz reichlicher Samenbildung und nicht bedeckten Bodens fehlender Nachwuchs haben schon viele Erklärungen ge- fordert, sicher spielen hier auch die Angriffe der Boden- Naturvvissenscliaftliclie Wochenschrift. 33 Organismen mit. Ich habe schon mehrfach darauf hin- gewiesen, dass die Samenpflanzen östHclier, also pontischer binnenländischer Pflanzen im atlantischen Europa mehr oder weniger empfindlich sind gegen die abweichenden klimatischen Verhältnisse, dass ein grosser Teil (oft alle) den Angrifien parasitischer Organismen erliegt (Nelken etc.). Die Studien Hiltner's erweitern unseren Gesichtskreis in dieser Beziehung erheblich, sie zeigen auch, dass die Gepflogenheiten vieler Gärtner, importierte also unter un- günstigen Verhältnissen aufbewahrt gewesene Samen in geglühtem Sand keimen zu lassen, durchaus ihre wissen- schaftliche Begründung hat. Paul Graebner. Das alte Torfmoor im hohen Eibufer vor Schulau bei Blankenese ist seit seiner ersten Erwähnung durch K. G. Zimmermann (Mitt. a. d. Verh. d. naturw. Ges. Hamburg 1845) wiederholt, so von L. Meyn, Japetus Steenstrup, R. von Fischer-Benzon, untersucht. Nach den Feststellungen v. Fischer-Benzons (Die Moore der Provinz Schleswig-Holstein. Hamburg, 1891) liegt das Torflager in einer Höhe von etwa 6 m über dem mittleren Eib- spiegel auf einer dünnen Schicht weissen Sandes, welche dem blauen Geschiebemergel aufgelagert ist. Die grösste Mächtigkeit beträgt, nach Westen abnehmend, i m. Auf- gelagert ist ihm Geschiebesand (2 m), darüber Flugsand (bis 1,5 m). Infolge der starken Pressung des Torfes waren die Pflanzenreste nur sehr schwer zu erkennen. Ausser den bereits von Steenstrup 1862 in grosser Zahl nachgewiesenen Fichtenresten , Zweigen und Zapfen, die von ihm bis 1869 nirgends in den Mooren der dänischen Inseln noch denen Jütlands nachgewiesen werden konnten, erwähnt von Fischer-Benzon Reste von Pliragmites , von Gramineen oder Cyperaceen und von einer Birke [Betiila pubescens E h rh . ? ) Seit 1898 hat M. Beyle (Verh. d. Ver. f. naturw. Unterhltg. Hamburg XI) das kleinere der beiden Torf- lager, welches gänzlich abgestürzt ist, eingehend unter- sucht. Die zur Untersuchung entnommenen Proben sind allerdings infolge der schwierigen Zugänglichkeit des eigentlichen Profils den Absturzmassen entnommen, sodass eine Verteilung der Reste und Einschlüsse auf die einzel- nen Horizonte unmöglich ist; aber infolge der fast aus- schliesslichen Bestimmung durch Spezialisten erlangt das Verzeichnis der Reste erhöhte Bedeutung. Kiefern, Fichten und grossblättrige Linden, welche jetzt in Holstein nur angepflanzt vorkommen, sind damals unzweifelhaft einheimisch gewesen. Najas viarina und Cladium mariscus haben zur Zeit der Ablagerung des Torfes eine westlichere Verbreitungsgrenze gehabt, als gegenwärtig, ebenso Chlaenius Illigeri Gglb. An der Stelle des abgestürzten kleineren Torflagers sieht man in etwas grösserer Höhe ein sich nach Westen und Osten etwas weiter erstreckendes, von dem einige Stücke sehr fest und im trockenen Zustande staubig sind, andere in dünne Lagen nach Art des Papiertorfes zer- fallen , während wieder andere stark mit Sand vermischt sind. Nahe am Ostrande ruht es auf einer Schicht oben weissen, nach unten zu bräunliche Färbung annehmenden Sandes, der es von dem Geschiebelehm trennt. Der Torf ist hier in allen Lagen stark mit Sand vermischt. Unter den hier zahlreich gefundenen Kiefernzapfen zeigt eine nach H. Christ anscheinend einer älteren Gestaltung angehörende Varietät des echten F. silvcstris relativ grosse und auf der Samenseite sämtlich in eigentümlich dick- und stumpfkonische „Hacken" vorgezogene Apophysen. A. Lorenzen. Wetter - Monatsübersicht. In den Witterungsverhältnissen des vergangenen September lassen sich drei Abschnitte von ungefähr gleicher Länge unterscheiden. Der Anfang des Monats hatte warmes und meist schönes Wetter, das nur durch einzelne, jedoch sehr heftige Gewitterregen unterbrochen wurde. In der Mitte war es in ganz Deutschland trübe, kühl, sehr windig und nass, dagegen am Ende heiter und trocken, während der Nächte kalt, 'i'errif cs'afurcn im SepfettSct' iSOZ. Berlin: =_„TagliclizsMaxiri!Uin,lin.Minimijra. __Ta8esmi"ltEl, -13(12. 6. 11- 16. 21. TajEsmifW.nijrwal. 26. ^ r-iC. 30' AlllHere Temperal'uren verschiedener OrJre. tSEPT. 6. 11. -16. 21 2ß. fi£/riif/s/t w£rr^fBii.^EAi/. aber in den Tagesstunden ziemlich mild. Die ersten fünf Tage des September brachten so starke Hitze, wie sie in der Mitte des diesjährigen Sommers fast nirgends geherrscht hatte. Am 3. und 4. wurden in vielen Gegenden Süd- und Mitteldeutschlands 30" C. überschritten. Aber schon am 6. ging, wie das Beispiel von Berlin in der vorstehenden Zeichnung ersehen lässt , die Temperatur unter ihren normalen Wert herab, der dann nur noch an einzelnen Tagen wiedererreicht wurde. L'nter mancherlei Schwankungen der Durchschnittstemperaturen nahm die Abkühlung der Nächte im ganzen langsam zu. In der Nacht zum zo. sank das Thermometer in Bamberg zum ersten mal auf den Gefrier- punkt, in den folgenden Nächten bildete sich an verschiedenen (Jrten Reif und am 23. nachts hatte Breslau einen Grad Kälte. Auch der September war daher im Mittel allgemein zu kühl, am meisten , ebenso wie in den vorangegangenen Monaten, im Nordwesten, wo über zwei Grade an der Normaltemperatur fehlten. .'\n dem Wärmemangel trug jedoch diesmal in erster Linie die Häufigkeil nördlicher Winde die Schuld, da es an Sonnenschein nur um ™ S ^ c — .H^ X IT tt> -P a E !ßiedcr>c^la^sl?ö}?en im ScpkmkrWZ. 3 c P. 4J <; g-S 3 '^ ^j CS o M:s CJ ^rl r. c "^ M ■y^ ^ c .^ o =1 X -a t/1 ■n c,^ ü- ^ J= C , oJ •J^.H -• OJ -0 Sj '" c rl bl 3 OJ ^ b£ C 'S OJ 3 « -G .- u t/? T3 -0 C') 3 OJ >-> OJ l- 3 3 p 3 CJ ri T^ U! ,r ^ ni =3 rt i^t; 3 3 ^ fl. t/j 3 5^.^ C 'S -^ -.« £^ :rt "^ 3:^2 T! 3 OJ rt N fcß _ N CJ 'S ginals agerun deutet en die •*-. <- 3 2 u CS cn OJ rj w -Td Cß N CJ o; T3 ^ '^ u -J2 3 i> c tu ö u 3 4J ^ 3 CJ rt <"„ M U TJ c "a j< bX.'H,^ :3 W '3j 3 Xl cä 58 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. II. Nr. S archaischen Felsarten der Erde Faltung oder eine der Faltung gleichwertige Pressung erfahren hahen," dass daher die heute örtlich beschränkte faltende Kraft einst über den ganzen Erd- ball thätig gewesen sei. Bei der gewaltigen Fülle neuer Ideen und Anschauungen dürfte es verwegen erscheinen, diesem Werke eine kurze Be- sprechung widmen zu wollen , und man kann in so knapper Form kaum die weittragende Bedeutung der Arbeiten, mit denen sich der berühmte Verfasser in den letzten Jahren be- schäftigt hat, genug hervortreten lassen. Es soll damit dem Leser auch nur eine kleine Uebersicht der Grundideen des Buches gegeben sein, und ich glaube am zweckmässigsten zu verfiihren , wenn ich die Suess'sche Einteilung innehalte und kurz über die einzelnen acht Kapitel referiere. IL Abschnitt. Der Norden Sibiriens. Das nörd- liche Sibirien zerfällt in die sibirische Ebene und das Amphi- theater von Irkutsk. Die westsibirische Ebene bildet eine weite, von jungen Sedimenten erfüllte Mulde. Sie ist gegen das Eismeer offen und besitzt im Westen eine Pforte , die Strasse von Turgai, durch welche wiederholt die Kreide und Tertiärmeere in Sibirien eingetreten sind. Diese Verbindung dauert jedoch nur bis gegen die Mitte oder das Ende des Oligocän, dann folgen den marinen Sedimenten Salzsee- und Süsswasserablagerungen. In starkem Gegensatz zur westsibirischen Ebene mit ihren jungen Schichten steht das os t si b i r i sehe Tafelland. 4 Elemente nehmen an seinem Aufbau teil: i) eine ausge- dehnte, zum Teil ganz horizontal gelagerte paläozoische Tafel, 2) Schollen pflanzenführender Schichten , die sich weit ins Innere von Asien hineinerstrecken. Diese Schollen sind Bruch- stücke eines mesozoischen Kontinents, des „Angaraland", das mit dem im i. Bande behandelten „Gondwänaland" in vieler Beziehung verglichen werden kann. Dem beide Fest- länder trennenden centralen Mittelmeere verleiht Suess den Namen „T e t h y s" und spricht die Ansicht aus, dass „durch das Verschwinden der Tethys und die Vereinigung des indi- schen Bruchstückes des Gondwdnalandes mit dem Angara- kontinent das heutige Asien entstanden sei. 3) Mesozoische Ablagerungen über der alten Tafel , 4) ausgedehnte basische Ergussmassen einheitlichen Ursprungs, aber verschiedenen Alters. Während im Süden der westsibirischen Ebene die weit auseinandertretenden Aeste des Tian-shan hineingreifen , wird die östliche Ebene von dem Gebirgsamphitheater von Irkutsk umrahmt, dessen Felsarten alle archaisch und gefaltet sind. Eine bemerkenswerte tektonische Erscheinung bilden die am Rande des Amphitheaters schon in den alten Schichten der Ebene auftretenden „ R a n d f a 1 1 e n " , deren Bewegung im Gegensatz zu den grossen asiatischen Hochgebirgen gegen Norden gerichtet ist. m. Abschnitt. Der alte Scheitel. Den ältesten Scheitel der eurasiatischen Falten bildet das vorcambrische Faltungsgebiet zwischen Jenissei im AVesten und dem grossen Chingan im Osten. Im ösüichen Teile des Scheitels herrscht das O.N.O.- oder baikal'sche Streichen, im Westen das W.N.W.- oder sajan'sche Streichen. Im Primorskii Chrebet, einem 1880 m hohen Horste am Baikalsee, scheinen sich beide Richtungen in einer meridionalen Achse zu vereinigen. Der morphologische Charakter des alten Scheitels wird in hohem Masse durch lange den Falten parallel streichende Gräben bedingt , die, einer der alten Faltung nachfolgenden Spannung oder Zerrung ihren LTrsprung verdanken. Ueberall werden sie von einem Saum eruptiver Vorkommnisse begleitet. Als eine Folge sol- cher gewaltigen Zerrung ist der durch das Vorgebirge Swjatoi Noss und die Insel Olehon in zwei einander ähnliche Hälften zerfallende Baikalsee zu betrachten. Die beiden Flüsse Angara und Selenga lassen sich als Teile eines ehemals einzigen, grossen Stromes erkennen, der durch die die Ent- stehung des Seebeckens veranlassende Bewegung durchschnitten wurde. Das Alter des Baikal ist nicht mit Sicherheit festzu- setzen. Der See ist jedenfalls jünger als die sarmatische oder pontische Stufe des Tertiär. An den SW.-Rand des alten Scheitels schliesst sich das vom Jenissei durchströmte Zwischengebiet von Minus- sinsk an, der Typus einer echt mongolischen Steppenebene mit Salz- und Bitterseen. Es trennt den N.W. streichenden, dem alten Scheitel angehörigen O.-Saj an von dem zum Altai gehörigen W. -Sajan, dessen steilgefaltete krystallinische Schiefer und devonische Gesteine nach N.O. streichen. Randstücke des alten Scheitels sind Changai und Gobi- Altai. Letzterer sinkt streifenförmig zur dsungar. Pforte ab. In diesem ganzen sibirisch-mongolischen Grenzgebiet spielen Grabensenkungen eine bedeutende Rolle. Die dem baikal- schen Streichen folgenden Falten der östlichen Gobi sind alle abradiert und discordant von jungen Süsswasserablagerungen der Gobiserie überlagert. IV. Abschnitt. Peripherische Bildungen im Osten des Scheitels. Im Osten des alten Scheitels reihen sich mehrere Bögen aneinander. Zu ihnen gehören : der J a b 1 o n n o i der aus der Mongolei nach N.N.O. zieht und keine Biegung nach Osten ausführt, wie wir sie meist auf unseren Karten dargestellt finden. Anstalt des zusammen- hängenden Zuges : Stanowoi-Gebirge — Jablonnoi, der hoffent- lich bald von unseren Karten verschwinden wird, dehnt sich hier ein weites archaisches Sumpf- und Urwaldgebiet aus. Der nächste Bogen ist der eine „Landstaffel'' bezeichnende Grosse Chingan, welcher nach Richthofen's Vermutungen in die Senkungslinie von Peking übergeht. Der Bau der durch Abtragung der Falten entstandenen Ebene am oberen Amur zeigt wieder N.N.O. Streichen. Hier liegen die Ausläufer all der langen Ketten, die in immer weiteren Bögen gegen den Norden des Ochot'schen Meeres convergieren. Die wichtigsten davon sind: das Aldan-Ge- birge, das steil zum Ochot'schen Meere abfällt, ohne eine Beugung aus N.N.O. gegen Norden auszuführen, wie sie bei Ochotsk von den Karten angezeigt wird, das Turkana- Gebirge, Bureja-Gebirge oder Kleiner Chingan, die mandschurischen Ketten, endlich das S i c h o t a - Alingebirge, dessen Westseite sich allmählich zum Thal des Ussuri hinabsenkt , während seine gegen das Meer aus- strahlenden Faltenzüge eine Riasküste bedingen. Nun wäre der Ocean erreicht. Aber die Grundlinien des Baus von Ostasien setzen sich über denselben fort bis nach Japan und Sachalin. „Man kennt gegen den Ocean hin keine Grenze der wunderbaren, bogengebärenden Macht, die vom eurasiatischen Scheitel ausgeht. Allerdings scheint es aber als ob gegen die Peripherie des Aufbaus hinaus, die Halbmesser gar zu gross würden." Dann erfolgt Rückbeugung der Bogenstücke, wie diejenige, welche den ,, grossen Graben" auf Hondo erzeugte, oder Scharung zwischen den einzelnen Stücken. Sowie die sich dem alten Scheitel harmonisch anreihen- den Bögen, so zeigen auch die Leidinien des Tafellandes von N.O.-China, der uralten, niemals von jüngeren Faltungen betroffenen ,, s i n i s c h e n Scholle" eine Beugung gegen Westen mit gegen S.S.O. oder Osten gerichteter Convexität. V. Abschnitt. Altai und die Altaiden. Wesüich des alten Scheitels und seiner Ausstrahlungen bei Minussinsk erhebt sich ein zweiter selbständiger Scheitel von jüngerem Alter, der mächtige „Grosse oder Russische Altai". Vor dem Altai ziehen in langen Rücken die selbständigen Falten des Kirgisen-Berglandes dahin und verschwinden in den sich anschliessenden Steppenebenen. Nach Osten und Süden ist die Ausbildung des Altai gehemmt, im S.W. schliessen sich an die zahlreichen, nach allen Seiten ausstrahlenden Aeste des Tian-shan. Sie bedeuten nicht die Zerspaltung eines gemeinsamen Stammes. An Stelle eines solchen findet man N. F. IL Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 59 nur ein enges Zusammentreten der Aeste. Nur aus verlängerten Aesten des Tian-shan besteht der Bei-shan, eine gegen O.S.O. schräg über die Gobi streichende Faltenzone von wüstenähnlichem Charakter. Von grösster Bedeutung ist der Nan-shan, der durch das abflusslose Thal des Kukunor in eine nördliche und südliche Hälfte geteilt wird. Im Norden, wo wir die Rieh thofen -Ke tte hochaufragen sehen, walten paläozoische Schiefer vor , im südlichen Teile treten mehr Gneisse auf Beiden Teilen aber ist das dichte Gedrängtsein der Falten eigentümlich, ihr gleiches Streichen nach N.N.VV., welches dann in O.N.O. übergeht, also die Richtung des W'.- Kuen-Iun oder Jarkend-Bogens annimmt. So werden die westlichen Ketten des Nan-shan Cllieder eines fremden Gebirgssystems und bilden einen Teil der Umrandung des Jarkend-Darja-Beckens. Alle diese vom Altai ausgehenden Ketten fasst Suess unter dem Gesamtnamen „Altaiden" zusammen. VI. Abschnitt. Die üs tl i che n Altai d en. In ihrem östlichen Verlaufe stauen sich die Altaiden an den Rand der alten sinischen Scholle (Ordos). Sehr mächtige Entwicklung erlangen sie in dem als Scheidegebirge eine hervorragende Rolle spielenden Tsin-ling-shan, der das östliche Glied jenes mächtigen, quer durch Centralasien streichenden Gebirgs- aufbaus bildet, dessen alten Namen Kwen-lun Richthofen bereits zu Ehren kommen liess. Der Kwen-lun unserer Karten, dagegen entspricht dem bereits genannten Jarkend-Bogen. Die Hauptgruppe der Altaiden setzt sich in den b u r - manischen Ketten fort. Diese erfahren erst eine teils durch den Himalaya , teils durch eine alte Scholle im S.O. Chinas verursachte Stauung, dann werden sie durch die Masse von Cambodge geteilt. Die westliche Gruppe zieht durch Burma zur malayischen Halbinsel, die östliche durch die grossen Karstplateaus von Y ü n n a n und T o n k i n g herab. Sowohl diese wie die Karstlandschaften von Burma scheinen die Reste des alten sedimentären Mantels des Hoch- gebirges zu sein, der in höher gelegenen Gebieten a])getragen wurde. Die letzten Spuren der Altaiden müssen wir im malay. Archipel suchen, der seine Bildung der Vereinigung von 4 Elementen verdankt : dem Ende des burmanischen Bogens, den südlichen Ausläufern der Züge der Philippinen, der mäch- tigen Cordillere von Neu-Guinea, dem australischen Festland mit seiner östlichen Cordillere. Das ganze Gebiet des Archi- pels gehört der Tethys an und die marine Schichtfolge scheint ohne wesentliche Lücke vom Oberbarbon bis zur Gegenwart fortzugehen. Je weiter im Ocean, umso spärlicher werden die Reste der Faltungszone , umso häufiger treten aber die Vulkane auf und führen uns auf die Spur der alten Leitlinien. In vier Zügen , deren erster von Luzon bis Manila , der zweite von Mindanao über die Sulu-Inseln nach Borneo , der dritte von Süd -Mindanao bis Celebes, der vierte nahe der Westküste von Halmahera zieht, endet die östlichste Gruppe der östlichen Altaiden. Die Ausläufer der westlichen Gruppe verschwinden ebenfalls, nachdem sie über die Inseln Sumba und Timor eine Beugung um die Bauda-See vollzogen haben. VII. Abschnitt. Der Jarkend-Bogen, Iran und Turan. Als einen den Altaiden gegenüber selbständigen Bogen lernten wir bereits den Jarkend-Bogen kennen, dessen westlicher Teil, das Kaschgargebirge, in die Region des Pamir eintritt , während sein östlicher Abschnitt, der Altyn-tag, in spitzem Winkel auf die Altaiden trifft. Am Südrande des Jarkend-Bogens breiten sich die Ablagerungen der Tethys aus , die hier , namentlich im Himalaya , die ge- waltigsten Faltungen erlitten hatten. Jene Trias- und Jura- schollen des Himalaya, die ohne Zusammenhang mit der Tiefe auf einer von ihnen abweichenden normalgefalteten Unterlage ruhen , vergleicht Suess mit den Deckschollen der Westalpen (Brian^onnais) und nimmt an , dass sie aus fernem Norden, wahrscheinlich der Gegend von Ladakh, am oberen Indus herbeigetragen worden seien, als die Trias noch die Gneiss- zone von Ladakh bedeckte. Dank den zahlreichen neuen Forschungen in jenen Ge- bieten, ist das Bild von Iran und Turan wesentlich von dem- jenigen verschieden, das Suess uns davon im i. Bande seines „Antlitz'- gegeben hatte. In diesem besonders durch die „Zwischeiiketten" der Region zwischen Tian-shan und Hindu kush komplizierten Bilde, fallen uns im wesentlichen folgende Züge auf: Die am Ihelum scharenden Ketten des Himalaya treten gegen Westen auseinander. Die erste Gruppe bildet den Siad-Koh und Sefid-Koh und deren west- liche Ausläufer, die zweite Gruppe zieht nach Süden und beugt sich scharf um in die W a z i r i - B e r g e und S u 1 i m a n - ketten. Die dritte Gruppe bilden die Salzke t te n. Im tlegensatz zu den grösstenteils aus Hippuritenkalken bestehen- den äusseren Ketten des Iran stehen die in N.W.-Richtung cjuer durch Iran streichenden Trias- und Juraketten, welche in weitem Bogen das abflusslose Gebiet des Heimund umgürten. Ihr Streichen ist dem der längs des persischen Golfs sich hin- ziehenden Zagrosketten parallel. Als selbständiger Bau erscheint in N.W. Iran das Albursgebirge. Der iranische Aufbau zeigt folglich zwei Konkavitäten. Die eine entspricht der Wüste Registan und dem Caspigebiet, die andere dem südlichen Rande des Caspisees. Die Beugung des mächtigen H i n d u - k u s h nach N.W. entspricht der grossen östlichen Konkavität des Iran. Der Hindu-kush zerfällt • gegen Westen in mehrere kulissenartige Züge, von denen die einen, die durch K o p e t - d a g h und B a 1 c h a n hergestellte Verbindung des Hindu-kush mit dem Kaukasus ergänzen. Die heutigen Umrisse der Niederung von Turan haben sehr verschiedenes Alter. Während in den Ebenen des N.W. Kreide- und Tertiärschichten sich ungestört über die abge- tragenen Schichtenköpfe des alten Gebirges ausbreiten, treten sie im Osten stark gefaUet in den Aesten des Tian-shan her- vor. Zwischen diesen Aesten erheben sich die bereits er- wähnten , sehr eigentümlichen „Zwischenketten" im Quellgebiet des Syr und Amu-Darja. Ihr Streichen ist S.W., mit einer konvexen Beugung nach Süden, was sie als eine Fortsetzung des Baus der Altaiden erscheinen lässt. Alle diese Betrachtungen lassen uns das östliche Eurasien als eine mächtige Einheit erscheinen, in der man folgende Glieder unterscheiden kann : 1 ) den alten Scheitel mit der nördlich gelegenen cambrischen Tafel, die sinische Scholle und das indische Bruchstück des G o n d w ä n a 1 a n d e s , als Reste eines uralten Festlandes; 2) den Jarkend-Bogen; 3) den jungen Scheitel desAltai mit den Altaiden, die im Osten bis in die Banda-See ausströmen, im Westen mit dem iranischen Bogen verschmelzen und nach Europa eintreten. Zwischen beiden Teilen baut sich in Fortsetzung des Jarkend-Bogens der Himalaya auf. Viererlei Bildungen nehmen an dem Aufbau des östlichen Eurasien teil; i) normale Meeresbildungen, 2) Bildungen in verdampfenden Meeresteilen (Salze der Salzkette, Iran und Turan), 3) Limnische Süsswasserbildungen (Angaraserie), 4) die vom Relief unabhängigen Wüstenablagerungen, ein Seitenstück zu der Bildung des Rotliegenden und unseres Grödner-Sand- steins und als solches für das Verständnis letzterer Bildungen von Wichtigkeit. VIII. Abschnitt. Die Tauriden und die Dina- ride n. Die bereits im i. Bande besprochene Scharung des iranischen mit dem taurischen Bogen bildet für letzteren den Ausgangspunkt, von welchem er mit N.W. -Streichen sich durch Taurus, Amanus und Cypern bis an die Westküste Kleinasiens hinzieht, wo er in spitzem Winkel mit dem dina- rischen Bogen zusammentrift't, der von Kreta über Kasos, Rhodos mit typischem N.N.O. - Streichen das kleinasiatische Festland betritt. 6o Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. II. Nr. 5 Im Norden schwenken die Dinariden in die nördlich der Adria gelegene Kalkzone ein und erreichen die Nähe der Alpe n. Die Dinariden bleiben jedoch von dem alpinen Teile der Ostalpen getrennt durch eine beiläufig looo km lange Bruchzone , reich an tonahtischen Kernen , die beim Bachergebirge beginnt und bis zum Idro-See reicht. Diese Linie bedeutet ausserdem noch eine Scheide für die nord- und südalpine Entwicklung des Perm und der Trias. „Hier, wo nicht morphologische Gliederung, sondern der Grundplan des Aufbaues gesucht wird , muss das ganze östlich von der Sesia, dann östlich von Judicarien und südlich von der Gail liegende Bergland von den Alpen abgetrennt und den Dina- riden zugezählt werden". Den Alpen und den Dinariden fremd ist das Karnische Gebirge mit seinem selbständigen Streichen und vorpermischen Alter. Für das ganze Gebiet der Dinariden ist charakteristisch, die einer Kontinentalperiode entsprechende, abgetragene Ober- fläche, überlagert von den ungestörten dinarischen Sedimenten. Daraus ergiebt sich das jugendliche Alter der Störungen, welche die dinarische Decke durchsetzen. Im wesentlichen herrschen zwei Bewegungen vor: i) das treppenförmige Ab- sinken mit Ueberschiebung gegen die Adria, 2) von Sexten und Comiglio bis weit nach Osten, eine nördliche Bewegung, die mit den nördlichen Faltungen des Karn. Gebirges in Be- ziehung stehen dürfte. Diese beiden entgegengesetzten Be- wegungen treten in den Steiner Alpen vergesellschaftet auf; sie können nicht gleichzeitig stattgefunden haben und wahrscheinlich ist die südliche die jüngere. IX. Abschnitt. Das nördliche Europa. Dieser Abschnitt enthält den Versuch, den Zusammenhang der Leit- linien des nördlichen Europas mit denen Asiens zu ermitteln. Dieses Zusammenhanges wegen wird das nördliche Europa von Suess in 3 Abschnitten behandelt : Ural , russische Tafel und caledonisch-skandinavische Dislokationszone. Die Falten des Ural setzen sich noch weit nach Osten bis an den Tobol fort, von jüngeren Schichten überlagert. Die Ostgrenze der Faltung ist unbekannt. Nach Süden zu scheint der Ural sich zu gabeln. Die unter dem Wüsten- plateau Ust-Urt verschwindenden Mugodscharen bilden die Fortsetzung der südlichen Uralfalten. Wenn auch nicht ganz sicher erwiesen , so scheinen doch die Verlängerungen der LTralketten durch die Aral-Irgis-Wassersc beide mit demKaratau, einem Aste des Tian-shan, zusammenzuhängen. Diese scheinbare Einlenkung des Karatau gegen den Ural steht, wenn man bedenkt , dass Karatau und Kaukasus beide als Ausstrahlungen des Tian-shan anzusehen sind, in auffallendem Widerspruche zu dem Gegensatze zwischen der Richtung des südlichen Ural und des Kaukasus. Die Lösung des Problems, welches die Art des Zusammentretens des Ural und Kaukasus sein mag und ob wirklich eine Kreuzung stattfindet, bleibt der Zukunft vorbehalten. Einige Gebirgszüge schieben im Westen an den Ural in spitzem Winkel , nach Art von Kulissen , an. Es sind dies : das Bassegigebirge, das Kwarkuschgebirge, die Po Ijudow kette und deren Fortsetzung, der sich bis nach Kanin hinziehende Tim anbogen, endlich das Pae-choi- Gebirge, das möglicherweise eine fortgesetzte Uralfalte vor- stellt und sich über Waigatz nach Nowaja-Semljä fortsetzt. Die Leitlinien dieser nördlichen Ausstrahlungen des Ural er- innern an die ostasiatischen Inselkränze, während der Ural selbst durch seine Lage und Länge Aehnlichkeit mit den peripherischen Falten des östlichen Eurasiens zeigt. Westlich vom Ural bis an die Karpathen dehnt sich die russische Tafel aus, welche als die westliche, sajanische Hälfte des alten Scheitels aufzufassen ist. Die Streichrichtung der in präcambrischer Zeit gefalteten Tafel ist W.N.W, mit einigen -Abweichungen in Südrussland und nördlich vom Onega- see. Die Gleichartigkeit der Leitlinien der russischen Tafel mit denen des weit jüngeren Ural lässt uns denselben als eine Gruppe von posthumen Scheitel falten erscheinen, die im Permo-Carbon entstanden sind , nach einem alten in vor- cambrischer Zeit vorgezeichneten Plane. Noch einmal begegnen wir einem Stück des alten eura- siatischen Scheitels, und zwar im äussersten Westen von Europa, in dem caledonischen Gebirge Schottlands und einem Teile Skandinaviens. Das nordwestliche Schottland ist durch heftige Störungen ausgezeichnet, die in besonders hohem Masse in der Region auftreten, welche am Loch Eriboll beginnt und sich bis innerhalb der Gneissinseln Coli und Tiree fortsetzt. Südöstlich von der Ueberschiebungszone von Eriboll liegen die schottischenHochlande, deren Aufbau durch das Auftreten vorherrschend basischer Eruptivgesteine inner- halb der tieferen paläozoischen Schichten charakterisiert ist. Die Falten der schott. Hochlande ziehen bis nach dem süd- westlichen Norwegen, auf der Insel Karmö zuerst mit ihren bezeichnenden Merkmalen auftauchend , dann mit N.S.N. O.- Streichen in der Richtung des Hardanger-Fjords bis Bergen weitergehend. Mit einer Besprechung der im Trondhjemer Becken auftretenden gewaltigen Ueberschiebung, deren unge- heure Maximalbreite von 130 km etwas noch nicht Dagewesenes ist und daher zu vielfachen Zweifeln Anlass gab, schliesst der inhaltreiche Abschnitt. Um dem Uebelstande abzuhelfen, dass selbst unsere besten Atlanten die neuesten russischen Forschungen nicht genügend berücksichtigen, hat der Verf seinem Werke eine „Karte der Scheitel Eurasiens" hinzugefügt, welche das Studium des Buches wesentlich erleichtert. Diese nach den Angaben von Suess von Dr. Hans Fischer in Leipzig gezeichnete Karte, giebt uns im Massstab von i : 7 000 000 ein schematisches Bild der Leitlinien Eurasiens von 57 " n. Br. im Norden bis zum 35. Breitegrad im Süden und vom Kaschgargebirge und den kirgisischen Falten im Westen bis zum Grossen Chingan im Osten. Ich glaube dieses Referat nicht besser abschliessen zu können als mit dem Hinweis auf den von dem hervorragendem Geologen E. de Margerie in dem Vorwort zu dessen fran- zösischer Uebersetzung der beiden ersten Bände des Suess- schen Werkes ausgesprochenen Satz: ,,La creation d'une science comme celle d'un monde demande plus d'un jour. Mais quand nos successeurs ecriront l'histoire de la notre, ils diront, j'en suis persuade, que l'oeuvre de Mr. Suess marque dans cette histoire la fin du premier jour, celui oü la lumiere fut." Helene Wiszwianski. Litteratur. Biscan, Elektrotechnikums-Dir. Prof. Wilh.: Was ist Elektrizität? Eine Studie üb. das Wesen der Elektrizität u. deren kausalen Zusammen- hang m. den übr. Naturkräften, f. Gebildete aller Stände verf. (IV, 80 S. m. Fig.) gr. 8°. Leipzig '02, Hachmeister & Thal. — 1,50 Mk. Fricke, Prof. Dr. Rob.: Hauptsätze der Differential- u. Integral- Rech- nung , als Leitfaden zum Gebrauch bei Vorlesgn. zusammengestellt. 3. umgearb. Aufl. (XV, 218 S. m. 74 Fig.) gr. S'\ Braunschweig '02, F. Vieweg & Sohn. — 5 Mk. ; geb. 5,80 Mk. Magnus, Prof Dr. Hugo: Die methodische Erziehung des Farbensinnes. Mit e. Farbentaf. (43^87 cm., auf Pappe) u. 72 Farbenkärtchen (in Kästchen). 2. .\ufl. (16 S.) gr. 8". Breslau '02, J. U. Kern. — 7 Mk. Briefkasten. Herrn Dr. J. Friedlaender in Neapel. — Genauere .Angaben über das Trifilargravimeter finden Sie in Gcrland's Bcitr.ägen zur Geophysik, Bd. IV, 2. Heft. .\m besten setzen Sie sich indessen direkt mit Herrn Prof. A. Schmidt in Stuttgart (Realgymnasium I in Verbindung. Inhalt: Dr. Hans Seckt: Die Wirkung der Röntgenstrahlen auf die Pflanze. — Dr. phil. Carl Dctto; Ueber die deduktive Berechtigung und Ableitung des Mechanismus in der Biologie. (Schluss.) — Kleinere Mitteilungen : E. Baelz: Ueber die Einwirkung der Sonnenstrahlen auf verschiedene Rassen und über Pigmentbildung. — Die Bevölkerung Chinas. — Heussi: Bewegungsphänomen der galvanischen Elek- trizität. — Aus dem wissenschaftlichen Leben. — Bücberbesprechungen : Eduard Sues: Das Antlitz der Erde. — Litteratur: Liste. — Briefkasten. Verantworüicher Redakteur: Prof. Dr. H. Potonie, Gross-Lichtcrfelde-West b. Berlin. — Druck von Lippert & Co. (G. Pätz'sche Euclidr.), Naumburg a. S. Einschliesslich der Zeitschrift „Dic NatUf" (Halle a. S.) Seit i. April 1902. Organ der Deutsehen Gesellschaft für volkstümliche Naturkunde in Berlin. Redaktion: Professor Dr. H. Potonie und Oberlehrer Dr. F. Koerber in Gross-Lichterfelde-West bei Berlin. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Neue Folge II. Band; der ganzen Reihe XVIII. Band. Sonntag, den 9. November 1902. Nr. 6. Abonnement: Man abonniert bei allen Buchhandlungen und Postanstalten, wie bei der Expedition. Der Vierteljahrspreis ist M. 1.50. Bringegeld bei der Post 15 Pfg. e.xtra. Postzeitungs- liste Nr. 5263. Inserate : Die viergespaltene Petitzeile 40 Pfg. Bei grösseren Aufträgen entsprechender Rabatt. Beilagen nach Uebereinkunft. Inseraten- .annahme durch Max Gelsdorf, Leipzig-Gohlis , Böhmestrasse 9, Buchhändlerinserate durch die Verlagshandlung erbeten. Abdruck ist nur mit vollständiger Quellenangabe nach eingeholter Genehmigung gestattet. Die Herstellung von Wassergas und verwandten Gasarten für industrielle Zwecke. Von Dr. Gustav Rauter. Die zunehmende Erkenntnis, dass die Brennstoffvorräte unserer Steinkohlenlager nicht unerschöpflich, sondern immerhin verhältnismässig beschränkt seien, hat dazu ge- führt, dass sich die Kreise der hTdustrie in den letzten Jahren mehr als je mit der Konstruktion zweckentsprechen- der Feuerungs- und Gaserzeugungsanlagen befasst haben, durch die eine möglichst vorteilhafte Ausnutzung des Brennstoffes gewährleistet werden soll. Kannte man ur- sprünglich nur die unmittelbare Verbrennung der zu Feuerungs- wie zu Beleuchtungszwecken dienenden Brenn- stoffe, so haben in den letzten Jahrzehnten die Gas- erzeugungsanlagen immer mehr an Boden gewonnen. Zunächst waren es die Leuchtgasanstalten, in denen Steinkohlen, später auch andere geeignete Stoffe vergast wurden, und die das ursprünglich nur für Beleuchtungs- zwecke hergestellte, später aber auch vielfach zu Kraft- erzeugungszwecken benutzte Leuchtgas lieferten. Dazu kamen dann nach dem Vorgange von B i s c h o f und nament- lich von F' r i e d r i c h Siemens die verschiedenen Systeme der Gasfeuerung, bei denen ein eigens für Feuerungszwecke, nicht aber für Beleuchtungszwecke bestimmtes Gas erzeugt wurde, hidessen auch dieses Heizgas konnte zum Teil wiederum für Beleuchtungszwecke benutzt werden, indem man es, soweit es beim Verbrennen nicht leuchtete, mit einer gewissen Menge beim Verbrennen stark leuchtender Gase oder Dämpfe vermischte, die als sogenannte Leucht- träger dienen mussten, eine Behandlungsweise, die man als Karburieren der betreffenden Gase bezeichnet. Ferner wäre eigentlich auch noch die Acetylen- beleuchtung in dieser Reihe zu erwähnen, bei der die Kohle auf dem Umwege über ein Karbid in ein brenn- bares und zu Leuchtzwecken dienendes Gas übergeführt wird. Die Acetylenbeleuchtung bildet jedoch eigentlich ein besonderes Ganzes für sich und gehört auch weniger in den Rahmen dieser Abhandlung, da sie nur einen ganz beschränkten Anwendungskreis findet, und da das Acetylen eben* nur zu Beleuchtungszwecken, aber nicht zu Kraft- zwecken dient. Ebenso ist auch die Anwendung des Naturgases eine beschränkte, aber nur wegen seines ver- hältnismässig nur sparsamen Vorkommens. Es bildet in Amerika den am leichtesten siedenden — bei gewöhn- licher Temperatur schon gasförmigen — Anteil der dortigen Petroleumvorkommen und findet für industrielle Zwecke an manchen Orten in grossem Umfange Verwen- dung; jedocli wird es voraussichtlich in nicht zu langer Zeit ganz aufgebraucht sein. Bei der Verwendung von Gas für industrielle Zwecke ist zwischen Heizgas und Kraftgas wohl zu unter- scheiden. Heizgas dient zum Beheizen von Feuerungs- anlagen aller Art, von Schmelzöfen, Schmiedefeuern und dergleichen. Es kann aber auch zur Heizung von Dampf- kesseln benutzt werden, die ihrerseits wieder durch Dampf- maschinen Kraft erzeugen. Kraftgas dagegen dient un- mittelbar zur Erzeugung von Kraft, indem man es in Gasmotoren geeigneter Konstruktion verbrennt. Während in früheren Jahrzehnten die Verwendung von aus Kohlen 62 Xaturwissenschaftliclie Wochensclirift. N. F. II. Nr. 6 hergestelltem Gas aller Art — mit Ausnahme von Leucht- gas — eigentlich nur als Heizgas in Betracht kam, das dann erst im Dampfkessel in Kraft umgesetzt wurde, hat man je länger je mehr es einsehen gelernt, dass der Dampfkessel ein sehr unvorteilhafter Umweg ist, und dass es selbst bei so unreinen Gasen, wie es die Gichtgase der Hochöfen sind, doch entschieden vorteilhafter ist, sie in entsprechend gebauten Explosionsmotoren unmittelbar zur Krafterzeugung zu verwenden. Als Heizgas verwendet man rationellerweise die in Rede stehenden Gase nur da, wo man an sich auch Hitze erzeugen will, also zum Zwecke des Schmelzens, Glühens, Schweissens u. s. w. Hier wiederum ist es jedenfalls das Wassergas, das so- wohl seiner guten Heizvvirkung wegen, wie auch seiner billigen Herstellungsweise halber künftig voraussichtlich den ersten Rang einnehmen wird. Das Stein kohlenleuchtgas, das erste künstlich erzeugte brennbare Gasgemisch, wird aus den Kohlen durch trockene Destillation gewonnen, bildet also ein Gas, dass sich aus den Kohlen selber und ausschliesslich ent- wickelt, und keinerlei Umsetzungsprodukte der Kohle mit Luft oder mit Wasser enthält. Es ist ausgezeichnet durch seinen hohen Gehalt an Wasserstoff und an Kohlenwasser- stoffen. Namentlich letztere wurden lange Zeit als der hauptsächliche und wertvolle Bestandteil des Leuchtgases betrachtet, da sie eben beim Verbrennen das Leuchten seiner Flamme verursachen. Jedoch hat dieser Umstand seit der allgemeinen Einführung des Auer'schen Brenners einerseits, des sogenannten karburierten Wassergases andererseits seine Bedeutung zu einem grossen Teile ver- loren. Ferner wird auch ein sehr grosser Teil des Leucht- gases überhaupt nicht zu Leuchtzwecken benutzt, sondern zum Betriebe von Gasmotoren verwendet, für die es natürlich gleichgültig ist, ob das Gas leuchtend oder nicht leuchtend ist, wenn es nur die nötige Kraftentwicklung beim Verbrennen hervorzurufen befähigt ist. Die Zu- sammensetzung des Leuchtgases ist durchschnittlich etwa folgendermassen anzunehmen, wobei, wie im folgenden stets, die Prozente als Volumprozente gerechnet sind: Wasserstoff Methan Aeth)-len Benzol Kohlenoxyd Kohlensäure Verschiedenes Da bei der Herstellung des Leuchtgases die Erhitzung der zu seiner Erzeugung dienenden Retorten von aussen geschehen muss, und naturgemäss hierbei grosse Wärme- verluste unvermeidlich sind, so ist es für industrielle Zwecke immerhin recht teuer. Seine vielfache Anwendung auch für diese ist nur dadurch zu erklären, dass sein Bezug auch in verhältnismässig kleinen Mengen bei den nun einmal in allen grösseren Städten vorhandenen Gasnetzen sehr leicht gemacht wurde, während sich die anderweitigen Gas- erzeugungseinrichtungen nur dann rentieren konnten, wenn sie in genügend grossem Umfange eingerichtet wurden, sodass sie also im wesentlichen auf grössere Betriebe be- schränkt blieben. Gehen wir nun zu den eigentlichen Gasfeuerungen über, so gab hierzu die erste Anregung die Ueberlegung, dass aus den Hochöfen bedeutende Mengen an Gasen unbenutzt entwichen, die noch eine ganz bedeutende Heizkraft besassen, aber aus verschiedenen Umständen nicht zu Gute gemacht werden konnten. Diese Gase entstehen bei der Reduktion des Eisens nach der Gleichung: Fe„ O, + 3 C = 2 Fe + 3 CO. 50 0/ /n ,3.3 /n In 3 I "1 In 9 n: In 2 "/« 2 "lo Sie sind insbesondere stark mit Kohlensäure und Stickstoff verdünnt und durch grosse Mengen von Flugstaub ver- unreinigt. Wenngleich die hier zunächst gestellte Aufgabe auch noch recht lange ungelöst geblieben ist, und wenn- gleich man erst jetzt dem Ziele näher gerückt ist, die Gichtgase der Hochöfen wirklich nutzbringend verwerten zu können, so führten doch die an die Versuche von Faber du Faur in Wasseralfingen im Jahre 1837 an- knüpfenden Erörterungen zur Konstruktion von soge- nannten Generatorgasanlagen, die sich indessen weiter keiner ausgedehnten Verbreitung zu erfreuen hatten, bis sie erst durch Siemens in Dresden mit der Erfindung der Regeneratoren die notwendige Ergänzung erfuhren, die ihnen bald eine weite Verbreitung sicherte. Bei der Erzeugung des Generatorgases oder Luftgases wird Kohle mit der zur Vergasung eben ausreichenden Menge an Luft, der sogenannten Primärluft, verbrannt und so Kohlenoxyd erzeugt: 2 C + O, = 2 CO. Dieses Kohlenoxyd wird dann in der eigentlichen P"euerung mit einer zweiten Menge Luft, der sogenannten Sekundär- luft, vollständig zu Kohlensäure verbrannt: 2 CO + O2 = 2 CO.,. Die aus den Kohlen als zu verbrennende Gase erzeugten Generatorgase enthalten theoretisch, obiger ersten Gleichung entsprechend, 34 "/„ Kohlenoxyd und aus der atmosphäri- schen Luft 66 % Stickstoff. In der Praxis schwankt je- doch ihre Zusammensetzung ungemein, namentlich, da einmal ein Teil der Kohle nicht eigentlich v e r gast, son- dern durch blossen Einfluss der Hitze, ohne Mitwirkung der Luft, entgast wird, sich also unter Entwicklung von Wasserstoff und schweren Kohlenwasserstoffen einerseits, unter Bildung von Koks andererseits zerlegt, indem ferner ein weiterer Teil der Kohle sich mit darin enthaltenem oder durch die Verbrennungsluft zugeführtem Wasserdampf unter Bildung von Kohlenoxyd und Wasserstoff zersetzt, und indem schliesslich ein fernerer Teil der Kohle schon in der Generatorfeuerung vollständig zu Kohlensäure ver- brennt. Es haben demnach Generatorgase unter Um- ständen etwa folgende Zusammensetzung: Kohlenoxyd 25 % Stickstoff 66 "/(, Wasserstoff und Kohlenwasserstoffe 4 */„ Kohlensäure 5 "/o 100 0/ in Die entstandene Kohlensäure bedeutet in diesem Falle natürlich nichts weiter, als einen Verlust an Brennstoff, der sich jedoch nicht vollständig vermeiden lässt. Führt man nun den Generatorfeuerungen grössere Mengen von Wasser zu, indem man zugleich mit der Verbrennungsluft Wasserdampf unter die Feuerung bläst, so entsteht das sogenannte Halb wassergas oder Mischgas, auch Do wso ngas genannt. Hierbei halten zwei Vorgänge sich das Gleichgewicht, und zwar die Umsetzung von Kohlenstoff mit Sauerstoff zu Kohlenoxyd einerseits und die Zersetzung von Wasser durch glühende Kohle andererseits nach den beiden Gleichungen : 2 C + O, = 2 CO C + H.3O = H, + CO. Je höher man hierbei mit der Temperatur geht, um so heizkräftiger und um so ärmer an Kohlensäure wird das entstehende Gasgemisch. Seine theoretische Zusammen- setzung aus 38 "„,1 Kohlenoxyd, io'\| Wasserstoff und 52 "/„ Stickstoff enthält zwar keine Kohlensäure; aber in der That ist diese auch hier doch immer in mehr oder weniger grossen Mengen in ihm vorhanden. Es hat prak- tisch etwa folgende Mengenbestandteile, die allerdings innerhalb sehr weiter Grenzen schwanken können: N. F. n. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 63 Kohlenoxyd 25 "/„ Wasserstoff 1 5 % Kohlensäure 5 "/„ Stickstoff 5 5 °lg 100% Das Mischgas ist ein vorzügliches Kraftgas, und für Heiz- zwecke, wie für Motorenbetrieb sehr gut geeignet. Die Herstellung von Mischgas dürfte wohl unter der Erzeugung von ausschliesslich für industrielle Zwecke bestimmten Gasarten heute noch den ersten Rang einnehmen. Zerlegen wir nun den Vorgang der Mischgaserzeugung in zwei Teile und stellen in dem nämlichen Generator zunächst Luftgas her, indem wir ausschliesslich Gebläseluft unter den Rost blasen, schneiden dann die Luftzufuhr ab und blasen ausschliesslich Wasserdampf unter ihn ein, so erhalten wir zunächst unter starker Wärmeentwicklung gewöhnliches Generatorgas, alsdann unter bedeutender Abkühlung des Generators sogenanntes Wassergas. Hier- bei gehen folgende Umsetzungen nacheinander vor sich : 2 C + 0„ = 2 CO C -}- HjÖ = CO + H.,. Dies sind die nämlichen Vorgänge, wie vorhin bei der Erzeugung des Mischgases, jedoch voneinander getrennt. Die sich hierbei entwickelnden beiden Gasarten, nämlich das Generatorgas und das eigentliche Wassergas, werden getrennt aufgefangen und getrennt verwertet. Während das Generatorgas zu gewöhnlichen Heizzwecken dient, wird das Wassergas da angewendet, wo es auf die Erzeugung von besonders hohen Temperaturen an- kommt. Da es theoretisch ein Gemisch aus 50 "/y Kohlen- oxyd und 50% Wasserstoff ist, und da es, weil ohne Luft hergestellt, keinen Stickstoff enthält, so ist seine Verbrennungstemperatur ausserordentlich hoch, selbst wenn wir berücksichtigen, dass es in der Praxis dieser theo- retischen Zusammensetzung nicht genau entspricht, sondern etwa besteht aus : Wasserstoff Kohlenoxyd Kohlensäure Stickstoff 50% 40°/o 6 7o 4"/o 100% Die Herstellung des Wassergases zerfällt nach dem Vorhergehenden in zwei Teile, indem man zunächst die Gaserzeuger, die mit Anthracitkohle oder mit Koks gefüllt sind — Steinkohle selber eignet sich nicht hierzu — durch Einblasen von Luft bis zur Weissglut erhitzt. Nach- dem unter Erzeugung von Luftgas die nötige Temperatur erzielt ist , wird nach Umstellung der Ventile Wasser- dampf eingeblasen (das sogenannte Kaltblasen), wobei die Kohlen stark abgekühlt werden, sodass bald wieder ein Heissblasen nötig wird. Das Kaltblasen dauert etwa fünf Minuten, das Heissblasen etwa zehn Minuten. Diese Zweiteilung des Verfahrens ist um so lästiger, als die eigentliche Wassergaserzeugung demnach nur etwa ein Drittel der Betriebszeit des Ofens hindurch ausgeführt werden kann. Das von Dellwik und Fleischer ein- geführte neue Wassergasverfahren beruht nun darauf, dass bei dem Heissblasen nicht auf Luftgas, sondern auf Kohlensäure gearbeitet wird. Wird die Luft unter sehr starker Pressung in Generatoren eingeblasen, so bildet sich infolge der hohen Geschwindigkeit des Luftstromes trotz hoher Temperatur nur Kohlensäure. Indem diese alsbald der Wechselwirkung mit den glühenden Kohlen entzogen wird, so wird ihre Reduktion zu Kohlenoxyd verhindert. Entsprechend ist denn auch der Kohlenverbrauch bei dem Heissblasen nach dem neuen System bedeutend geringer als bisher, die Geschwindigkeit des Heissblasens aber be- deutend grösser, da bei dem Verbrennen von einem Ge- wichtsteil Kohlenstoff zu Kohlensäure 8080 Kalorien, dagegen beim Verbrennen zu Kohlenoxyd nur 2473 Kalorien entwickelt werden. Demgegenüber fällt zwar die Erzeugung von gewöhnlichem Generatorgas fort ; je- doch wird dafür die Menge des erzielten Wassergases entsprechend erhöht. Nach dem neuen Verfahren wird nur etwa eine Minute lang warm geblasen und dann etwa fünf Minuten lang kalt geblasen, oder wie man auch sagt, Gas gemacht, sodass also fünf Sechstel der Betriebszeit zur Gaserzeugung ausgenutzt werden können. Es werden etwa 2 cbm Gas von i kg Koks gewonnen. Wie schon vorhin angedeutet, wird das Wassergas durch sogenanntes Karburieren vielfach zu Beleuchtungs- zwecken verwendbar gemacht. Zum Beispiel geschieht dieses nach dem Verfahren von H u m p h r e y s und Glasgow, indem man es durch mit glühend gemachten Chamott- steinen gefüllte Kammern leitet, in die Petroleumrückstände hineintropfen, die sich bei der hier herrschenden Hitze in leicht flüchtige Kohlenwasserstoffe zersetzen. Die Heizung der Karburierungsapparate geschieht mittelst der beim Heissblasen sich ergebenden Verbrennungsgase, also ohne jeden weiteren VVärmeaufwand. In Amerika stellen be- reits ungefähr zwei Drittel aller Gasanstalten derartig karburiertes Wasser gas her. Auch in Deutschland sind derartige Anlagen bereits teils schon eingerichtet, teils im Bau. Königsberg in Preussen, Erfurt, Remscheid sind hier zu nennen. In erster Linie bietet die Verwendung des Wasser- gases zu Kraftzwecken grosse Vorteile. Man kann sogar behaupten, dass im allgemeinen eine jede Gasfeuerung, die einigermassen vernunftgemäss angelegt ist, der Ge- winnung von Kraft auf dem Wege durch Verbrennung der Kohle unter dem Dampfkessel überlegen ist. Es ist hier zu berücksichtigen, dass die Bedienung von Dampf- kesseln für hohe Spannung in weit höherem Masse von der Zuverlässigkeit des Heizers abhängig sein dürfte, als es bei Gaserzeugern der Fall ist. Zwar wird man auch mitunter das Gegenteil behaupten hören, jedoch sind dies immer nur Bezugnahmen auf ältere Erfahrungen, die mindestens 20 Jahre oder länger zurückliegen, und die sich auf \'erhältnisse beziehen, unter denen die Kon- struktion von Generatoren noch lange nicht ihre heutige Vollkommenheit erlangt hatte, andererseits auch der Bau von Explosionsmotoren noch in seinen Kinderschuhen steckte. Heutzutage ist namentlich auch der Nutzeffekt von Gasmotoren auf ungefähr das Doppelte bis auf das Vierfache von dem einer Dampfmaschine zu veranschlagen, in welch letzterer selbst bei bester Konstruktion etwa nur ein Siebentel der in den Kohlen aufgespeicherten Kraft nutzbar gemacht werden kann. Der heute so sehr vervollkommnete Bau von Ex- plosionsmotoren hat z. B. auch erst die lohnende Aus- nutzung der Gichtgase ermöglicht, die aus den Hoch- öfen entweichen. Früher geschah diese allgemein, soweit man sie nicht überhaupt verloren gab, durch Verbrennen unter Dampfkesseln, die dann ihrerseits wieder die Kraft für Betriebsmaschinen u. s. w. lieferten. Man gebrauchte für die Pferdekraftstunde etwa 9 bis lo cbm dieser Gase, während man bei der Verbrennung in Explosionsmotoren nur etwa 3 cbm für die gleiche Wirkung nötig hat. Bei der Verwendung von Wassergas zu Kraftzwecken treten natürlich die Vorzüge derartiger den Dampfkessel als Krafterzeuger überflüssig machender Maschinen erst recht zu Tage. Schliesslich sei noch die Verwendung des Wasser- gases für metallurgische Zwecke erwähnt. Seine hohe Verbrennungstemperatur macht es überall da willkommen, wo man Metalle löten, schweissen, glühen oder schmelzen will. Auch in der Glas- und Thonwaren-, wie auch in 64 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. II. Nr. 6 der Cementindustrie hat sich Wassergas bereits eingeführt. Ebenso bringt ihm die chemische Industrie grosses In- teresse entgegen, namentHch auch deshalb, weil hier nicht, wie bei Kohlenfeuerungen die herzustellenden chemischen Erzeugnisse durch Russ oder Flugasche verunreinigt werden können. Auch da, wo man Piatingefasse zu erhitzen hat, dürfte es empfehlenswert sein, weil es die Bildung des bei Kohlenfeuerung so leicht entstehenden Kohlenstoft'platins nicht aufkommen lassen dürfte. Die bei den Wassergasanlagen notwendige Zuführung eines Gemisches von Luft und W^asserdampf setzt das gleichzeitige Vorhandensein eines Dampferzeugers voraus, der unabhängig von der Generatoranlage ist. Wenn dieser Dampfkessel auch nicht Dampf von der hohen Spannung zu erzeugen bestimmt ist, wie es eine für den Betrieb von Dampfmaschinen nötige Kesselanlage thun muss, und wenn sich seine Bedienung demnach bedeutend einfacher gestaltet und der Grad seiner Gefährlichkeit bedeutend geringer ist, so ist es in vielen Fällen doch wünschens- wert, von einem Dampfkessel absehen zu können. Frei- lich arbeiten die Luftgas erzeugenden Anlagen ohne eine solche, aber für Mischgas und Wassergas ist die Erzeugung von Dampf unbedingt notwendig. Da ist nun in der letzten Zeit der Sauggasgenerator erfunden worden, eine Anlage, die alle zur Krafterzeugung mittelst Mischgas nötigen Apparate in gedrungenster Form in sich ver- einigt. Hierbei wird der Dampf in einem, den gewöhn- lichen Wasservorwärmern für Dampfkessel ähnlichen Apparate erzeugt, der durch die .Abhitze des Generators geheizt wird. Dampf und Luft werden nicht mittelst eines besonderen Gebläses, sondern durch die Kraft des Gas- motors selber angesaugt und durch die Kohlenschicht hindurchgesaugt, nicht durch sie hindurchgedrückt. Die Gaserzeugung könnte demnach in Sauggasanlagen nur dann vor sich gelien, wenn sich der Gasmotor in Betrieb befindet, sodass noch eine Vorrichtung vorhanden sein muss, die die ganze Anlage in Betrieb setzt. Zu diesem Zwecke pflegen die Sauggasgeneratoren noch mit einem Handventilator versehen zu sein, der bei Beginn der Arbeit etwa Vi Stunde lang den nötigen Zug in dem Apparate herstellen muss, bis dieser sich selbst in Gang zu halten befähigt ist. Die ursprünglich nur für das Kleingewerbe gedachte Einrichtung der Sauggasanlagen hat sich übrigens bald so gut bewährt, dass sie neuerdings auch für grosse Anlagen in Aussicht genommen wird. Während in den ursprünglichen Generatorgasanlagen jeder Brennstoff verarbeitet werden kann, weil das hier erzeugte Gas nur zu Feuerungszwecken benutzt wird, so sind die Anlagen für Halbwassergas und Wassergas wesent- lich auf die Verarbeitung von Koks oder von Anthracit angewiesen, um niclit eine zu umständliche Reinigung des Gases behufs seiner Verwendung in der Kraftmaschine nötig zu machen. Immerhin spielt aber die Konstruktion eines passenden Reinigers bei dem Bau derartiger Anlagen eine grosse Rolle. Es ist indessen nicht daran zu zweifeln, dass man in Bälde auch mit der Konstruktion von der- artigen Anlagen für die unmittelbare Verheizung jedes beliebigen Brennstoffes zu stände gekommen sein wird, sodass dann deren allgemeiner Anwendung nichts mehr im Wege stehen dürfte. Ueber die Bildung natürlicher systematischer Gruppen und die sich dadurch ergebende Abgrenzung der Gattungen, Arten und Varietäten im Pflanzenreich. Von Dr. Paul Graebner. Gerade in der neuesten Zeit ist die Frage, was ist eine Art, was eine Gattung und was eine Varietät, lebhaft diskutiert worden, allerdings mehr auf zoologischem als auf botanischem Gebiete. In kaum irgend einer die biologischen Wissenschaften so stark beeinflussenden An- gelegenheit sind so verschiedenartige extreme An- schauungen zu Tage getreten, wie hierin. Es muss jeden Laien und Anfänger verwirren, wenn die oft diametral gegenüberstehenden Ansichten sich ihm unvermittelt entgegenstellen. Es scheint deshalb passend, auch in dieser Zeitschrift, die ein Widerspiegel des jeweiligen Standes naturwissenschaftlicher Erkenntnis sein soll, eine Ueber- sicht über die natürliche Bildung systematischer Gruppen, über die dadurch bedingten verschiedenen wissenschaft- lichen, systematischen Richtungen, über deren Entstehung und Begründung und schliesslich über deren Auswüchse zu geben. Machen wir uns zunächst klar, wie wir uns die grosse Formenmannigfaltigkeit der pflanzlichen Welt entstanden denken müssen. Ob das Pflanzenreich mono- oder poly- phyletischen Ursprungs ist, ist für unsere Zwecke gleich- gültig, hier handelt es sich lediglich um die Frage, wie entstehen polymorphe Formenkreise und wie isolierte Formen. Von jeder Pflanzengruppe (ob man dabei an grosse Gruppen, wie Familien oder Gattungen, oder an kleinere wie Arten etc. denkt, erscheint nebensächlich), muss man annehmen, dass sie sich in irgend einer Erd- periode an irgend einer Stelle der Erde in sehr lebhafter Entwicklung befunden hat oder noch befindet. Um ein Bild zu bekommen, in welcher Weise dies etwa geschehen ist, mag man sich einige Formenkreise vergegenwärtigen, die noch heute in dieser lebhaften Entwicklung begriffen sind. Um etwas uns Naheliegendes zu nehmen, seien die H i e r a c i e n, die Habichtskräuter, und die R u b u s arten, aus der Sektion E u b a t u s, die wir gemeinhin als Brombeeren bezeichnen, herausgegriffen ; dazu könnten von einheimi- schen Formen noch die Rosen, Enzianarten, die Augen- trost- (E u phrasia-) die Klappertopf- (AI ectorolophus) Arten und andere erwähnt werden. Die Hieracium- arten finden wir vornehmlich in Skandinavien und in den mitteleuropäischen Gebirgen, die Brombeerarten, besonders im Westen Europas in grosser Mannigfaltigkeit. Bei all diesen Formenkreisen finden wir eine ausser- ordentliche Veränderlichkeit. Sämtliche Organe dieser Pflanzengruppen ändern ab. Von einer Aussaat von Samen derselben Pflanze, bei der jede Bestäubung durch andere Arten ausgeschlossen ist, entstehen Individuen sehr verschiedenartigen Aussehens, oft sind nicht zwei Exem- plare einander gleich, sie weichen in allen Teilen, Blatt- form und -Grösse, Behaarung, Blütengrösse, Farbe und Form, in der Tracht, kurz in allerlei grossen und kleinen Merkmalen von einander ab. Ja bei genauer Untersuchung stellt sich heraus, dass auch oft der anatomische Bau (Grösse der Zelllumina, Verteilung der mechanischen Zellen etc.) merklich anders gestaltet ist. Besonders bei Monokotylen macht sich die abweichende .Anatomie noch besonders bemerkbar. — Solange nun solche in ihrem Aeusseren mehr oder weniger stark abweichende Individuen einen bestimmten Fleck besiedeln, sodass sie gesellig bei- einander stehen, werden die Blüten verschiedener Pflanzen (derselben Art !) durch Insekten etc. wechselseitig bestäubt, ihre Eigenschaften werden gemischt. Es werden sich zwar immer zwischen den einzelnen Exemplaren Unter- schiede herausfinden lassen, aber man wird aus dem Chaos der Formen kaum irgend welche Typen, d. h. Gruppen verwandtschaftlich näher verwandter Formen, X. 1-. IL Xr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 6; die durch gemeinsame Merkmale von den übrigen ab- weichen, herauslesen können, wenigstens nicht ohne eine künstliche Spaltung vorzunehmen. Anders wird die Sache aber, wenn z. B. schon das von der betr. Pfianze (natür- lich einer polymorphen Gruppe) besiedelte Terrain zu gross ist, als dass die an den äussersten Grenzen wachsen- den Individuen sich miteinander befrucliten können. In diesem Falle kann man öfter schon deutlich hervorstechende Eigenschaften der beiden Endgruppen unterscheiden, wenn man eine Reihe von Individuen beider zusammenbringt. An den zwischen drin gelegenen Standorten sind dann meist alle Uebergänge vorhanden. Man kann solche Bei- spiele sehr schön in Thälern beobachten. Noch viel energischer werden sich die Unterschiede bemerkbar machen, wenn zufällig ein oder mehrere Samen eines Individuums an eine ganz isolierte Stelle gelangen. Die sich dort entwickelnde Form wird, je nachdem sie von einem mehr oder weniger extrem abweichenden Individuum abstammt, in ihrer Nachkommenschaft mehr oder weniger zahlreiche, vom Gros der Formen abweichende Merkmale aufweisen. Ich habe bereits in Warm ine, Oekoloeische Pflanzengeographie, 2. Aufl.*), darauf hingewiesen, dass die gärtnerischen Kultur- und Züchtungsversuche gezeigt haben, dass, je mehr verschiedene Organe an einer Pflanze abändern, desto konstanter die Wiederkehr eines be- stimmten abweichenden Merkmals (also eines abgeänderten Organs) bei der Nachkommenschaft des betreffenden In- dividuums ist, vorausgesetzt, dass jede Fremdbestäubung vermieden wird.**) Je mehr also ein Formenkreis ab- ändert, d. h. je polymorpher er ist, desto mehr Chancen sind vorhanden, dass eine aus irgend einem Grunde iso- lierte Pflanze die Stammpflanze einer durch bestimmte Merkmale abweichenden Individuengruppe wird. Es ent- steht so eine Reihe von Formenkreisen, die (in gewissen Merkmalen vollständig beständig) sich sehr wohl von- einander unterscheiden lassen. Wie weit diese Viel- gestaltigkeit gehen kann, lehrt die schon vorher erwähnte Gattung Hieracium, bei der die Zahl der gut unter- scheidbaren, aber doch meist sehr nahe verwandten Formen, die von den meisten Hieraciologen als „Arten" bezeichnet werden, bereits die lOOO weit überschritten hat, und sicher ist dies doch nur ein Bruchteil aller wirk- lich vorhandenen. Eine solche polymorphe Gruppe bietet nun systematisch ein hohes Interesse dar, da es ausser- ordentlich schwierig ist, hier eine richtige Bewertung der Formen zu finden. Man stelle sich z. B. bei Hieracium, Rubus, Rosa oder anderen vor, dass es in diesen Gattungen grosse Gruppen giebt, bei denen sich unzählige Uebergänge zwischen den einzelnen Formenkreisen finden, dass es in diesen Gattungen aber auch Formen und Formenkreise giebt, die vollkommen isoliert stehen und nicht, oder zum Teil noch durch bestimmt hybride Ueber- gänge verbunden sind. Greift man nun einzelne Formen aus verschiedenen der durch alle Uebergänge verbundenen Gruppen heraus und vergleicht sie miteinander, so findet man , dass die Zahl und Schärfe der Merkmale oft viel erheblicher ist als zwischen zwei isoliert stehenden Formen, dass auch beide schon auf den ersten Blick viel weniger nahe verwandt miteinander erscheinen, als vielleicht jede von ihnen mit einer durch keine Uebergänge verbundenen isolierten Art. Solche Fälle kommen bei den genannten Gattungen gar nicht selten vor und finden auch ihre ein- fache Erklärung darin, dass aus irgend einem Grunde die Zwischenglieder in einem Falle erhalten geblieben, im anderen Pralle ausgestorben sind. Wie sind nun solche Gruppen systematisch zu be- *) Berlin 1902. **) Ich hoffe auf diesen so sehr interessanten Gegenstand in dieser Zeitschrift später noch einmal näher einzugehen. handeln und inwiefern soll man ihnen einen Einfluss auf die Abgrenzung bestimmter systematischer Begriffe (Gattung, Arten etc.) zugestehen ? Darüber sind die Meinungen der Systematiker nun sehr verschieden. Denn während die einen für „grosse" Arten und Gattungen schwärmen, sind andere iür die weitestgehende Spaltung. Die grösste Mehrzahl der Botaniker ist geneigt, an dem Linne 'sehen Art- und Gattungsbegriffe in seiner Bewertung ungefähr festzuhalten, ist also grosser Spaltung ebenso abgeneigt, wie unnatürlicher Zusammenziehung. Eine andere Schule aber, die besonders von Kern er begründet ist, der niemand ihren hohen wissenschaftlichen Wert absprechen wird, ist der Meinung, dass man alles das als „Arten" trennen solle, was man in der Natur bei genauem Studium konstant unterscheiden kann. Diese zumeist in Oesterreich verbreitete Richtung hat uns viele Aufklärung besonders über die polymorphen Gruppen, ihre Entstehung und ihre Formenkreise gebracht. Ich brauche nur auf We t ts te in 's bekannte Arbeiten über Gentiana, Euphrasia etc. und über den Saisondimorphismus hinzuweisen. Gerade durch die trefflichen Untersuchungen des genannten Forschers und seiner Schüler sind uns die Formenkreise kritischer Gruppen vor Augen geführt, gerade dadurch ist recht klar ge-worden, dass das Wesen einer exakten systematischen Darstellung in der richtigen Unterordnung oder Ueberordnung besteht. Es ist der Wissenschaft wenig mit der Nebeneinanderstellung von „Arten" gedient, die bis ins Kleinste gespalten sind, sondern wenn man die Formenkreise in ihrer Mannigfaltigkeit übersieht, ist es eben die Aufgabe eines geschickten Systematikers, richtig das Zusammengehörige unter einen bestimmten Begriff" zusammenzufassen, das Unbedeutende unterzuordnen, wie dies besonders bei Wettstein so klar hervortritt. Es ist dann eben nur eine formelle Frage, ob man die letzten P'ormen „Arten" oder „Abarten" oder „Unter- abarten" nennen will. Ascherson und ich haben uns, als wir bei der Abfassung der Synopsis der mitteleuro- päischen Flora vor die Notwendigkeit gestellt wurden, uns in einer Richtung zu entscheiden, entschlossen, nach Möglichkeit den etwa von Linne und anderen gebrauchten Artbegriff festzuhalten , schwächer verschiedene Formen als Unterarten, Rassen, Abarten, Unterabarten graduell zu unterscheiden. Es bleibt dann jedem unbenommen, das, was wir Abart oder Rasse nennen, als „Art" zu betrachten. Die Verkleinerung der „Art" hätte nur dazu führen müssen, zwischen ,, Gattung" und „Art" eine oder mehrere Stufen von Begriffen, die der alten Art resp. der Unterart oder Rasse entsprächen, einzuschalten, wenn anders die systematische Gliederung eine klare sein soll. Daraus ergiebt sich dann auch die Behandlung polymorpher Gruppen von selbst. Durch Uebergänge verbundene Gruppen werden in so viele „Arten" zerlegt, als sich Formenkreise unterscheiden lassen, deren Typen in ihren systematischen Merkmalen so gut voneinander geschieden erscheinen, als die guten, isolierten Arten voneinander geschieden sind. Es wird also jede Gruppe so behandelt, als ob alle Uebergänge ausgestorben wären. Nur so erscheint es möglich, eine wirklich natürliche Darstellung eines Formenkreises zu geben. — Ganz fehlerhaft erscheint es, wegen des Vor- handenseins von Uebergängen eine Vereinigung von in ihren Endgliedern sehr stark abweichenden Formenkreisen vorzunehmen. Wir werden bei der Besprechung der Gattungen, wo die Unmöglichkeit noch stärker als bei den Arten hervortritt, näher darauf zurückkommen. Wie bei allen derartigen Fragen, die lediglich durch richtigen Takt, Verständnis und logisches Denken zu ent- scheiden sind, und bei denen man den verschiedenen Richtungen, solange sie wissenschaftlich begründet sind, volle Würdigung zu Teil werden lassen muss, so hat es natürlich auch bei der Frage von der Abgrenzung der 66 Xaturvvisscnschaftliche Wochenschrift. \. F. IL Nr. 6 Arten ^gegeneinander Leute gegeben (und es giebt noch solche), die die extremsten und oft absonderhchsten An- schauungen vertreten, die der Kuriosität halber hier auch aufgeführt seien. Auf dem einen Flügel sehen wir einen Gan doger, der jedes nur irgendwie unterscheidbare Individuum oder jeden Teil eines solchen als „.'\rt" unter- schied, er soll (si non e vero, e ben trovato) von einem Rosenstrauch drei „Arten" geschnitten haben. Auf der anderen Flanke sehen wir VVallich der den Grundsatz aufstellte, dass alle Formen, die miteinander Bastarde bildeten, in eine Art zusammenzuziehen seien. Das würde also bedeuten, dass z. B. fast alle unsere Orchideen (die (Ophrydeen) in eine Species zu vereinigen seien. Der- artige Ideen können natürlich nie den Anspruch machen, irgendwie ernst genommen zu werden. Kommen wir nun zu den Gattungen. Hier liegen die Verhältnisse im wesentlichen ähnlich, wie bei den Arten. Einige Schriftsteller ziehen es vor, grosse, andere kleine Gattungen anzunehmen. Was hier das Beste und was das Praktischste ist, soll hier nicht entschieden werden, es lassen sich für beide Anschauungen (alle Absonderlich- keiten und Extravaganzen natürlich ausgeschlossen) gute Gründe ins Feld führen. Wem es z. B. beliebt, aus der L i n n e 'sehen Gattung P a n i c u m eine Reihe von Gattungen zu machen, wer Setaria, Digitaria und noch andere abtrennen will, kann dies thun, nur ist er alsdann ge- zwungen, wenn er eben eine der Verwandtschaft ent- sprechende Darstellung geben will, wegen der zweifellos nahen Verwandtschaft seiner „Gattungen" einen neuen der Linne'schen Gattung Pan ic um entsprechenden Begriff zu schaffen, also etwa zwischen Subtribus und Gattung den Begriff der Subsubtribus einzuschalten. Ob damit viel gewonnen ist oder nicht, mag dahingestellt bleiben. Vor- aussetzung für einen wirklichen Wert der Darstellung ist und bleibt wieder die Einheitlichkeit der Behandlung und die richtige Ueber- und Unterordnung. Bei den Gattungen ist nun die Frage ihrer verwandt- schaftlichen Beziehungen zu einander ungeheuer viel wich- tiger als bei den Arten, weil ja durch abweichende Anschauungen in dieser Beziehung wegen der grossen Zahl der betroffenen Arten eine ganz ungemein labilere Nomenklatur entsteht, als bei verschiedenen Meinungen über eine einzelne Art oder einen begrenzten Formenkreis. Gerade in neuester Zeit hat sich nun unsere Kenntnis der verwandtschaftlichen Verhältnisse unserer Gattungen er- heblich erweitert und zwar durch die immer mehr zu- nehmende Kenntnis der Floren fremder Kontinente. Diese Kenntnis hat uns gezeigt, dass es ein vollkommen müssiges Unternehmen ist, von irgend einem einseitigen Stand- punkte aus über die Abgrenzung der Gattungen zu ent- scheiden. Nur ein wirklicher Kenner aller Formenkreise einer bestimmten Gruppe kann eben heute etwas liefern, was darauf Anspruch machen kann, Beachtung zu finden. Welchen Grad der Bewertung der einzelnen Gruppen ein Florist alsdann annehmen will (also welche Stufe er „Gattung" nennen will), bleibt ihm überlassen. Für unsere Europäische Flora ist besonders die Kenntnis des Pflanzenreichtums Centralchinas lehrreich gewesen. Das Innere des himmlischen Reiches muss seit sehr sehr langer Zeit nicht irgendwie geologisch und klimatisch gestört sein, denn wir finden dort die Typen vieler bei uns mehr oder weniger schwach vertretener Gruppen in einer ganz ungeahnten Mannigfaltigkeit vor. Bei einer grossen Reihe von Gattungen hat es sich heraus- gestellt, dass Sektionen, die man stets für gut getrennt gehalten hat, durch allerlei interessante Uebergänge ver- bunden sind. Ja was das Wichtigste ist, eine ganze An- zahl von Gattungen, die bei uns durchaus nicht nahe miteinander verwandt erscheinen, haben sich dort durch Uebergangsformen verbunden gezeigt. Einige dieser Gattungen hat man wegen der Schärfe und Zahl der trennenden Merkmale sogar in verschiedene Tribus ge- bracht. Wer würde glauben, dass es zwischen unseren Jelängerjeüeberarten mit den gezweiten Fruchtknoten und der bescheidenen Linnaea unserer Wälder Uebergänge gäbe , natürlich auf einem Umwege , der in mehrere Gattungen zerfällt. Chrysosplenium, unser Milzkraut ist bei uns von den Steinbrecharten weit, weit verscliJeden, in China giebts Uebergänge, ebenso zwischen Primula und Androsace, zwischen G e n t i a n a und S w e e r t i a und vielen anderen. Alle diese Vorkommnisse sind äusserst lehrreich, sie zeigen uns, dass Gattungen an einer Stelle streng geschie- den sein können, an anderer verbunden. — Wir können uns der bestimmten Annahme nicht verschliessen, dass die Länder, in denen wir die Uebergänge finden, die Ursprungs-, die Entstehungszone der betreffenden Gattungen darstellen, dass also China uns viele unserer Gattungen geliefert hat, in denen bei der Wanderung nach U'esten neue (unsere) Arten entstanden sind. Ebendieselben Ver- hältnisse finden wir bei den Gattungen anderer Kontinente, an einer Stelle streng geschiedene Gattungen, an anderen Orten viele Uebergänge. In Ländern mit sehr bewegter geologischer Vergangenheit werden durch die Wanderung und die dadurcli bedingte Trennung und das .Aussterben der Zwischenglieder die Formenkreise isoliert sein, in anderen Erdstrichen mit wenig geändertem Klima werden die Zwischenglieder erhalten sein. Aus all diesen Thatsachen sieht man, dass man bei der Bewertung systematischer Gruppen sich vor zu starker Berücksichtigung von Uebergangsformen und -formen- gruppen hüten muss. Es muss, soll anders die Darstellung überhaupt einen Anspruch auf Beachtung machen, lediglich massgebend sein, ob die Merkmale der typischen Ver- treter einer Gruppe so stark von den typischen Ver- tretern einer anderen abweichen, dass sie eine generische Trennung rechtfertigen. Je nachdem jemand diese An- forderungen hoch oder niedrig stellt, werden die Gattungen gross oder klein. Aus diesem Gesichtspunkte heraus haben auch alle unsere bedeutendsten Systematiker ihre Ein- teilung des Pflanzenreichs vorgenommen. Wer z. B. auch die Gruppen unseres neuesten und zweifellos besten Systems der Siphonogamen aufmerksam betrachtet, wird finden, dass Engler sogar Familien getrennt hat, selbst wenn nahe verwandte Formen vorhanden sind. Wie bemerkt, ist die Auffassung, was als Gattung aufzuführen sei, bei den verschiedenen Schriftstellern sehr verschieden, der eine hält grosse Gattungen, der andere kleine für praktisch, der letztere schafft dann eben für die ehemalige Gattung einen besonderen Begriff (vgl. z. B. Hackel's Bearbeitung der Gräser in den natürlichen Pflanzenfamilien). Solange solche Trennungen und Ver- einigungen ihre wissenschaftliche Begründung haben, werden sie bei den verschiedenen Autoren wiederkehren und in der wissenschaftlichen Nomenklatur ist dem Rech- nung getragen, indem darauf hingewirkt werden soll, dass Namen für zu trennende systematische Gruppen nicht wieder im Pflanzenreiche vorkommen, sodass dann ohne Schaden für die Klarheit z. B. Setaria als Gattung oder Untergattung beliebig genommen werden kann. Leider sind nun natürlich auch hier wieder von einigen Schrift- stellern extreme und zum Teil ganz extravagante An- schauungen hineingetragen. In der Spaltung der Gattungen waren z. B. Heuffel, Ehrhardt und der Sieben- bürgische Florist Schur Meister. Auf die unbedeutendsten Merkmale hin wurden ,, Gattungen" gemacht, so haben die genannten z. B. selbst die einzelnen natürlichen Gruppen von Carex noch in eine Reihe von „Gattungen" ge- N. F. IL Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 67 spalten. Nun, darüber ist die Systematik zur Tagesordnung übergegangen, Gattungen wie Vignantha,Polyglochin, Maukschia, Leucogl oc h i n, Le p t os tach y s , Ge - nersichia, Dornera und viele andere sind längst und gern vergessen. Diese stark gespaltenen Gruppen sind zumeist in wissenschaftlichen Werken und Zeitschriften veröffentlicht und unterlagen so erst der ruhigen und sachlichen Kritik der Systematiker, ehe sie dem Gros der Botanophilen, den Anfängern, kurz der grossen Zahl der nicht berufsmässigen Botaniker vorgelegt wurden. Anders ist CS zum grössten Bedauern mit einer erst neuerdings hervorgetretenen, ebenso zu verwerfenden Richtung, deren hoffentlich stets einziger Vertreter E. H. L. Krause ist. Der genannte Schriftsteiler vertritt das entgegengesetzte Extrem. Er vereinigt in geradezu unglaublicher Weise. Man könnte auch darüber ruhig hinweggehen, wenn nicht dieser höclist sonderbare „Gattungsbegriff", der sich manchmal mit dem mehrerer Tribus anderer Syste- matiker deckt, leider in einem sehr verdienstvollen, von allen Seiten freudig begrüssten, für die Freunde der Botanik und besonders für die Lehrer bestimmten Unter- nehmen, nämlich in der Neuherausgabe der Sturm'schen Flora zur Darstellung gelangt wäre. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass selbst ein Buch, welches haupt- sächlich für die Benutzung durch sich intensiv mit Floristik beschäftigende Personen geschrieben ist, wenn es eine praktisch brauchbare Uebersicht über die Plora eines Ge- bietes geben soll, sich möglichst fernhalten muss von allen in wichtigen Dingen sehr abweichenden An- schauungen ; aber als ganz verfehlt müssen solche Versuche in einem zur Belehrung und Orientierung für Anfänger und für solche Botaniker bestimmten Buche sein, die sich niclit täglicii mit Botanik beschäftigen und sich nicht noch neben der Flora andere gute Bücher halten können. Ich würde hier kein Wort über die Sache verlieren, wenn icli nicht gerade aus dem Leserkreise dieser Zeitschrift und von anderen Mitgliedern des Deutschen Lehrervereins für Naturkunde, sowie von einer Reihe botanischer Fach- genossen in dieser Angelegenheit befragt worden wäre. Von den einen zweifelnd, ob man denn wirklich jetzt so etwas mache (diese Zweifel zeigen schon vollständig die grosse Gefahr und Verwirrung durch extreme Ideen in populärwissenschaftlichen Schriften), von anderen ärgerlich über solche unübersichtliche Darstellung und schliesslich von anderen, warum man nicht Front mache gegen solch wissenschaftlich gar nicht zu vertretendes System. Was will Herr E. H. L. Krause? will er die Tribus der übrigen Forscher zu Gattungen, ihre Reihen zu Familien erniedrigen oder was will er? Thäte er das erste, so wäre damit nichts gewonnen, es giebt in jedem Falle unübersichtliche Massen und nach unten müsste ein Ein- teilungsglied mehr eingeschoben werden. Ist er dieser Meinung, so hätte er das im Botanischen Centralblatt etc. zu dem übrigen bringen können, in eine populäre Flora gehört so etwas nicht. Aber die Gattungen entsprechen gar nicht den Tribus, manchmal umfasst eine Gattung sogar mehrere Tribus oder Subtribus, wie sein Cheno- podium, Cyperus, Silene etc., in anderen Fällen nimmt er mehrere Gattungen einer Tribus an, so Erio- phorum (Scirpinae) als Gattung neben seinem Cyp e- rus (Cyperus [Cyperinae], Scirpus [einschliesslich Hei eocharis], Scirpinae). Dass Scirpus caespi- tosus und Eriophorum alpinum die nächsten Ver- wandten sind, bezweifelt heute niem.aiid mehr, die sind aber in zwei Gattungen, dagegen Cyperus und Scirpus (wohl wegen Scirpus Michelianus?), die Nelken (Dianthus), Schleierkräuter (Gy pso ph ila), die Licht- nelken (Me lan d ryu m), die Silenen, die Kornraden, die beinahe jeder Schuljunge unterscheidet, alles in einer Gattung, die gesamten Alsineen sind Als ine. Die Waldrebe (Clematis) ist .'\nemone, Dotterblume (C alt ha) ist T r o 1 1 i u s , M y o s u r u s ist R a n u n c u 1 u s , Rittersporn (Delphi nium) und Eisenhut (Aconitum) ist dieselbe Gattung! Die Lathyri sind wieder Erbsen (Pisum), dagegen diese von Pisum durch ein so „ungeheures" Merkmal wie die ungleichlange oder gleichlange Ver- wachsung der Staubfäden (siel) von seiner Gattung Vi cia (= Cicer, Ervum, Vicia, Lens) geschieden. Wo bleibt da die Logik? So geht es durch die ganzen Bände, da hat ein ge- schulter Systematiker zu suchen, da er ja nie weiss, wo nun die natürlich vollkommen willkürliche Gattungsgrenze bei Familien wie Leguminosen etc. gemacht ist. Die logische Folge wäre die Vereinigung der ganzen Papilionaten gewesen. Bei den in Deutschland vertretenen Gattungen finden sich nun schon solche Ungleichheiten, auf die exotischen Gattungen ist natürlich keine Rücksicht genommen. Von welchem Gesichtspunkte aus Herr E. H. L. Krause die langjährigen Forschungen der besten Kenner der Familien einfach über den Haufen geworfen hat, ist ganz unerfindlich; woher er den Mut hat, seine subjektive Empfindung so sehr über die Resultate ernster Forscher zu stellen, dass er Dinge, die in zwei verschiedene Tribus gestellt sind, zu einer Gattung vereinigt, zusammen- gehörige Formen willkürlich trennt, versteht wohl niemand. Auf die Anatomie wird gar kein, auf die morphologischen Merkmale wenig Gewicht gelegt, das erinnert an die Etymologen mit der entsprechenden Bewertung der Vo- kale und Konsonanten. — Wie gesagt, hätte Herr E. H. L. Krause seine Anschauungen in einer wissen- schaftlichen Zeitschrift niedergelegt, würde niemand, wie über seine ebenso merkwürdigen Ansichten über die Sympetalen Gruppen, ein Wort verlieren. Um solche Neuerungen einführen und über die Arbeiten der be- deutendsten Systematiker ein irgendwie massgebendes Urteil fällen zu können, gehört meines Erachtens ein Jahrzehnte langes Studium der Formen der ganzenWelt. Seine Theorie über die Steppe, über etymologische Fragen, über die Kieferngrenze und anderes sind zum Teil als falsch nachgewiesen, zum Teil befindet er sich mit den Spezialforschern darüber im grössten Widerspruch, aber immerhin haben diese Schriften beigetragen, dass die Dinge diskutiert und geklärt wurden. Dass aber hier in einem populärwissenschaftlichen Werke eine solche rein subjektive Anschauung vorgetragen wird, die noch nicht einmal logisch und wissenschaftlich durchgeführt ist, und nur zur Verwirrung Tausender, die Belehrung suchen, führt, wird jeder Freund der Botanik, der ihr durch recht viele Mitarbeiter Förderung wünscht, von ganzem Herzen be- dauern. Das ist nicht Fortschritt, sondern höchster Rück- schritt, damit wirbt man keine Freunde, sondern schreckt den Anfänger ab, der sich nicht orientieren kann und allenthalben Widersprüche mit allen landläufigen Büchern findet. Es wäre dringend zu hoffen, dass der Lehrerverein im Interesse seiner Mitglieder dafür sorgt, dass wenigstens die folgenden Bände vor dieser Entwertung durch eine unbrauchbare Form bewahrt werden, damit wir nicht Gattungen wie Crucifera etc. zu sehen bekommen. Sehr unpraktisch erscheinen auch die an den Schluss ge- brachten „zweifelhaften Formen", warum sind diese nicht dort hingebracht, wo sie nach ihrer Verwandtschaft ge- hören, zumal da der Verfasser recht willkürlich Pflanzen als ,,dubius" bezeichnet, deren Beziehungen zu den anderen Arten man doch recht genau kennt. Es ist diese Auslassung über die andere extreme Anschauung etwas eingehend geworden , indessen schien es mir angebracht, bei der ungemein weiten Ver- breitung des Werkes und dem Interesse, welches ihm mit Recht von allen Seiten entgegengebracht wird (die Abbildungen sind meist ausserordentlich gut), auf das schädliche solcher Neuerungen im populären Werke, mit sachlicher, wenn auch scharfer Kritik hinzuwe